Museum in Eisenhüttenstadt

Die Alltagskultur der DDR droht zu verschwinden

Hühner-Eierbecher und Dederon-Beutel - das Museum für Alltagskultur der DDR in Eisenhüttenstadt ist einzigartig in Deutschland. Jetzt droht das Aus, das Geld fehlt. Findet sich keine Lösung, muss die einmalige Sammlung aufgelöst werden.

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"Plaste und Elaste aus Schkopau" – dieser DDR-Werbeslogan ist wie wohl kein zweiter sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland bekannt. „Vermutlich liegt das daran, dass die entsprechende Reklame einst auch an den Transitstrecken der DDR stand“, sagt Katja Böhme. Die Berliner Historikerin ist seit mehr als zwei Jahren den Geheimnissen der DDR-Plaste auf der Spur. Ab Mai will sie ihre Forschungsergebnisse Besuchern des Eisenhüttenstädter Dokumentationszentrums für DDR-Alltagskultur in einer Ausstellung vor Augen führen. Doch es könnte die letzte dieses deutschlandweit einmaligen Zentrums sein; aus finanziellen Gründen droht das Aus. Dabei kommt dem Kunststoff in der DDR eine besondere Bedeutung zu.

„Vom nächsten Jahr an will die Kommune aus Spargründen keine Zuschüsse mehr zahlen, die Streichung von 76.700 Euro ist beschlossene Sache“, sagt Museumsleiter Andreas Ludwig. Damit funktioniere die Kombifinanzierung vom Landkreis Oder-Spree (55.000 Euro jährlich) und dem Land Brandenburg (90.000 Euro) nicht mehr. „Wenn die Stadt nicht mehr zahlt, stellen auch wir unsere Zuschüsse ein“, bestätigt Kreiskulturdezernentin Ilona Weser. Das Land kann laut Ludwig diese fehlenden Anteile an der Finanzierung nicht kompensieren. Auf Einladung der Stadt soll es im März noch einmal eine Gesprächsrunde aller Beteiligten geben. Kommt dabei keine Lösung zustande, muss der Museumsleiter Mitte des Jahres die ersten Kündigungen aussprechen.

Der Westen sollte überholt werden

Historikerin Böhme forscht ungeachtet dessen weiter. Denn es gibt noch interessante Fragen zum Thema Plaste zu klären. Das chemische Erzeugnis Kunststoff hieß im Westen Plastik, im Osten hingegen Plaste – warum diese Unterschiede gemacht wurden, hat auch sie noch nicht herausgefunden. Fakt ist jedoch, dass jener Kunststoff nach dem Zweiten Weltkrieg zum Symbol fortschrittlichen Lebensstils wurde – da praktisch, hygienisch und preiswert. Letzteres war für die DDR mit ihren knappen Ressourcen und einer aufstrebenden chemischen Industrie ausschlaggebend.

Und so scheint es in der Nachbetrachtung nicht verwunderlich, dass die SED-Führung auf der Chemiekonferenz von Leuna 1958 beschloss, mit dem sogenannten Pro-Kopf-Verbrauch chemischer Erzeugnisse den Westen zu überholen. Die Folge war eine wahre Flut an Konsumartikeln aus Plaste: Binnen eines Jahrzehnts wurde der komplette DDR-Haushalts- und Freizeitbereich quasi plastifiziert. Durch dieses reichhaltige Erbe arbeitet sich Böhme hindurch.

Im Eisenhüttenstädter Dokumentationszentrum hat sie für ihre Forschungen einen schier unerschöpflichen Fundus. Noch, denn wenn das Museum schließt, wird auch die rund 150.000 Objekte umfassende Sammlung aufgelöst, so Ludwig. Dennoch: In der nächsten Woche soll eine neue Dauerausstellung eröffnet werden. „Da wir eine so große Sammlung haben, wechseln wir in regelmäßigen Abständen die ausgestellten Objekte“, sagt er.

In das neue, moderne Konzept, das vor allem auch junge Besucher ansprechen soll, haben Land und Bund knapp 400.000 Euro investiert – wohl auch als Zeichen für die Wertschätzung, die das Museum genießt, das nach der Wende bewusst in der einst ersten sozialistischen Stadt der DDR angesiedelt worden war.

„Schätzungsweise gibt es hier 90 Prozent der Produktpalette aus den damaligen Betrieben, die Kunststoffartikel herstellten“, erzählt die 29-jährige Katja Böhme. Und von denen, so hat sie recherchiert, gab es immerhin 800 – vom kleinen Familienbetrieb bis zum großen Kombinat. „Das Erstaunliche ist, dass gerade die kleineren Firmen bis heute existieren.“ Und zwar mit wachsendem Erfolg, wie der Retro-Trend beweist. „Da entstehen ganze Läden mit den berühmten Gockel-Eierbechern, Kaffeefiltern oder Brotdosen im typischen DDR-Design.“

Auch Böhme selbst kann sich der Faszination nicht entziehen. Immerhin hat sie zu Forschungszwecken bereits 3000 verschiedene Haushaltsartikel in der Hand gehabt. „Dazu kommen noch Gehäuse von Geräten wie Fön, Staubsauger oder Fotoapparat und Kunststoffmöbel wie Badezimmerschränke, die sogar exportiert wurden“, zählt die Berlinerin auf. Zu ihren Lieblingsobjekten gehören farbige Kunststoffkörbe, die in den 80er-Jahren in der DDR der Handtasche den Rang abliefen.

Langlebig und bis heute präsent

Besonders faszinierend ist für die junge Historikerin, dass viele Kunststoff-Konsumartikel aus DDR-Zeiten heute noch in Gebrauch sind. „Wenn die Gegenstände im eigentlichen Haushalt nicht mehr benötigt werden, wandern sie in die Laube oder in den Keller“, sagt die Historikerin. Als Beispiel zeigt sie Tassen und Teller aus Melaminharz.

Nach heutigem Stand der Forschung verlief die Entwicklung von Kunststoff-Produkten in den 50er- und 60er-Jahren in beiden deutschen Staaten recht ähnlich. Danach allerdings besann sich die Industrie in West-Deutschland auf Materialien wie Holz, Metall oder Glas. Im Osten waren das nach wie vor knappe Ressourcen. „In der DDR wurden deshalb Dosen, Löffel, Geschirr, Vasen und Wasserhähne aus Kostengründen noch viel länger aus Kunststoff hergestellt. Dadurch war Plaste im Alltag viel präsenter und vor allem langlebig“, beschreibt Böhme.