Premiere in Berlin

Samuel Finzis erstes Mal im Maxim Gorki Theater

Auch Nicht-Theatergänger dürften den Schauspieler kennen: Samuel Finzi ist nicht nur regelmäßig im "Tatort" zu sehen, in der ZDF-Reihe "Flemming" hat er zudem die Hauptrolle. Jetzt spielt er am Berliner Maxim Gorki Theater in "Der Trinker".

Foto: Thomas Aurin

Wer an Falladas Roman „Der Trinker“ denkt, kommt schnell auf Harald Juhnke: Weniger, weil der Schauspieler eine Beziehung mit dem Alkohol unterhielt, sondern weil er den „Trinker“ in einer Verfilmung legendär verkörperte. Was wiederum damit zu tun haben könnte, dass er selbst auf einschlägige Erfahrungen zurückgreifen konnte. In Theaterkreisen war Juhnkes Unberechenbarkeit eingeplant: Als er am Gorki die Titelrolle im „Hauptmann von Köpenick“ spielte, wurde die mit Katharina Thalbach gleich doppelt besetzt.

Die Intendanz des Maxim Gorki Theater hat längst gewechselt (und wechselt demnächst wieder), mittlerweile sind Romandramatisierungen schwer angesagt – und Fallada steht ganz oben: Nach „Jeder stirbt für sich allein“ gibt es jetzt den „Trinker“. Auf der Bühne: ein Musiker und zwei Schauspieler. Einer davon ist Samuel Finzi. Auch Nicht-Theatergänger dürften ihn kennen: Finzi tritt regelmäßig im „Tatort“ auf (vorzugsweise in dem aus Kiel) und spielt seit 2009 den Polizeipsychologen Vince Flemming in der ZDF-Krimireihe „Flemming“. Mitte Februar beginnen die Dreharbeiten für die dritte Staffel – kurz nach der Premiere.

„Das ist ein schöner Roman, der schwierig auf die Bühne zu bringen ist“, sagt Finzi. Wir sitzen im Rangfoyer des Maxim Gorki Theaters. Das sieht heute so aus, als ob dort eine Inszenierung des Stückes „Die Stühle“ geplant wäre. Finzi greift sich zwei heraus, stellt sie gegenüber und bittet zum Interview. Er trägt jetzt Vollbart. „Ein komplizierter Prosatext, der in der Ich-Form geschrieben ist“, ergänzt Finzi. Er hat die Beine übereinandergeschlagen, spricht leise. Seine Sätze sind ironisch grundiert – da ist Samuel Finzi nahe an seiner Figur Vince Flemming.

Videos und Livemusik

„Man kann das auch naturalistisch inszenieren, mit vielen Requisiten, aber wir haben den anderen Weg gewählt.“ Steve Binetti, der Volksbühnengitarrist aus Frank Castorfs Anfangsjahren, hat die Musik komponiert, spielt Gitarre und singt. „Ein wichtiger Teil der Arbeit“, sagt Finzi, außerdem gibt es Videoanimationen, die gewissermaßen die Visionen des Trinkers visualisieren. „Man kann also sagen“, Finzi hebt die Stimme, dass „es eine assoziative Arbeit ist, die mit verschiedenen Mitteln umgeht.“ Aber schon ein Theaterabend“, schiebt er vorsichtshalber hinterher. Und ja, den Film mit Juhnke, „den habe ich nie gesehen.“

Im bulgarischen Plovdiv wurde Finzi 1966 geboren – der Vater Schauspieler, die Muter Pianistin – er kam 1989 über Paris nach Berlin, wo er innerhalb von zwei Monaten die deutsche Sprache lernte. Ein bisschen kommt der harte Akzent des Ostens noch durch. Er kultiviert das als Markenzeichen. In Berlin verbindet man mit ihm zwei andere Häuser: die Volksbühne und das Deutsche Theater – aber die eigentliche Klammer ist sein Landsmann Dimiter Gotscheff. Mit dem bulgarischen Theaterregisseur arbeitet er seit 20 Jahren zusammen, anfangs in Düsseldorf, später in Berlin. Eine sehr fruchtbare Kooperation. Es gab Einladungen zum Theatertreffen und zuletzt den Theaterpreis Berlin, der im Mai 2011 gleich an die ganze „Gotscheff-Familie“ ging: neben dem Regisseur und Finzi gehören noch die Schauspieler Wolfram Koch und Almut Zilcher dazu.

Dreharbeiten dauern vier Monate

Jetzt arbeitet Finzi zum ersten Mal am Maxim Gorki Theater – und löst damit ein Versprechen ein. Als Armin Petras das Haus übernahm, hatten die beiden über ein Engagement geredet – „und jetzt, fast zum Ende seiner Intendanz, dachte ich, dass ich es mal machen sollte.“ Regie beim „Trinker“ führt allerdings nicht Petras, sondern Sebastian Hartmann, der Intendant des Leipziger Centraltheaters, das bei dieser Inszenierung der Koproduktionspartner des Gorki ist.

Nach der Premiere am Sonnabend steht für Finzi erst mal keine neue Inszenierung an – wegen „Flemming“. Gedreht wird in Berlin, das kommt ihm entgegen, weil er dann zuhause in seiner Wohnung in Prenzlauer Berg übernachten kann. Die acht Folgen werden bis Ende Juni gedreht, in dieser Zeit „ist es schwierig, parallel am Theater zu probieren. Er hat das mal gemacht – und möchte sich diese Erfahrung ein zweites Mal ersparen. Aber abends mal eine Vorstellung zu spielen, das sei kein Problem. Im Gegenteil: „Um nach einem Drehtag loslassen zu können, ist ein Bühnenauftritt mitunter sogar wichtig für den Geist und Körper des Schauspielers.“

„Wir drehen drei Folgen parallel, da muss man sich schnell orientieren können im Drehplan.“ Und beim Studium desselbigen ist ihm aufgefallen, dass „wir am ersten Tag die finale Szene der zweiten Folge drehen“. Finzi lacht. „Am Theater ist es schwierig so anzufangen, aber beim Film ist das durchaus möglich“. Schließlich hat er die Figur ja schon vorher gespielt – und damit auch mitentwickelt: „Als Protagonist hat man da gewisse Möglichkeiten“, zumal dann, wenn man einen Drehbuchautoren wie Gregor Edelmann hat. Zwischenzeitlich drohte Flemming wegen seines Hangs zur Besserwisserei zu einer etwas unsymphatischen Figur zu werden, das haben die beiden korrigiert.

Finzi gibt sich bescheiden, wenn man ihn darauf anspricht, dass „Flemming“ ziemlich erfolgreich ist. Ja, die Reihe „hat sich langsam etabliert“. Und „es gibt noch Möglichkeiten, man kann weitererzählen, über diese Figur und die anderen.“ Das klingt nicht so, als ob nach der dritten Staffel Schluss wäre.

Es ist nicht der einzige Krimi, in dem Finzi zu sehen ist. Häufiger tritt er im „Tatort“ auf. „Ich habe lange Zeit einen Pathologen bei „Bella Block“ gespielt, dann haben mich die Kieler gefragt, ob ich nicht so eine Rolle im „Tatort“ spielen will. Ich habe dann geantwortet, ob das nicht ein bisschen komisch ist, erst in Hamburg, dann in Kiel, aber die hatten kein Problem damit. Und jetzt bin ich der Pathologe aus dem Norden.“ Nicht aber für seinen 2007 geborenen Sohn. Im Autoradio hatte das Kind eine Werbung für eine Volksbühnen-Inszenierung gehört. Später in der Wohnung kam er auf seinen Vater zu und sagte: „Du bist Iwanow.“ Bis seine Tochter ihn auch als Schauspieler wahrnimmt, muss er sich noch gedulden. Sie ist erst ein paar Monate alt.

Der Trinker auf der Bühne

Hans Fallada schrieb seinen wohl persönlichsten Roman, in gut zwei Wochen im September 1944. Zu dieser Zeit lebte er auf richterlichen Beschluss für dreieinhalb Monate in der Strelitzer Landesanstalt. In seinem Roman stützt sich Fallada auf die eigenen Erfahrungen mit der Alkoholsucht. „Der Trinker“ wurde erst posthum 1950 veröffentlicht. Neben Samuel Finzi, der sonst überwiegend am Deutschen Theater spielt, steht Ensemblemitglied Andreas Leupold in „Der Trinker“ auf der Bühne des Maxim Gorki Theaters. Das Schauspielerduo wird unterstützt von dem Musiker Steve Binetti, der die Lieder für die Inszenierung komponiert hat und die Songs auch live performt. Sebastian Hartmann inszeniert „Der Trinker“, außerdem hat er auch das Bühnenbild gestaltet. Hartmann leitet derzeit noch das Centraltheater in Leipzig, dort hört der Intendant im Sommer 2013 auf.

Am 4. Februar 2012 hat „Der Trinker“ Premiere am Maxim Gorki Theater. Tel.: (030) 20221115.