"Kunst und Schwerarbeit"

Sponsoren sind die neuen Feinde von "Occupy"

Die "Occupy Wall Street"-Bewegung kämpft gegen die Kunstbiennale in New York, weil sie "großen Firmen" zugute komme – nicht aber den "Kunstarbeitern".

Foto: dapd / dapd/DAPD

Die "Occupy Wall Street"-Bewegung ist aus ihrem Winterschlaf erwacht . Die ungewaschenen Jungen und Mädchen, die gegen den Kapitalismus und das Böse an sich und überhaupt protestieren, ziehen wieder durch die Straßen des Börsenviertels in New York. Jetzt aber haben die "Occupy Wall Street"-Leute einen neuen Feind ausgemacht: das Whitney-Museum.

Alle zwei Jahre stellt dort eine erlesene Elite der amerikanischen Nachwuchskünstler ihre Objekte aus; im März ist es wieder so weit, und dann erneut im Frühjahr 2014. Eine Untergruppe der "Occupy Wall Street"-Bewegung, die sich laut Eigenbeschreibung um "Kunst und Schwerarbeit" kümmert, hat nun einen Brief an die Museumsdirektion geschrieben, in dem sie ultimativ dazu auffordert, die Biennale des Whitney-Museums bis 2014 einzustellen.

Nun könnte man diesem Ultimatum eine gewisse Berechtigung nicht absprechen, wenn Amerika Deutschland wäre. Wenn also Museen wie Opernhäuser oder Theater – in denen kulturelle Ereignisse stattfinden, die nur einer kleinen Minderheit zugutekommen – von einer Mehrheit, nämlich den Steuerzahlern, finanziert werden müssten.

In Amerika ist es aber gerade andersherum: Veranstaltungen wie die Biennale des Whitney-Museums werden hauptsächlich von Sponsoren getragen (und auch arme Schlucker wie der Schreiber dieser Zeilen dürfen sie dann genießen). Lustigerweise erregt just dieser Umstand den Zorn der "Occupy Wall Street"-Bewegung.

Die Experten für "Kunst und Schwerarbeit" freuen sich also kein bisschen, dass die Reichen für die Gaudi in ihre eigenen Taschen greifen. Stattdessen schreiben sie erbost: Die Ausstellung "in ihrer jetzigen Form" sei abzulehnen, weil sie ein System aufrechterhalte, das "Sponsoren, Treuhändern und großen Firmen" zugutekomme – nicht aber den "Kunstarbeitern". Ganz besonders verdammenswert sei die Beteiligung des Auktionshauses Sotheby’s an der Biennale.

Die Mehrheit derer, die künstlerisch unbegabt ist

Die Genossen Kunstarbeiter werden sich bei der Bewegung schön bedanken. Schließlich erhalten sie im Whitney-Museum häufig die erste Gelegenheit, ihre Kunstwerke einem breiten Publikum vorzustellen. Wir aber schlagen der "Occupy Wall Street"-Bewegung hiermit vor, ihren Slogan abzuändern oder vielmehr: ihn zu verschärfen. Bekanntlich lautete dieser Slogan bisher: "Wir sind die 99 Prozent", aber das ist noch viel zu bescheiden. Die Parole sollte besser lauten: "Wir sind die 99,99 Prozent".

Soll heißen: Wir gehören zur absoluten Mehrheit derer, die künstlerisch unbegabt sind. Wir können weder malen noch zeichnen oder Plastiken herstellen; wir haben in unserem Leben noch nie auch nur den bescheidensten ästhetischen Einfall gehabt. Und wir werden dafür sorgen, dass jener Promilleanteil der Bevölkerung, dem es anders geht, keine Chance bekommt, sein freches Haupt über uns zu erheben.