Late Night "Illner"

Kanzlerin Merkel inmitten "gescheiterter Existenzen"

Der Euro am Abgrund, die schwächelnde FDP, Wulffs Affären: Angela Merkel ist von etlichen Krisen umzingelt. Wie sie sich dabei schlägt, diskutierte Maybrit Illner.

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Das ist schon ein ziemliches Potpourri an gescheiterten Existenzen, zwischen denen sich Angela Merkel im Moment befindet. Da sind zunächst einmal der Euro und die kriselnden Banken, deren Abgrund täglich ein kleines bisschen ersichtlicher wird. Dann ist da der kleine, schrumpfende Koalitionspartner namens FDP, der neben Vertrauen auch zunehmend seine Wähler verliert.

Das alles wird nur noch von der Kreditaffäre um Bundespräsident Christian Wulff übertrumpft.

Und die Kanzlerin? Die trotzt dem Sturm der Krisen, der seit Monaten an ihr vorüberzieht. Ihre Position hat trotz dieser negativen Höhepunkte bisher keinen Schaden davon getragen. Im Gegenteil. Sie profitiert mehr denn je von den widrigen Umständen. Mit ruhiger Hand regiert sie ein Volk, das ihr immer mehr Vertrauen entgegen bringt und sie die Liste der angesehensten deutschen Politiker anführen lässt.

Umso mehr verwundert da schon das Thema, welches sich die Redaktion von Maybrit Illner für deren Talkrunde erdacht hat: „Wulff, Euro, FDP – Kann die Kanzlerin einfach weiter so regieren?“ Da reibt man sich zunächst überrascht die Augen, denn besser könnte es für Merkel doch eigentlich gar nicht laufen.

Ernsthafte politische Konkurrenz ist nicht in Sicht, und international steht Deutschland trotz der Wirtschaftskrise immer noch hervorragend da.

Hälfte der Sendung über die Causa Wulff diskutiert

Das muss auch in der ZDF-Redaktion irgendwann jemandem aufgefallen sein. Anders ist es jedenfalls nicht zu erklären, dass zunächst ganze 30 Minuten, also die Hälfte der Sendung, über die Causa Wulff diskutiert wurde, die man so oder so ähnlich schon zur Genüge in den deutschen Talkrunden dieser Tage gehört hatte.

Während der Mann für die CDU an diesem Abend, Michael Fuchs, darum bemüht war, die Diskussion um Wulff endlich einzuschränken („Es reicht jetzt.“), wollte Marina Weisband von der Piratenpartei ein Ende der Debatte nicht so einfach hinnehmen: „Wir können die Diskussion um den Bundespräsidenten nicht einfach beenden. Nicht ohne Lösungen hervorzubringen.“

Das gab zum einen viel Applaus, zum anderen den weisen Spruch von Journalist und Politikberater Michael Spreng, dass Rücktritte die Bevölkerung mit der Politik wieder versöhnen könnten.

Selbst Cem Özdemir von den Grünen äußerte sich nur zurückhaltend zur Kreditaffäre. Wenn gegen den Bundespräsidenten Ermittlungen eingeleitet würden, wäre die Situation ziemlich eindeutig. Aber einen Seitenhieb konnte er sich dann doch nicht verkneifen: „Wir haben uns daran gewöhnt, dass wir keinen Außenminister haben. Vielleicht gewöhnen wir uns auch daran, dass wir keinen Bundespräsidenten haben.“

Das Thema Wulff ist ein echtes Problem für Angela Merkel. Eigentlich sollte sie angesichts der Tatsache, dass sie ihn auf diesen hohen Posten förmlich gehoben hat, zu ihm stehen. Doch nach all den Offenbarungen und den nicht endenden wollenden Fehltritten Wulffs ist ihr das kaum noch möglich. Ein echtes Problem eben. Blöd nur, dass das bei Maybrit Illner in dieser Form kaum thematisiert wurde.

Das Problem der "innenpolitischen Niederungen"

Nur Özdemir gab der Kanzlerin mit auf den Weg, dass sie bei möglichen Neuwahlen des Bundespräsidenten gut beraten sei, einen überparteilich anerkannten Kandidaten zu finden. Und das ist laut Michael Spreng der Grund dafür, dass Merkel bisher nicht von Wulffs Seite weicht.

Bei einem Rücktritt des Präsidenten müsste sie in die „innenpolitischen Niederungen“ zurückkehren, um mit den anderen Parteien einen Konsens zu erzielen. In der mittlerweile herausgehobenen Position Merkels ist das kaum vorstellbar.

Solche innenpolitischen Niederungen tun sich vor allem bei Merkels Koalitionspartner FDP auf. Selbst Dirk Niebel von der FDP musste eingestehen, dass die Partei „enorme Schwierigkeiten“ habe, gleichzeitig das derzeitige „FDP-Bashing“ aber nicht angebracht sei.

Da traf es sich für Maybrit Illner gut, dass Michael Knape, FDP-Bürgermeister in Treuenbrietzen, an diesem Abend ebenfalls zu Gast war. Von den Parteiquerelen auf Bundesebene zeigte er sich enttäuscht und will mit seinem Ortsverband aus der FDP austreten.

Philipp Rösler hat "den Liefertermin vergessen"

Der Parteivorsitzende Philipp Rösler habe für seine Lieferung, die er beim Amtsantritt versprochen habe, den Liefertermin vergessen, versuchte Knape das Problem deutlich zu machen.

Die Menschen nehmen die FDP nicht mehr ernst. Und Merkel? Von der war auch bei diesem Thema nicht die Rede. Wohlmöglich, weil es nun mal kaum Kritik an ihr gibt. Oder wie Spreng es beschrieb: „Frau Merkel ist in einer extrem komfortablen Situation.“

Ob Euro-Krise, die Krise der CSU, Steuersenkungen, oder aber das politische wie wirtschaftliche Abkapseln Englands von Europa – alles weitere kleinteilige Momentaufnahmen dieses Talkshowabends. Ein roter Faden innerhalb der Sendung? Nicht ersichtlich. Das Thema der Sendung? Mehr als verfehlt.

Erst kurz vor Schluss merkte dann auch Illner an, dass man doch lieber kein „Themen-Hopping“ betreiben wolle. Aber da waren die verschiedensten Probleme, die Merkel umgeben, schon auf dem halbrunden Tisch.

Wie gesagt, das ist alles ein ziemliches Potpourri an gescheiterten Existenzen. Und um die Frage der Talkrunde zu beantworten, ob Merkel einfach so weiterregieren kann: Ja, sie kann. Manche ihrer Entscheidungen mögen fragwürdig sein, aber eine vertrauenswürdigere Politikerin in diesen Zeiten ist nicht in Sicht.

Das wurde auch an diesem Abend mehr als deutlich, denn in der Kritik steht die Kanzlerin jedenfalls nicht. Schon gar nicht bei Maybrit Illner.