Prominenter Schriftsteller

Streit um Strittmatter – "Von braun auf rot umlackiert"

Zum 100. Geburtstag des DDR-Schriftstellers Erwin Strittmatter gibt es Streit um die Jubiläumsfeier. Denn der Autor hat seine eigene Vergangenheit geschönt.

Auf den ersten Blick ist die Sache klar: An ehemalige Soldaten der Waffen-SS wird in Deutschland nicht im positiven Sinne erinnert. Dieser Konsens gilt schon mehr als ein Vierteljahrhundert, seit der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) mit dem damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan den Soldatenfriedhof in Bitburg besuchte. Die Visite wurde scharf kritisiert, denn in Bitburg lagen neben zahlreichen Wehrmachts-Gefallenen auch einige wenige Waffen-SS-Mitglieder.

Doch so klar ist die Sache dann doch nicht. Denn eigentlich dürfte es danach keine Diskussion geben, ob des prominenten Schriftstellers Erwin Strittmatter gedacht wird, dessen Geburtstag sich am 14. August 2012 zum 100. Mal jährt.

2008 wurde Strittmatters Vergangenheit aufgedeckt

Denn Strittmatter, Autor von Romanen wie "Der Laden" oder Jugendbüchern wie "Tinko", war im Zweiten Weltkrieg nicht nur Angehöriger des 18. SS-Polizei-Gebirgsjäger-Regiments, das an fürchterlichen Verbrechen unter anderem auf dem Balkan und in Griechenland beteiligt war. Der Autor hat diesen Teil seiner ganz persönlichen Vergangenheit zudem verschwiegen, ja sogar aktiv vertuscht.

Zwar gibt es keine belastbaren Indizien dafür, dass Strittmatter selbst aktiv an Kriegsverbrechen seiner Einheit beteiligt war. Jedoch absolvierte er nachweislich zwei Lehrgänge über "Partisanenbekämpfung", was im Jargon der Waffen-SS gleichbedeutend war mit Mord und Ausplünderung der Bevölkerung in besetzten Gebieten. Diese Verstrickung hat Strittmatter zeit seines Lebens sorgfältig verborgen; erst der Literaturwissenschaftler Werner Liersch deckte 2008 die Vergangenheit des Volksdichters auf.

Dazu gehörte auch die Entdeckung eines vielsagenden Satzes, den der DDR-Nationalpreisträger 1959 an das ZK der SED schrieb: "Allerdings weiß ich auch, dass dauernde Scham lähmt." Das war nicht mehr und nicht weniger als ein Bekenntnis zum offensiven Verdrängen, zum Verweigern der Auseinandersetzung mit der (eigenen) Vergangenheit.

Spremberg beteiligt sich nicht an Feier

Zusätzlich diente sich Strittmatter in der DDR dem herrschenden Unrechtsregime der SED an, spitzelte mindestens sechs Jahre lang für das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) – zu einer Zeit, als er längst seinen Nationalpreis bekommen hatte, also Anbiederung nicht mehr nötig gehabt hätte.

Eigentlich hätte Strittmatters Geburtstag in seiner südbrandenburgischen Geburtsstadt Spremberg groß gefeiert werden sollen, zu deren Ehrenbürger er 1988 erhoben wurde. Doch vor kurzem entschied der Spremberger Hauptausschuss mehrheitlich gegen eine Beteiligung der Stadt an der Jubiläumsfeier am 18. August.

Das Rathaus wird die Ehrung nun dem örtlichen Strittmatter-Verein überlassen. "Wir wollen das literarische Erbe von Erwin Strittmatter würdigen, ohne die dunklen Seiten seines Lebens zu vernachlässigen", kündigte die Vereinsvorsitzende Renate Brucke an.

"Von braun auf rot umlackiert"

Die kommunalen Politiker sind gespalten. "Erwin Strittmatter hat sich freiwillig den beiden deutschen Diktaturen des 20. Jahrhunderts angedient", begründete der SPD-Politiker und Fraktionschef Andreas Lemke die Ablehnung einer öffentlichen Ehrung.

Nach dem Krieg habe sich Strittmatter "von braun auf rot umlackiert", sei ein hoch dekoriertes SED-Mitglied und ein Zuträger der Stasi geworden. Lemke forderte den Spremberger Bürgermeister Klaus-Dieter Schulze (CDU) auf zu prüfen, ob sich der Schriftsteller noch länger als Ehrenbürger der Stadt eigne und die Erwin-Strittmatter-Straße weiter diesen Namen tragen sollte.

Kein Problem mit der NS-Vergangenheit des zu DDR-Zeiten hochpopulären Autors hat dagegen die Linkspartei, die sich sonst in Sachen brauner Flecken stets unnachgiebig gibt. "Wir wollen Strittmatter nicht auf einen Sockel heben, sondern nachfragen, warum er sich damals so verhalten hat", bemerkt die stellvertretende Fraktionschefin und Landtagsabgeordnete Birgit Wöllert.

Auch Christa Wolf spitzelte

Der Fall Strittmatter ist ein Muster für die Untiefen der Vergangenheitspolitik in Deutschland. Denn an den literarischen Qualitäten seiner Bücher, die man schätzen mag oder nicht, ändert sich durch die persönlichen Verstrickungen des Autors gar nichts. Ebenso wenig wie die zeitweilige Spitzelei Christa Wolfs für das MfS ihre Literatur an sich diskreditiert. Auch die Mitgliedschaft des Literaturnobelpreisträgers Günter Grass in der Waffen-SS 1944/45 senkt den Wert seiner "Blechtrommel" nicht.

Anders ist das mit dem moralischen Anspruch, den manche Schriftsteller selbst beanspruchen und den andere von Medien oder Leser zugesprochen bekommen. Als Autoritäten für richtiges Verhalten taugen Menschen nicht, die sich ihre eigenen Vergangenheit in wesentlichen Punkten zugelogen haben – schon gar nicht, wenn sie wie Strittmatter, Wolf und vor allem Grass andere für ähnliche Versäumnis scharf kritisiert haben. Doch so weit ist die Vergangenheitspolitik hierzulande noch nicht.