Nachruf

Vadim Glowna gab oft den stolzen Außenseiter

Vadim Glowna spielte in Filmen und übernahm Rollen, die Abgründe nicht scheuten. Im Alter von 70 Jahren ist der große deutsche Schauspieler in Berlin gestorben.

Vadim Glowna besaß das absolute Gehör und hatte als Kind mit einem Musiklehrer täglich geübt, Querflöte, Klavier. Aber als er vor ein paar Jahren in „Mein Name ist Bach“ den Johann Sebastian spielte, antwortete er auf die Frage, was ihm bei der Vorbereitung am meisten geholfen habe: „Ich entdeckte, dass er einmal einen Studenten mit dem Degen geprügelt hat. Er war ein cholerischer Mann.“

Als Kind, in einem evangelischen Internat, kam Glowna zu spät zur Messe und fing sich eine Ohrfeige vom Rektor; im Affekt schlug er auf dessen Solarplexus.

Als junger Mann, schreibt er in seiner Autobiografie „Der Geschichtenerzähler“, sei er einmal vor Eifersucht ausgerastet und habe beinahe seine Geliebte erwürgt. Beim Vorsprechen bei Peter Zadek passierte ihm ein Texthänger, und der 22-Jährige zertrümmerte vor Wut einen Stuhl auf der Bühne.

Die Zuhälter vom Taubstummenstrich

Von Robert Mitchum, dem größten Anti-Helden des amerikanischen Kinos, gibt es wilde Geschichten aus seiner Jugend, wie er als blinder Zugpassagier durchs Land trampte, sich als Boxer versuchte, an eine Sträflingskolonne gekettet wurde, fast ein Bein verloren hätte.

Vadim Glowna war, bevor er volljährig war, in St. Pauli aufgewachsen (Fatih Akin wohnt heute neben dem alten Glowna-Haus), hatte die Zuhälter vom Taubstummenstrich kennengelernt, war zur See gefahren und hatte in einem Straßenkampf die gebrochene Nase davongetragen, die ich so gut stehen sollte.

Vor allem aber hatte er, nach halbjährigem Leiden in einer Kaufmannslehre, seinen Eltern einen Zettel mit dem Text „Sucht mich nicht, ich melde mich“ auf den Küchentisch gelegt und war nach Paris getrampt.

Er wollte an die Pantomimenschule des Marcel Marceau, aber nach einem Monat war das Geld alle. Er traf einen Clochard, einen früheren Arzt, und sie logierten in einem ausrangierten Metro-Waggon, gingen bei Regen in den Louvre und bei Hunger in die feinsten Lokale, wo sie vor dem Bezahlen durch die Toilettenfenster entwischten.

Ein Mann, der Schuldbeladene spielt, keine Bösen

Im Frühjahr fuhren sie an die Côte d’Azur, und Glowna verdingte sich als Eintänzer. Eines Morgens erwachte er am Strand und fand im Sand die „Betrachtungen über das Theater“, ein Buch der Schauspiellegende Jean-Louis Barrault.

„Am gleichen Tag, “ erzählte Glowna, „reiste ich zurück nach Hamburg und meldete mich an der Schauspielschule an.“

Bei all den verschlossenen, zwiespältigen Charakteren, die Vadim Glowna in fünf Jahrzehnten gab, hatte man immer das Gefühl, nicht einem brillanten Schauspieltechniker zuzusehen, sondern jemanden, der aus Erfahrung schöpft und Schuldbeladene spielt, keine Bösen.

Zunächst schrie er seinen Zorn noch heraus. Peter Zadek erinnerte sich an ihn als „wilden, undisziplinierten Halbstarken“, als Gegenpol zu dem ordentlichen Bruno Ganz.

Das Schauspielen war Glownas Therapie, denn wenn er sich in Rollen versetzte, durfte er Gedanken denken, über die er erschrocken wäre, hätte er sie als Vadim Glowna gedacht.

Verbrecher aus verlorener Ehre

Als das deutsche Fernsehen seinen Wirtschaftswunderbürgern mit „Zuchthaus“ erstmals den brutalen Gefängnisalltag vorführte, holte man Glowna als Verbrecher aus verlorener Ehre, in „Opfer“ tyrannisierte er als Querschnittsgelähmter seine Schwester, und in „Horror“ halluzinierte er die Schreckensvisionen eines Psychopathen.

Mit Mitte dreißig hatte er alles: einen Ruf (eine Art seriöserer Kinski), eine tolle Frau (die Schauspielerin Vera Tschechowa, die Elvis Presley vergeblich umgarnt hatte; dafür hatte John Lennon ihm in Hamburg mal ein Mädchen ausgespannt), ein tolles Kind (Nikolaus, inzwischen ein gesuchter Filmkomponist), zwei Häuser, zwei Autos, zwei Hunde, zwei Katzen.

Was sollte nun noch kommen?

Glowna und Tschechowa kauften in Österreich einen Hof und betätigten sich bäuerlich. Dann bot ihm Sam Peckinpah eine Zehntagerolle in „Steiner – Das eiserne Kreuz“ – und Glowna konfrontierte den Regisseur bei einem Whisky gleich mit ein paar Ideen, wie sich seine Rolle ausbauen ließe.

"Son“

Peckinpah explodierte und fluchte und zischte ab, aber am Ende hatte Glowna 42 Drehtage, und der Nervenzusammenbruch seines Gefreiten ist eine der Szenen, an die man sich am meisten erinnert.

Er rede zuviel, hatte Peckinpah seinem Deutschen vorgeworfen, aber wenn er je selbst einen Film inszenieren sollte, wolle er den sehen. So fuhr Glowna drei Jahre später mit „Desperado City“ nach Los Angeles und betrat nach der Vorführung nervös das Kino.

Peckinpah saß in sich versunken, Glowna setzte sich neben ihn, sie starrten auf die leere Leinwand. Irgendwann legte Peckinpah seine Hand auf Glownas Knie und sagte „Son“.

St. Pauli ist „Desperado City“, und bei Glowna sieht es wie in manchem Peckinpah aus, eine Welt von Schmutz und Tod. Von den drei Hauptfiguren lebt am Ende keine mehr.

Es war ein Film, der in Cannes die Camera d’or gewann und seinen Regisseur, Autoren und Produzenten zugleich ihn Deutschland als Außenseiter markierte; von jetzt an war Glowna nur noch gern gesehener Gast bei „Derrick“ und „Dalli Dalli“ und inszenierte selbst mehrere Folgen von „Der Alte“ und „Siska“ – immer mit dem Ziel, genug Geld für den nächsten eigenen Film zusammenzubekommen.

Der große Zeh, der nicht gerettet werden konnte

„Ich bin eigentlich teamfähig, aber innerlich stehe ich doch abseits“: Ein halbes Dutzend hat der stolze Einzelkämpfer geschafft, darunter „Des Teufels Paradies“ (nach Joseph Conrad), „Der Brocken“ (eine ganz frühe Geschichte über die Inbesitznahme der DDR durch den Westen) und „Das Haus der schlafenden Schönen“, worin er so viel über seine eigenen Fantasien preisgibt, wie kaum ein Regisseur vor ihm.

Vor Drehbeginn hatte er sich eine Blase gelaufen, und der Zeh wurde immer größer, aber Glowna konnte kein Geld mit abgesagten Drehtagen verschwenden.

Als er nach 14 Tagen zum Arzt ging, eröffnete ihm der: „Zu spät! Fuß ab!“. Der Fuß wurde dann doch gerettet, der große Zeh nicht.

Glowna war sein Leben lang bereit, den Preis für das zu zahlen, was er wollte, und so spielte er mit seiner traurigen, nasalen, fast tonlosen Stimme zehn Klischeerollen für eine gute, fast wie der späte Orson Welles.

Man muss sich seine Väterrollen bei Oscar Roehler ansehen (im „Alten Affen Angst“ und „Agnes und seine Brüder“) und seine selbst als Parodie gruseligen Hannibal Lector im „Planet der Kannibalen“ und vor allem seinen BKA-Chef in Christopher Roths „Baader“, der den Terroristen jagt und ihn doch als verirrten Sohn betrachtet, mit dessen Zielen er sympathisiert, obwohl er die Mittel missbilligt.

Am vorigen Samstag wartete man bei der Teampremiere von Rudolf Thomes „Ins Blaue“ in Berlin vergeblich auf Glowna, der die Hauptrolle eines Produzenten spielte, der seiner Tochter ihren ersten eigenen Film ermöglicht; „die Rolle seines Lebens“ sagt Thome. Da war Glowna schon im Krankenhaus, wo er am Dienstag 70-jährig gestorben ist.

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