Late Night "Anne Willl"

Ärztepfusch – Die Anklage der Caroline Beil

"Eingeliefert, ausgeliefert – wenn das Krankenhaus zum Risiko wird", titelte Anne Will. Steht es wirklich so schlecht um das deutsche Gesundheitswesen?

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Schon wieder Bremen. Schon wieder das Klinikum Mitte. Schon wieder die gleiche Station. Erneut sind zwei Frühchen an einem gefährlichen Darmkeim gestorben. Eines am Montag, das andere in der Nacht zum Mittwoch. Bremens Sozialsenatorin Renate Jürgens-Pieper (SPD) zog gestern die Konsequenz: Die Station bleibt bis auf Weiteres geschlossen. Und der Chefarzt muss gehen.

Bereits im vergangenen Jahr geriet das Krankenhaus nach drei Todesfällen in die Schlagzeilen . Doch die Klinik ist nicht allein. Experten schätzen, dass jährlich bis zu 30.000 Menschen in Deutschland an Infektionen aus dem Krankenhaus sterben. Müssen sich die Patienten inzwischen vor einem Klinikaufenthalt fürchten?

"Eingeliefert, ausgeliefert – wenn das Krankenhaus zum Risiko wird“: Anne Will wählte am Mittwochabend einen provokanten Titel für ihre Talkshow. Und die Ereignisse in Bremen boten einen guten Einstieg in die Diskussionsrunde. Doch bei der Schuld-Frage wagte sich keiner ihrer Gäste aus der Deckung. Roland Hetzer, Chirurg und Direktor des Deutschen Herzzentrums in Berlin, sagte, dass ein Großteil der Keime von außen in ein Krankenhaus hineingetragen werde.

Entstehen könnten sie durch Massentierhaltung oder Antibiotikaresistenzen. Der gesundheitspolitische Sprecher der CDU im Bundestag, Jens Spahn, referierte über die Bedeutung der Händedesinfektion.

Einzig SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach ging die Klinik in Bremen indirekt an: „Dass der gleiche Keim zwei Mal gefunden wird, ist eine Rarität“, sagte er.

Medizinprodukte werden zu lasch geprüft

Der Journalist Dagobert Lindlau, 81, hat Pfusch im Gesundheitswesen bereits am eigenen Leib erfahren. Ihm wurde vor vier Jahren ein fehlerhafter Herzschrittmacher eingesetzt. Das Gerät stammte aus den USA. Dort wurde der Hersteller mit Klagen überhäuft. Den deutschen Ärzten wollte Lindlau aber keinen Vorwurf machen. „Die konnten es auch nicht wissen“, sagt er.

Durch eigene Recherchen habe er erst von den Fehlern in der Produktion erfahren. Chirurg Hetzer sprang ihm bei: Es gebe immer Implantate, die nicht richtig funktionierten. Allerdings wisse das der Arzt vor der Operation auch nicht. Und ja: auch er hätte womöglich das fehlerhafte Gerät eingesetzt.

Die Diskussion plätscherte eine Weile vor sich hin. Unter den Gästen herrschte Einigkeit, dass Medizinprodukte in Deutschland zu lasch geprüft würden. SPD-Politiker

Lauterbach führt das auf die Masse an Neuerscheinungen zurück.

Der geringen Anzahl an neuen Wirkstoffen bei Medikamenten stehe eine riesige Anzahl an technischen Produkten gegenüber. „Da kann nicht so genau geprüft werden“, sagte er. Sein CDU-Politiker Spahn forderte, Medizinprodukte auch nach der Zulassung genau im Auge zu behalten.

Doch während Lauterbach vor allem dafür warb, die Klagesummen bei fehlerhaften Produkten zu erhöhen, blieb sein CDU-Kollege hier reserviert. „Wir müssen aufpassen, dass wir keine amerikanischen Verhältnisse bekommen“.

Patient, der auf Augenhöhe mitreden kann

Wirklich spannend wurde die Diskussion als die Rolle der Ärzte im Gesundheitswesen thematisiert wurde. TV-Moderatorin Caroline Beil schilderte das Schicksal ihres Vaters, der 2006 an Lungenkrebs erkrankt war.

Selbst als er schon Blut spuckte, ging der behandelnde Arzt noch von einer Bronchitis aus. Die Diagnose Lungenkrebs sei ihrem Vater später in schriftlicher Form in die Hand gedrückt worden. Beil empörte sich: „Ärzte erbringen Dienstleistungen und wir bezahlen sie und haben daher ein Recht auf Information“.

Außerdem wurden ihrem Vater im Endstadium der Krankheit Chemotherapien nahe gelegt, die keinen medizinischen Nutzen hatten – außer das Honorar des Arztes in die Höhe zu treiben. „Man ist als Patient ausgeliefert. Es geht im Gesundheitswesen nur ums Geld“, klagte Beil an.

Dem stimmte auch der Sozialdemokrat Lauterbach zu. Es gebe für Ärzte ökonomische Anreize, an Therapien mitzuverdienen. Besonders bei unheilbar kranken Menschen. Diesen Vorwurf wollte der Berliner Herzspezialist Hetzer nicht auf sich sitzen lassen. Er wehre sich gegen die Unterstellung, dass ein Großteil der Ärzte nur das eigene wirtschaftliche Wohl im Auge habe.

Doch Fakt ist: Die Kommunikation – und damit die Vertrauensbasis – zwischen Arzt und Patient ist oft gestört. Dazu trägt auch bei, dass viele Menschen keinen Zugang haben zur Fachsprache der Medizin – und ihren behandelnden Arzt dadurch nicht verstehen. Roland Hetzer wünscht sich einen Patienten, der auf Augenhöhe mitreden könne.

Auch schwarze Schafe unter den Patienten

Erst dadurch sei er wirklich mündig. Der Spezialist gab allerdings zu, dass es hier noch Nachholbedarf gebe. Fachvokabular und zu viel Respekt: Beil glaubt, dass die Patienten sich einfach trauen müssen, dem Arzt fragen zu stellen. Dafür sei er schließlich da.

Und die Patienten? Wie steht's um deren Einsicht? Anne Will zeigte zum Schluss der Sendung einen Einspieler vor einer Berliner Klinik.

Kranke Patienten wurden gefragt, ob sie ausreichend zur Genesung beitragen. Die Antwort: Natürlich. Und zwischen den Fingern glühten die Zigaretten. Aber klar: Einzelfälle, schwarze Scharfe. Wie bei den Ärzten.