Late Night "Maybrit Illner"

Oettinger würde tüchtige Beamte nach Athen schicken

Griechenland wird noch lange am Finanz-Tropf der EU hängen – so die Runde bei Illner. Das Land müsse ähnlich aufgebaut werden wie die Ex-DDR nach der Wiedervereinigung.

Foto: dpa

Wir haben Zeit gewonnen – das ist für Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) das aktuelle Signal in der Eurokrise. Nach der nur noch ohne Kanzlermehrheit zustande gebrachten Zustimmung zum zweiten Hilfspaket für Griechenland im Bundestag und beim nun laufenden Gipfel der EU-Staatschefs in Brüssel soll das für Beruhigung sorgen.

Bei Maybrit Illner entwickelten die Talkgäste allerdings eine Zeitperspektive, die gar nicht verheißungsvoll wirkt. "Völker, hört die Signale" mag da mancher Zuhörer gedacht haben – es wurde der Bogen zum langwierigen Prozess der Wiedervereinigung geschlagen.

Wird der Rettungsfonds aufgestockt?

Illner hatte im Studio DGB-Chef Michael Sommer, EU-Energiekommissar Günther Oettinger, die griechischstämmige Sängerin Vicky Leandros, den ARD-Börsenexperten Frank Lehmann und den Bankenexperten Wolfgang Gehrke zu Gast. Ihre Überschrift zu der erneuten Griechenland-Sendung lautete "Wann verliert Deutschland die Geduld?"

Vom Brüsseler Oettinger wollte Illner allerdings zunächst wissen, was dran ist an den Gerüchten über eine Aufstockung des Euro-Rettungsfonds ESM von 500 Milliarden Euro auf etwa 750 Milliarden Euro .

Merkel hatte ja noch Anfang der Woche im Bundestag keinen Grund für solch einen Schritt gesehen. Doch Oettinger ist schon weiter. Er könne sich vorstellen, dass einer Aufstockung um "700 bis 800 Milliarden Euro zugestimmt wird".

Und Gehrke lieferte auch gleich die Begründung, warum Merkels Sätze aus dem Bundestag angeblich schon nicht mehr gelten. "Die Kanzlerin kann nicht im Vorfeld sämtliche Karten aus der Hand geben." So schwindelerregend sind die Summen, dass sich offenbar niemand mehr über solche sprunghaften Erhöhungen Sorgen macht und das politische Taktieren mit den Zahlen akzeptiert wird. Selbst Gewerkschaftsboss Sommer nahm die Zahlen-Jonglage ohne Protest nur zur Kenntnis.

Ausstieg aus der Euro-Zone aus Heilsbringer

Die kräftigste Debatte lieferte sich die Gruppe um die Frage nach einer möglichen Rückkehr der Griechen zur Drachme. Vor allem Professor Gehrke plädierte dafür – er hatte das schon vor zwei Jahren gefordert. Interessant ist, was die immer wieder in Griechenland weilende Leandros dazu aus ihrer zweiten Heimat berichtete. "Es sind plötzlich einige dafür, das ist neu", sagte Leandros. Aber ob daraus wirklich eine größere Bewegung Griechenlands aus dem Euro heraus wird? Die griechische Regierung macht zumindest keinerlei Anzeichen für solch einen Schritt.

Gehrke stand alleine mit seiner Auffassung dar, dass der Ausstieg aus dem Euro der bessere Schritt wäre. Alle anderen warnten vor den Risiken. Das würde zu einer Währungsabwertung von 30 Prozent führen, sagte Sommer.

Für den Export könnte dies zwar Vorteile bringen. Dafür müssten die Griechen erstmal einen nennenswerten Export haben. Für den Import aber würde das nur noch weitere Preissteigerungen bringen. Und Oettinger brachte wieder das alte Argument des drohenden Domino-Effekts hervor, dass dann auch andere Länder aus dem Euro aussteigen müssten. "Brandgefährlich" nannte das der EU-Kommissar.

Der DDR-Vergleich

Die Argumente zum Euro-Ausstieg Griechenlands waren nicht neu, so entwickelte sich in der Runde auch nur eine gebremste Leidenschaft. Belebend wirkte da als weiterer Gast der Athener "Bild"-Zeitungsreporter Paul Ronzheimer. Der hatte schon vor zwei Jahren in Griechenland wieder Drachmen unters Volk gebracht und ist seither in diversen griechischen Talkshows Gast gewesen.

Von Wut unter den Griechen berichtete Ronzheimer und dem besonderen Augenmerk auf Deutschland. Wenn ein deutscher Politiker etwas zu Griechenland sage, sei das immer ein Top-Thema.

Doch nachdem griechische Medien und auch Demonstranten aus Angst vor der deutschen Übermacht in Europa schon vielfach Merkel in Nazi-Uniformen gezeigt haben, lieferte die Runde bei Illner eigentlich einen versöhnlichen Ansatz für den weiteren Umgang mit Griechenland.

"Respekt und Partnerschaft" hätten die Griechen verdient, sagte Oettinger. "Erste Teilerfolge" sieht der CDU-Politiker inzwischen beim griechischen Sparkurs . Und er sieht nun den Tag gekommen, wo die EU wie damals die Bundesrepublik bei der DDR quasi Entwicklungshilfe gibt.

"Als die DDR in Form der neuen Bundesländer neu zu uns kam, haben wir tausende von tüchtigen Beamten zur Hilfe rübergeschickt", sagte Oettinger. Solch eine Hilfe wäre nun für den Reformkurs in Athen eine gute Ergänzung.

Bis zu 15 Jahre Aufbauarbeit

Börsenexperte Lehmann nahm den DDR-Vergleich direkt über die Beamtenschiene hinaus auf. 2000 Jahre sei Griechenland eine Händlernation gewesen, "wie will man das jetzt von kurz auf jetzt in Industrie umpolen". Zehn bis zwanzig Jahre seien dazu nötig. "Man braucht nicht nur Kohle, man muss Geduld haben."

Und ganz ähnlich Sommer. Wer jetzt auf die 22 Jahre der Wiedervereinigung zurückblicke, wisse, wie lange der Einigungsprozess in Deutschland gebaucht habe. In Ostdeutschland hätten die Menschen vieles neu gelernt. "Das war ja eine fremde Welt, die dort gelernt werden musste. Und das machen wir jetzt mit den Griechen."

Oettinger erwartet nun einen Aufbauprozess von bis zu fünfzehn Jahren. Eine lange Zeit. Doch wenn am Ende alles gut werden sollte und sich die Geduldsprobe lohnt, könnte Deutschland gleich auch das passende Lied dazu nach Griechenland exportieren: Auferstanden aus Ruinen.