Kraftwerk Berlin-Mitte

Staatsoper setzt auf ungewöhnlichen Spielort

Techno meets Oper: Im Berliner Kraftwerk Mitte prallen zwei Musikkulturen aufeinander. Um 9 Uhr morgens werden die Bässe heruntergefahren und die Opernleute beginnen mit ihren Proben. Gewagt - doch der ungewöhnliche Spielort kommt beim Publikum gut an.

Welch ein Abend! Man weiß nicht, ob man heulen oder lachen soll. So ergeht es einem in der Oper ja oft, aber Luigi Nonos „Al gran sole carico d'amore“ (ungefähr: „Zur großen Sonne, von Liebe durchdrungen“) ist keine Oper, sondern nur eine szenische Aktion, eine Text- und Toncollage; wir heulen nicht aus Rührung, sondern aus Wut, und wir lachen nicht über den Humor, sondern über die Trivialität des hier Erzählten.

Die Staatsoper bringt ein provokantes und seit der Uraufführung 1975 kontrovers diskutiertes Stück auf die Bühne, und zwar auf die Bühne des Kraftwerks Mitte, das optisch und akustisch beste Bedingungen bietet und nicht wenig zum gesellschaftlichen Glanz dieses Ereignisses beiträgt – in der Premiere jedenfalls saß fast alles, was im kulturellen und politischen Berlin einen Namen hat. Das Opernereignis des Jahres? In gewisser Weise ja.

Patina des Authentischen

Gelungen ist zweifellos Katie Mitchells Regiearbeit. Die Engländerin konnte sich auf keine einzige szenische Anweisung Nonos stützten, sie musste das Stück für die Bühne komplett neu erfinden. Und schaffte es, dem latenten Kitsch eindringliche Bilder abzugewinnen. Die Akteure sind doppelt besetzt, als Sängerinnen und Schauspielerinnen. Handkameras werfen meist häusliche Szenen auf die große Leinwand, dort wirken die Filmsequenzen wie Originalaufnahmen aus dem 19. Jahrhundert, verklärt von der Patina des scheinbar Authentischen.

Gelungen auch die musikalische Präsentation durch Ingo Metzmacher, der Staatskapelle, Staatsopernchor und Solisten, allesamt hoch engagiert, souverän zusammenhielt. Das Werk, eigentlich ein Flickenteppich aus verschiedenen früheren Arbeiten, klang wie aus einem Guss, selbst die Klangzuspielungen konnten nahtlos in das gigantisch aufgeblähte Orchester eingefügt werden.

„Al gran sole carico d'amore“ will die Geschichte des Kommunismus erzählen. Anhand mehrerer Frauenschicksale werden die Pariser Commune 1871, die russische Revolution von 1905 und der Guerillakampf Che Guevaras vergegenwärtigt, Ereignisse aus Kuba und Vietnam klingen ebenso an wie der Streik von Fiat-Arbeitern in den 50er Jahren. Ein Großteil des Textes ist aus Zitaten von Gorki, Brecht und Pavese montiert, aber auch Marx, Lenin und Fidel Castro melden sich zu Wort. Stalin war 1972, als Nono mit der Arbeit an „Gran sole“ begann, nicht mehr so recht populär unter Linken, Pol Pot hatte noch nicht die Macht an sich gerissen in Kambodscha – die Weltgeschichte verfuhr gnädig mit Luigi Nono.

Es kommt aber auch so knüppelhart. Nono thematisiert mit Vorliebe gescheiterte Aufstände und Revolutionen. Aus gutem Grund, denn erfolgreiche Revolutionen enden gewöhnlich im Massenmord. Nono, seit 1952 Mitglied der Kommunistischen Partei Italiens, konnte und wollte sich nicht von der Illusion lösen, jeder Kampf gegen Unterdrückung und Unrecht sei per se ein kommunistischer Kampf und das Subjekt dieser historischen Bewegung notgedrungen die Arbeiterschaft. Das glaubt heute im Grunde niemand mehr. Deswegen wird Nonos politische Ideologie, wie sie sich ein letztes Mal manifestierte in „Gran sole“, heute sehr ungern behandelt. Man entfernt einfach das kommunistische Credo aus seinem Gedankensystem. Übrig bleibt ein großartiger Mensch, dessen Musik gegen die Herrschenden rebelliert. Im Programmbuch der Staatsoper finden sich mit Beiträgen von Jürgen Flimm, Ingo Metzmacher und Jürg Stenzl denn auch beachtliche Kostproben dieser Art, den italienischen Meister der Moderne zu entschärfen und einer Gegenwart schmackhaft zu machen, die wahrlich genug Veranlassung hat, gegen den bankrotten Turbo-Kapitalismus zu rebellieren. Luigi Nono – Übervater der Protestbewegungen des 21. Jahrhunderts?

Nein, so leicht funktioniert das nicht. Eine verquaste Ideologie von 1970 löst nicht die sehr komplexen Probleme von 2012. Nono löst sie umso weniger, als er selbst an den ideologischen Widersprüchen seiner Konzeption scheitert. „Al gran sole carico d'amore“ war schon zur Zeit der Uraufführung politisch irrelevant. Dramaturgisch vermurkst und musikalisch dürftig ist das Stück ohnehin. Darin besteht die eigentliche Katastrophe des Komponisten Nono, der in früheren Jahre überaus wirkungsmächtige, originelle und vollkommen undogmatische Werke geschaffen hat: sein „Gran sole“ kann die zentrale These, Schönheit und Revolution seien kein Widerspruch, nur behaupten, aber nirgends beweisen. Der ohnehin begrenzte humanistische Gehalt des Librettos wird durch die ästhetische Umsetzung vollends dementiert. Niemand begriff das besser als Nono selbst. Er zog die Konsequenzen aus diesem Scheitern und suchte fortan stille, fragile Klanglandschaften auf. Sein letztes Orchesterwerk benennt bereits im Titel diese neue Orientierung: „No hay caminos. Hay que caminar...“ – „Es gibt keine Wege. Du kannst nur gehen...“

Betäubt vom martialischen Klang

Schon in „Gran sole“ gibt es längst keine Wege mehr. Die Verzweiflung darüber wird aber noch betäubt durch einen martialischen Klangapparat, der sich im ersten Teil vor allem durch monoton belfernde Posaunenchöre bemerkbar macht. Vieles ist überhaupt nicht musiziert, sondern kommt vom Tonband. Von dem Isländer Jón Leifs hätte Nono lernen können, wie man solche Eruptionen differenziert und expressiv in Szene setzt. Nur vertonte Leifs halt keine Revolutionen, sondern Vulkane. Dieser zweite Teil wirkt bedeutend abwechslungsreicher, die musikalische Gestik des Orchesters ist fasslicher, die sängerische Gestaltung emotionaler. Streckenweise blitzen Erinnerungen an gregorianische Chöre auf. Allerdings stammen wesentliche Bestandteile aus älteren Werken: der ‚Marsch der Unterdrückungsmaschinerie' aus „Intolleranza“ (1960), die Schluss-Szene fast vollständig aus der Kantate „Ein Gespenst geht um in der Welt“ (1971). Auch kompositorisch war Nono an einen Endpunkt gelang.

Endete damit jegliche weltanschaulich geprägte, missionarische Musik? Keineswegs. Zeitgleich mit Nonos ‚Gran sole' entstand in Schweden eine Vokal-Symphonie auf Texte des chilenischen Dichters Pablo Neruda. Dieses Werk, Allan Petterssons 12. Symphonie mit dem Titel „Die Toten auf dem Markt“, entstand ebenfalls unter dem Eindruck des Vietnamkrieges und des Putsches gegen Salvador Allende. Bei Pettersson gelingt alles, was bei Nono schiefgeht. Ingo Metzmacher hat „Die Toten auf dem Markt“ vor Jahren in Köln dirigiert.

Nonos „Gran sole“ darf als Lehrbeispiel gelten, wie ein künstlerischer Protest, der sein Ziel erreichen will, nicht aussehen darf. Man dankte der Staatsoper und allen Beteiligten für diese vermutlich unabsichtlich erteilte Lektion. Und wankte gedankenschwer nach Hause. Lieber ein verkrachter Nono als ein perfekter Puccini!

Kraftwerk Mitte, Köpenicker Str. 70. Tel.: (030) 20354555. Termine: 3., 5., 9., 11. März 2012