Schiffsuntergang in Italien

Während das Land sinkt, wird der Kapitän irre

In italienischen Blogs wird die Havarie der "Costa" bereits als Daseinsmetapher gedeutet. Andere bemühen den Vergleich zur "Titanic" oder zum Apostel Paulus.

Hört auf mit den ewigen Analogiebildungen, hatte Gustav Seibt ("Süddeutsche Zeitung") den Feuilletonkollegen Anfang des Jahres ins Logbuch geschrieben – eigentlich mit Blick auf die Finanzkrise, aber vielleicht ja auch zutreffend auf die "Costa Concordia"? Analogien beruhen auf Assoziationen. Und, so Seibt, "sie behandeln die Geschichte eigentlich mythisch, als Abfolge wiederkehrender Muster". Insofern lag die "Titanic"-Assoziation blank wie der Felsen vor Giglio – viel zu nahe, als dass sie irgendein Feuilleton extra hätte touchieren müssen.

Aber: Auf den Hinweis "Schiffbruch mit Zuschauer" (Hans Blumenberg) hat man die ganze Woche gewartet. Gar nicht mal spöttisch oder zynisch auf den Kapitän gemünzt. Die absolute Metapher hätte eher medienkritisch gepasst: Im Grunde nach jeder verunglückten Fernseh-Direktschalte, bei der schon Geografiekenntnisse Glückssache waren und Rechtschreibung gänzlich zu viel verlangt. Vermutlich deshalb bekam man den Namen des gebrandmarkten Kapitäns, Schettino, bei n-tv noch am fünften Tag mit K zu lesen: "Skettino" – vereinfachte Lautschrift genügt!

Nach allen Regeln der Meta-Kunst

ARD-Reporterinnen sprachen derweil von "Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt", wenn sie im gleichen Satz expressis verbis "minus zwei, minus drei Grad" meinten. Klar, Eisschollen, auf denen Leonardo di Caprio festfriert, während Kate Winslet zur nächsten Trillerpfeife schwimmt, wären für Live-Bilder natürlich besser gewesen. Die Musik, mit der n-tv seine Reportagen unterlegte, war aber auch so schon melodramatisch grenzwertig. Beim nächsten Unglück dann vielleicht gleich scripted reality? Geht’s denn kein bisschen sachlicher in einem sogenannten Nachrichtensender?

Doch überlassen wir die Medienkritik den Branchendiensten. Konzentrieren wir uns auf das, womit wir feuilletonistisch gerechnet hätten oder noch rechnen – gespannt auf den Moment, da die "Costa Concordia", wie alle Mediengroßereignisse, das Ressort der reinen Nachrichtenchronik (besser: Dramaturgie) verlässt und nach allen Regeln der Meta-Kunst weiter mythisch, metaphorisch, motivgeschichtlich geborgen wird. Was hätte man da für Möglichkeiten!

Sinnbild für unsere Existenz

Abhandlungen von Arthur Rimbaud ("Das trunkene Schiff") bis Yann Martel ("Schiffbruch mit Tiger"), die Rettung des Apostels Paulus auf Kefalonia nach Lukas nicht zu vergessen. Auch die "Zeit" erinnert an Joseph Conrads "Lord Jim" , für den der schiffbruch-flüchtige Joseph Clark, ein Käpt’n von schettinoschem Feiglingsformat, Modell stand. Der aktuelle "Freitag" präsentiert Problemkapitäne von Käpt’n Blaubär ("Seemannsgarn") bis zur "Bounty" ("Mitschuld an der Meuterei"). Die "Süddeutsche" kontert mit "Retterfiguren" vom Ruderschlage Fontanes: "John Maynard"!

Wir benutzen die Seefahrt, so Blumenberg, als Metapher für unsere Existenz überhaupt, brechen auf zu neuen Ufern, erleiden Schiffbruch und beobachten die Not anderer vom Festland aus: "Erst nachdem den Zuschauern ihre sicheren Plätze angewiesen sind, kann sich vor ihnen das Schauspiel der Gefährdung des Menschen entfalten."

Gerade schien Italien in, nun ja, ruhigeres Fahrwasser zu kommen, wurde Monti von Merkel gelobt, waren die Kapitalmärkte beruhigt. Da passiert das, was in italienischen Blogs schon doppeldeutig als Daseinsmetapher gelesen wird: "Diese Tragödie scheint bezeichnend für das Land: Während das Schiff sinkt, blendet der Kapitän die Realität aus." Klingt, mit Verlaub, wie ein später Nachruf auf die Ära Berlusconi. Und der italienische Ex-Premier war bekanntlich mal: Sänger auf Kreuzfahrtschiffen.