Literaturkritik

Als Thomas Bernhard ein Nationalsozialist war

Kritik als Demaskierung: Christian Kracht ist nicht der erste Autor, der für seine Figuren haften soll. Auch dem Österreicher Thomas Bernhard erging es so.

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Gut, es ist ein paar Jahre her, dass in der „Zeit“ ein denkwürdiger Satz über einen berühmten österreichischen Schriftsteller stand: „Thomas Bernhard ist in all seinen Figuren, auch in seinen Nazifiguren, höchstselber anwesend.“ Eingeleitet wurde die Kritik zur Uraufführung des Stückes „Vor dem Ruhestand“ überdies mit den provokanten Worten: „ Vermutlich ist Herr Bernhard ein Nazi .“

War man damals, 1979, in den Feuilletons noch nicht so prüde, wie es die Verteidiger Christian Krachts jetzt angesichts des Vorwurfs sind, sein neuer Roman „Imperium“ sei ein Einfallstor rechten Gedankenguts? Keine Entrüstung weit und breit, keine Kritikerkollegenschelte, ja nicht einmal der Lufthauch einer Debatte.

Dem hochgradig gebrochenen Witz von Bernhards Texten haben manche Kritiker ebenso wenig getraut, wie im Fall von Christian Kracht das unbedingte Gegenteil gilt: Im Roman „Imperium“ ist doch alles nur ironisch! Neu ist allenfalls, mit welcher Humorlosigkeit heutzutage die Ironie verteidigt wird.

Im Bestiarium der deutschsprachigen Literatur

Wer ein Großschriftsteller ist, der kommt moralisch vor den Augen der Öffentlichkeit nicht nur als er selbst daher, sondern auch in Form seiner literarischen Figuren und Maskierungen. Die Masken werden dabei gerne für Demaskierungen des Autoren-Ichs gehalten, und so gerät fast jeder irgendwann in Verdacht. Thomas Bernhard, Günter Grass, Christa Wolf, Martin Walser, Peter Handke und Elfriede Jelinek. Im Bestiarium der deutschsprachigen Literatur scheinen sich Kryptofaschisten, Doppelmoralisten, heimliche Antisemiten, finstere Nationalisten und Immer-noch-Kommunisten zu tummeln.

Elfriede Jelinek, die jetzt mit ihrer Unterschrift auf einer Protestnote für die moralische Unbedenklichkeit Christian Krachts bürgt, weiß, was es bedeutet, wenn die Literaturkritik nicht nur den Büchern, sondern auch der persönlichen Ehre an den Kragen geht. Man war wenig zimperlich, als man die Grauslichkeiten der Welt, die in ihren Büchern beschrieben sind, gegen Jelinek selbst wendete. Gegen die Wildnis mancher Feuilletons hat ihr Verlag jedenfalls nicht so wehleidig Schutz geboten wie Kiepenheuer & Witsch, das Haus, in dem Christian Kracht erscheint.

Vorwurf der literarischen Herrenreiterei

Der „Spiegel“ war das ausführende Organ der Kracht-Beleidigung. Seinem schlechten Gewissen hat der Verlag zwei Gratisseiten für PR in Sachen „Imperium“ herausgerissen. Auch die „Zeit“ hat in ihrer jüngsten Ausgabe zwei ganze Seiten zu Kracht. Das ist nur der vorläufige Höhepunkt einer moralischen Verquältheit der Literaturkritik, die sich plötzlich und erstmals zu fragen scheint, ob man den Autor auch höchstpersönlich für das zur Rechenschaft ziehen darf, was er da schreibt (möglicher Irrtum inbegriffen).

Wer, wie Christian Kracht, zur Beschreibung edler Wilder in den gut gebügelten Anzug Thomas Manns schlüpft, wer sich und seinen Roman mit diesem Vorbild schmückt, den darf man mit einigem Recht auch der literarischen Herrenreiterei bezichtigen. Und in diesem Punkt trifft sich trotz aller ästhetischen Unterschiede selbst ein Christian Kracht mit Thomas Bernhard.

Der durchgeknallte Adel der Exotik in „Imperium“ ist ja vielleicht überhaupt nur eine Variante von Thomas Bernhards aristokratisch-ländlicher Abgeschiedenheit. Die Figuren beider streben nach Höherem, und die Autoren streben mit ihnen. Sie treiben ihr Spiel mit dem Elitären, und am Ende ist das vielleicht weniger politisch als einfach nur trivial.

Auch wenn nicht alles nur ein Witz ist bei Bernhard und in „Imperium“, gibt das Krachts Kritiker (ja, dem einen) deswegen noch lange nicht recht. Die Gefahr, dass die Neonaziszene mithilfe seines Romans den intellektuellen Durchbruch schafft, ist ungefähr so gering wie die Gefahr, dass der Schweizer Schriftsteller zum neuen Proselytenmacher einer im Roman beschriebenen Kokosnusssekte werden könnte.

Ob es nicht seltsame, bedrückende Verwandtschaften zwischen Bernhards Poesie und der Philosophie der Nazis gibt, fragt der Kritiker, als beim Stück „Vor dem Ruhestand“ der Vorhang gefallen ist. Und ob da nicht gefährliche Ähnlichkeiten sind „zwischen einem radikalen Dichter, der die Welt am Schreibtisch vernichtet, und radikalen Spießern, die Ernst machen müssen, weil sie sich aus ihren Zerstörungsphantasien nicht in Literatur retten können“? Wenn die These gestimmt hätte, dann wären die radikalen Spießer wohl nicht mit einer Fuhre Mist beim Burgtheater vorgefahren, um sie Thomas Bernhard vor die Füße zu schütten.

Bei der Frage, wo er politisch steht, war Thomas Bernhard so deutlich und doch so ironisch, wie er nur konnte: „Ich bin ja Sympathisant, nur, ich weiß nicht, für was.“ Hätte er doch nur die von ihm selbst verfassten Bücher gelesen. Und das, was die Kritiker dazu sagen.