Festspiele 2013

Was Castorf für seinen "Ring" in Bayreuth plant

Volksbühnen-Intendant Frank Castorf wird im kommenden Jahr Wagners "Ring" bei den Bayreuther Festspielen inszenieren. Warum er zuerst gezögert hat und was er nun plant, sagt er im Gespräch mit Morgenpost Online.

Foto: picture alliance / dpa

Volksbühnen-Intendant Frank Castorf (60) war gerade in Belgrad, wo er sich mit Aleksandar Denic getroffen hat. Der Serbe entwirft das Bühnenbild für Castorfs Jubiläums-„Ring“ in Bayreuth im kommenden Jahr. Die Festspiele feiern 2013 den 200. Geburtstag und den 130. Todestag des Komponisten Richard Wagner. Aber an diesem Freitag steht erst mal eine Berliner Premiere an: Castorf inszeniert die Kleist-Novelle „Die Marquise von O.“ – aber der „Ring“ beschäftigt ihn bereits sehr. Wir trafen den Intendanten in seinem Berliner Büro.

Morgenpost Online: Herr Castorf, Ihre Inszenierungen sind selten kurz. Wie lange dauert es diesmal?

Frank Castorf: Ich habe es in meinem Vertrag stehen: Es darf nicht unter 17 Stunden gehen.

Morgenpost Online: Für Kleists „Die Marquise von O.“?

Frank Castorf: Natürlich nicht, ich spreche vom „Ring“ in Bayreuth. Es gab erst Überlegungen, Veränderungen an der Partitur oder am Libretto vorzunehmen. Aber Kirill Petrenko, der Dirigent, möchte das Original haben, und die beiden Wagner-Schwestern ebenfalls. Also hab ich gesagt: Okay, ist ja schön, dass keiner sagt, mach es mal kürzer. Und der Kleist an der Volksbühne dauert ungefähr drei Stunden.

Morgenpost Online: Sie inszenieren erstmals Kleist?

Frank Castorf: Ja, ich hab Kleist eigentlich zufällig entdeckt, auf meinen Wegen ins 19. Jahrhundert, ins ausgehende 18. Jahrhundert. Ich habe mich mehrfach mit Lenz beschäftigt. Auch so jemand, der wie Kleist als Leiche vor den Füßen der Majestät Goethe liegt. Das ist ganz interessant, wie jemand, der zu den Großen zählt, ein Protektor des Mittelmäßigen war. Kleist hat für mich eine ungeheure Modernität. Bei der Vorbereitung für die „Marquise“ habe ich die Anekdoten von Kleist entdeckt, die sind ein einziger Schatz. Kurze Zeitungsnotizen zur Charité, in vier Zeilen kommt er auf den Punkt. Kleist ist ein Humorist, der immer das Eitrige entdeckt, der die Pestbeule aufschneiden will. Einer, der immer den Widerspruch sucht.

Morgenpost Online: Diesen provokanten, spitzen Humor hat die Berliner Gesellschaft inzwischen verloren?

Frank Castorf: Den muss man selbst haben. Wir leben ja in einer großen Übereinstimmung – und leben auch ganz gut damit. Wer sagt heute wirklich, was er denkt?

Morgenpost Online: Theaterleute können es doch?

Frank Castorf: Die könnten das, weil sie – für eine gewisse Zeit – unkündbar sind. Sind die einzig Freien, weil sie von Auflagenhöhe oder Einschaltquote unabhängig sind. Aber merkwürdigerweise machen sie es nicht mehr. Vielleicht liegt es auch daran, dass so viel künstlerisches Management in die Leitungsebenen drängt. Die Regie-Intendanten werden immer weniger. Die anderen, die gut mit der Kulturpolitik können, übernehmen das Zepter.

Morgenpost Online: Aber Sie sind doch das beste Gegenbeispiel: Sie kommen bestens mit Kultursenator Klaus Wowereit und seinem Staatssekretär André Schmitz aus.

Frank Castorf: Aber ich bin ein Dinosaurier. Und Sie kennen ja deren Schicksal.

Morgenpost Online: Wo wir gerade bei schicksalhafter Politik sind: Ihr Vertrag als Volksbühnen-Chef läuft 2013 aus. Wollen Sie länger bleiben?

Frank Castorf: Ja, bis mich das Alter in einen würdigen Zustand versetzt hat.

Morgenpost Online: Ist die Verlängerung schon unterschrieben?

Frank Castorf: Nein, aber wir sind in guten Gesprächen.

Morgenpost Online: Herr Schmitz ist auch ganz begeistert, dass Sie im Wagner-Jubiläumsjahr den „Ring“ in Bayreuth inszenieren. Andere empfinden Ihren Regiestil als reine Provokation. Warum gehen Sie das Risiko in Bayreuth ein?

Frank Castorf: Bayreuth ist für mich eine Grenzüberschreitung. Der Konservatismus ist dort viel stärker ausgeprägt. Wenn schon Oper, dann in Bayreuth. Und wenn schon, dann den „Ring“, dieses Gesamtkunstwerk. Wäre das Angebot aus Wien oder woanders her gekommen, ich hätte es nicht gemacht. Oder nur, wenn ich in die Partitur, ins Libretto hätte eingreifen dürfen. In Bayreuth geht das aus verständlichen Gründen nicht.

Morgenpost Online: Kaum zu glauben, dass Sie die Vorgaben akzeptiert haben?

Frank Castorf: Ich habe auch mehrfach gezögert. Jetzt steht es im Vertrag, leider. Das ist ein Risiko. Weil ich nicht mehr die Möglichkeit habe, den Wagner-Stoff mit etwas anderem gegenzuschneiden. Aber ich habe in den Verhandlungen einiges erreicht. Es wird eine Drehbühne geben, und ich kann mit dem Medium Film arbeiten. Die Opernleute sind da ja immer ein bisschen skeptisch.

Morgenpost Online: Konservative Opernliebhaber auch.

Frank Castorf: Es gibt in Bayreuth ein Publikum, das nicht nur aus künstlerischen Gründen über den roten Teppich geht. Wie die Kanzlerin und Thomas Gottschalk, der Großkanzler der Unterhaltung. Das finde ich gut so. Hier in Berlin ist man immer nur unter sich. Das ist auf Dauer doch langweilig.

Morgenpost Online: Wie ist eigentlich Ihr Verhältnis zu Bayreuth?

Frank Castorf: Ich war einmal da. Und habe den „Lohengrin“" von Hans Neuenfels gesehen. Niedlich, kann man so machen. Ich saß im Festspielhaus auf einem schmalen Klappsitz, ergotechnisch relativ gut gebaut, gute Akustik, ein interessanter Raum – und vor allem: man sieht keinen Dirigenten, kein Orchester. Man kann sich auf die Suggestivität des Bühnengeschehens konzentrieren, der Maestro am Pult lenkt nicht ab.

Morgenpost Online: Wagners „Ring“ zelebriert in den 17 Stunden Musik den Untergang eines Göttergeschlechts. Welche Art Herrschaftssystems haben Sie darin entdeckt?

Frank Castorf: Eigentlich ist ja schon alles gemacht worden. Das Postmoderne, das rein Menschliche, das Psychoanalytische, also alles, was nach Kunst schreit. Für mich ist es eine Reise hin zum Gold unserer Tage – zum Erdöl. Und Siegfried, das ist doch die Geschichte von einem der auszog, das Fürchten zu lernen. Man kann es einfach wie Märchenfiguren erzählen. Es erinnert auch Orson Wells Filmklassiker „Citizen Kane“. Im Kriegsfilm „Apokalypse Now“ kommen die Hubschrauber zu Wagners Walkürenritt angeflogen. Diese Art der Übersetzung spukte uns durch den Kopf. Weg von Illustration, mitten hinein in den logischen Widerspruch.

Morgenpost Online: Ihr „Ring“ spielt in der Gegenwart?

Frank Castorf: Mit dem Erdöl-Zeitalter beginnt die Industrialisierung der Welt. 1890 gab es in Aserbaidschan einen Boom, die alten Fördertürme von Baku sahen aus wie Holzkathedralen. Es gibt zwei Antipoden: Russland und Texas, wo der Ölboom in den Fünfzigerjahren folgte. Aber in der Regie wird sich vieles dem historisierenden Zugriff entziehen. Amerika und Russland sind für mich das 20. Jahrhundert, in der Mitte ist etwas, das sind wir. Mein Bühnenbildner hat etwas Wunderbares gebaut: Der Berliner Alexanderplatz als postmodernen Sozialismus. Auf einer Drehbühne wird Ost-West zusammengebracht, das ist unsere Zeitreise. Sie beginnt irgendwann nach dem 2. Weltkrieg.

Morgenpost Online: Bei einer Premiere in Bayreuth haben Sie eine größere politische Aufmerksamkeit als in der Volksbühne. Wie wollen Sie diese nutzen?

Frank Castorf: Das muss man sehen. Auf der einen Seite gibt es meine Konzeption, auf der anderen Seite bin ich kein deutscher Schreibtischtäter, der genau sagt, was ich mir ausdenke, das ist es nachher auch. Ich liebe den Spaß der Umwege, und ich weiß heute doch noch nicht, wohin mich die Musik führen wird. Es gibt den Alexanderplatz, wenn sich die Bühne dreht, ist man in New York an der Wall Street. Ich will diese Ambivalenz und keine eindeutige Aussage haben. Eindeutige Aussagen stimmen selten. Aber richtig ist, alle Systeme, die wir hatten, haben sich als Walhalla herausgestellt. Und gegenwärtig lösen sich darin alle moralischen Werte auf.

Morgenpost Online: Dann machen Sie einen „Globalisierungs-Ring“?

Frank Castorf: Ich kann nicht sagen, ob Globalisierung gut oder schlecht ist. Aber ich merke, dass durch den Zusammenbruch des Wertesystems, an dem ich mich ja früher gerieben habe, sich vieles verschlechtert hat. Die Ost-West-Mauer hat auch vieles abgehalten, die großen Kriege. Das Aufkommen des militanten Islamismus wäre so nicht denkbar gewesen. Aber Geschichte kann man sich ja nicht wünschen, die passiert einfach. Und manchmal nur durch das zufällige Zusammenbasteln des Textes beim Reden. So wie Günter Schabowski 1989 beiläufig die Mauer geöffnet hat. Solche Geschichten interessieren mich.

Morgenpost Online: Kleist wie auch Wagner – ist das Ihre Rückbesinnung auf das Deutsche?

Frank Castorf: Ich bin auch so ein teutonischer Zuchtmeister. Ich finde, dass wir eine lange Traditionslinie haben, die erklärt, warum wir so geworden sind. Das ist teilweise furchtbar, manchmal wie im Fall Wagner etwas ganz Besonderes. Mich interessieren schon die liegen gebliebenen Stoffe des 19. Jahrhunderts: Grabbe, Hölderlin, Lenz. Bei Kleist macht es mir Spaß, durch Widersprüche zum Lachen zu provozieren. Mein Stil ist vielleicht im Augenblick nicht angesagt. Das wird sich aber wieder ändern. Im Moment bin ich hier in Berlin in einen Spalt der Zeitmaschine gefallen.

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