Christiane Hörbiger

"Ich will jetzt ins Großmutter-Fach übergehen"

In "Oma wider Willen" muss sich Christiane Hörbiger ans Großmutter-Dasein gewöhnen. "Wunderbar Böse alte Frauen" will sie jetzt aber nur noch spielen.

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Es ist kurz vor Mittag, Christiane Hörbiger (73) hat die Kanne schwarzen Kaffee auf dem Tischchen der schmucklosen Hotelsuite fast ausgetrunken. Sie ist schwarz gekleidet, ungeschminkt und beantwortet schon seit Stunden Journalistenfragen, die meisten zu ihrem Fernsehfilm "Oma wider Willen", der am 2. März in der ARD läuft .

Durch das Zimmer wuselt ein Mops namens Loriot. Das Gespräch beginnt, nachdem sie ihn eingefangen und ins Nebenzimmer gebracht hat, es endet – später als geplant, dafür recht abrupt – , als er nach seinem Mittagessen verlangt und in einer Ecke der Suite ein kleines Geschäft erledigt.

Morgenpost Online: Frau Hörbiger, was kam bei Ihnen zuerst – das Großmutterspielen oder selbst eine sein?

Christiane Hörbiger: Spielen.

Morgenpost Online: Wann war das?

Christiane Hörbiger: Ich war ungefähr 50, und es war für die "Guldenburgs". Meine Kollegen waren ein wenig besorgt, wie ich reagieren würde.

Morgenpost Online: Und?

Christiane Hörbiger: Ich war nicht beleidigt, um Gottes Willen, aber ich habe doch drei Mal geschluckt. Dass meine "Tochter" ein Kind kriegen soll, das hat mir gar nicht gepasst. Bei meinem aktuellen Film hat mich genau dieser Aspekt gereizt. Ich will jetzt ins Großmutter-Fach übergehen.

Morgenpost Online: Warum denn das?

Christiane Hörbiger: Weil das gute Rollen sind. Es gibt wunderbar böse alte Frauen. Denken Sie nur an die berühmte Großmutter in Horvaths "Geschichten aus dem Wienerwald". Nicht, dass ich jetzt genau die spielen wollen würde ...

Morgenpost Online: Welche dann?

Christiane Hörbiger: Ich will überhaupt nicht mehr Theater spielen.

Morgenpost Online: Warum nicht?

Christiane Hörbiger: Ich habe zu viel gespielt, dem Theater weiß Gott genug gedient, auch wenn das kein Mensch weiß. All die Jahre am Zürcher Schauspielhaus war ich die Erste auf der Bühne, als der Lappen im September hochging, und die Letzte, als er im Juni wieder runter ging.

Morgenpost Online: Ist die Arbeit vor der Kamera leichter?

Christiane Hörbiger: Nein, aber ich gerate nicht in Panik so wie auf der Bühne.

Morgenpost Online: Wovor hatten Sie Angst?

Christiane Hörbiger: Vor Blackouts – so dass der Vorhang fallen muss. Ich habe lange trotzdem weiter gespielt, aber jetzt tue ich mir das nicht mehr an.

Morgenpost Online: Was macht Ihnen heute Angst?

Christiane Hörbiger: Nichts. Außer wenn in meiner Familie jemand krank würde, das würde mir Angst einjagen.

Morgenpost Online: Apropos Familie. Wie haben Sie Ihre Großmütter erlebt?

Christiane Hörbiger: Ich hatte auf der Hörbiger-Seite eine wunderbar herzliche böhmische Großmutter, bei der wir immer Filmhefterln angeschaut haben. Die lagen bei ihr herum, weil sie die Berichte ausgeschnitten hat, in denen ihre Söhne Paul und Attila oder ihre Schwiegertochter Paula Wessely ...

Morgenpost Online: ... Ihre Mutter ...

Christiane Hörbiger: ... vorkamen. Zu Hause durften wir so etwas nicht anschauen.

Morgenpost Online: Warum nicht?

Christiane Hörbiger: Meine Eltern waren dagegen, dass wir die Nasen in Illustrierte stecken, statt in gescheite Bücher. Und sie wollten uns von ihrem Beruf fern halten, vor allem von seinem äußeren Schein. Woraufhin wir uns natürlich prompt genau dahinein verliebt haben.

Morgenpost Online: Warum wollten Ihre Eltern Sie vor der Schauspielerei bewahren?

Christiane Hörbiger: Sie wussten halt, wie hart der Beruf ist. Und sie hatten Angst, dass es als Kind von ihnen noch härter ist.

Morgenpost Online: Sie haben später selbst oft gesagt, dass der Name Hörbiger auch eine Belastung sei. Was hat Ihnen mehr zu schaffen gemacht, die Vergleiche mit Ihren vielen berühmten Verwandten oder die NSDAP-Mitgliedschaft Ihres Vaters und die Mitwirkung Ihrer Eltern an Propagandafilmen wie "Heimkehr"?

Christiane Hörbiger: Damals habe ich die Vergleiche gemeint und das Gefühl, dass sie zu meinen Ungunsten ausfallen. Aber das ist ewig her. Ich war ja ab 1967 am Zürcher Schauspielhaus, und dort hat kein Hahn mehr nach meinen Eltern gekräht. Politisch habe ich mich der Sache gestellt. Oder vielmehr habe ich meine Mutter gestellt, weil auch diese Eltern ja jahrelang keine Auskunft geben wollten.

Morgenpost Online: Wie lief das ab?

Christiane Hörbiger: Ich habe sie gefragt: "Wieso hast du damals mitgespielt? Wieso hast du gesagt ,Wir kaufen nicht bei Juden'"?

Morgenpost Online: Und was hat sie geantwortet?

Christiane Hörbiger: Ihr habt keine Ahnung, wie die Zeit damals war.

Morgenpost Online: Hat Ihnen das gereicht?

Christiane Hörbiger: Eigentlich nicht. Wir sind uns die ganze Nacht gram gewesen. Aber viele Jahre später habe ich erkannt, was es sie gekostet haben muss, das Gespräch überhaupt zuzulassen, für das ich mir Mut antrinken musste, mit drei scheußlichen Obstlern. Und deswegen habe ich meinen Frieden mit ihr gemacht.

Morgenpost Online: Welche Erinnerungen haben Sie an die Mutter Ihrer Mutter?

Christiane Hörbiger: Sie war deutlich strenger, und ich habe ihr deswegen lange Unrecht getan. Aber als ich mit 17 meinen ersten Film gemacht habe, da war sie die Erste, die mein Autogrammbild als Mary Vetsera auf ihrem Nachtkastl hatte. Sie war also mein erster Fan. Und ich denke, wenn ich mal abberufen werde, wird sie meine Fürsprecherin sein.

Morgenpost Online: Wann haben Sie sich zum ersten Mal alt gefühlt?

Christiane Hörbiger: Als mein Enkelkind meinen faltigen Oberarm angeschaut und gesagt hat: "Oh you are looking old." – "I am old", habe ich gesagt. Aber ich war nie ein Pin-Up-Girl, deswegen habe ich es leichter.

Morgenpost Online: Sie wünschen sich nie, jung zu sein?

Christiane Hörbiger: Eigentlich nicht. Ich bringe inzwischen lieber ein Kind im Kinderwagen zum Lachen, indem ich Gesichter schneide, als einem jungen Mann tief bedeutend in die Augen zu schauen, und der schaut nicht zurück. Obwohl – wenn ich gerade im Fernsehen zu sehen war, schauen mir auch junge Männer nach, aber natürlich anders als früher.

Morgenpost Online: Bedauern Sie das?

Christiane Hörbiger: Nein, um Gottes Willen. Es ist mir völlig wurscht. Aber ich tue alles, was in meiner Macht steht, damit mein Körper agil bleibt. Kein Alkohol, kein Nikotin, jeden Morgen turnen bei offenem Fenster, zum Abschluss 30 Kniebeugen – und das zieht sich, kann ich Ihnen sagen.

Morgenpost Online: Was dachten Sie als Kind, wie alt Sie werden würden?

Christiane Hörbiger: Ich habe da gar nicht drüber nachgedacht. Als ich dann sah, wie alt meine Eltern wurden, dachte ich mir: Dann habe ich wohl auch gute Voraussetzungen.

Morgenpost Online: Wie alt wollen Sie werden?

Christiane Hörbiger: Gern über 90. Ich will so lang wie möglich leben. Ich bin ein neugieriger Mensch und will wissen, ob es etwas genützt hat, dass wir für die Emanzipation gesorgt haben. Ich bin da ja unfreiwillig hineingeschlittert, als mein Mann gestorben ist. Ich war plötzlich alleinerziehende Mutter, berufstätig, in der Schweiz, es war nicht einfach.

Morgenpost Online: Wie haben Sie es geschafft?

Christiane Hörbiger: Mit Au-Pair-Mädchen unterschiedlichster Qualität. Ich fürchte, ich war oft nervös vor Premieren und dann ungeduldig mit meinem Sohn, aber ich glaube trotzdem, dass es besser war, ihn bei mir zu behalten, anstatt ihn in ein Internat zu schicken. Es waren sehr harte Lehr- und Wanderjahre, aber ich habe in Zürich so viel gelernt wie nirgends sonst auf der Welt, auch für meinen Beruf.

Morgenpost Online: Wenn Zürich für Sie so wichtig war, warum sind Sie nach Wien zurückgekommen?

Christiane Hörbiger: Ich hatte Sehnsucht nach meiner eigenen Sprache. Ich konnte perfekt Schweizerdeutsch, kann es noch, sprach es auch nicht ungern, auch wenn ich lieber Französisch gelernt hätte, aber ich habe das Österreichische vermisst. Und dann habe ich in Salzburg den Gerhard Tötschinger kennengelernt, einen wirklich sehr typischen Österreicher, und das hat bei mir ein solches Heimweh ausgelöst, dass ich zurück wollte.

Morgenpost Online: Er hat vor kurzem einer Zeitung erzählt, dass er sie Hörbigerlein nennt oder Frau Hörbiger.

Christiane Hörbiger: Stimmt.

Morgenpost Online: Und dass sie sehr eifersüchtig sind.

Christiane Hörbiger: Ja, das fand ich gar nicht chevalresk von ihm.

Morgenpost Online: Stimmt es?

Christiane Hörbiger: Es hat gestimmt, bis ich draufgekommen bin, dass es vor mir so viele Damen gab, dass es sich gar nicht gelohnt hätte, sich an einer festzubeißen.

Morgenpost Online: Sie leben seit 28 Jahren ohne Trauschein mit ihm zusammen. Warum haben Sie ihn eigentlich nie geheiratet?

Christiane Hörbiger: Das enttäuscht mich aber, dass eine Zeitung wie die Ihre jetzt auch damit kommt. Als nächstes wollen Sie wissen, ob ich geliftet bin. Schrecklich, diese ewigen Fragen nach dem Heiraten. Obwohl mir der Gedanke wieder kam, als mein sehr geschätzter Kollege Helmut Lohner vor Kurzem geheiratet hat.

Morgenpost Online: Heißt das, Sie überlegen es sich jetzt doch?

Christiane Hörbiger: Ja.

Morgenpost Online: Warum?

Christiane Hörbiger: Es gehört anscheinend zum guten Ton.