Late Night

Jauch speckt von Polit-Talk auf Boulevard-Niveau ab

Leichtgewichte bei Deutschland XXL: Der Versuch, nicht über Wulff zu talken, ging schief. Klar war nur die Antwort auf die Frage: "Brauchen wir Steuern auf Dickmacher?"

Foto: ARD / ARD/Mediathek Screenshot

Günther Jauch verzichtet freiwillig auf den Hattrick. Die letzten beiden Sendungen hatte er Christian Wulff gewidmet. Doch ein drittes Mal in Folge wollte er sich und dem Publikum den Bundespräsidenten als Thema nicht antun. Dabei hatte Jauch das Staatstragende vergangenen Sonntag sogar einen Einschaltquotenrekord für seine Sendung eingebracht.

Doch am Sonntag speckte Jauch vom Polit-Talker der ersten Reihe wieder auf Boulevard à la Stern TV ab: "Deutschland XXL - brauchen wir Steuern auf Dickmacher?" hieß sein Thema. Für alle vom Winterspeck Geplagten wäre Joggen oder Schwimmen die bessere Alternative zu der Sendung gewesen.

Die Deutschen werden immer dicker. Fast jeder Sechste gilt nach einer OECD-Langzeitstudie als fettleibig. Von einer obendrein "sündteuren Volkskrankheit" sprach Jauch - die Weltgesundheitsorganisation prognostiziert 25 Milliarden Euro an Folgekosten des Übergewichts. Exemplarisch für dieses Problem kam Helga Fernandez Kettler in die Sendung.

Die an Adipositas, also Fettsucht, leidende Frau wog zeitweise 175 Kilo. Im Essen habe sie ihr Glück gesucht, sagte die aus Honduras stammende Kettler. Mit ihrer Ernährungsberaterin Dorit Roeper nahm sie in den vergangenen Monaten 40 Kilo ab. Doch wie konnte Kettler überhaupt so unfassbar dick werden?

Gibt es da noch eine Verantwortung jenseits der eigenen Entscheidung, die Hand immer wieder zum Mund zu führen? Ernährungsberaterin Roeper, die das Hamburger Adipositas-Zentrum leitet, sagt ja. Von Schuld spreche sie zwar nicht. Aber: "Sowohl die Lebensmittelindustrie ist da in der Verantwortung als auch die Politik als Rahmengeberin."

Politik in der Verantwortung

Diese These ist nicht neu. Die Lebensmittelkonzerne versuchen demnach durch Werbung, die Menschen zum Essen von allerlei ungesundem Zeug zu bringen. Und die Politik müsste dem Ganzen Einhalt bieten. So in der Art versuchte auch Jauch die Diskussion zu führen. Zu Gast hatte er dafür mit Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) und dem SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach die beiden jeweils führenden Köpfe von Regierung und Opposition zum Thema.

Mit Werner Wolf, dem Präsidenten des Bundes für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde, kam außerdem einer der obersten Lobbyisten der Nahrungsmittelhersteller. Alle drei sind mit allen Wassern gewaschene Meinungsmacher - und alle drei rückten im Verlauf der Sendung von keiner ihrer Positionen ab.

"Brauchen wir Steuern auf Dickmacher?", lautete eine Frage. Anlass: Die Franzosen zahlen seit Jahresbeginn eine Art "Colasteuer" auf Süßgetränke. Die Dänen seit dem vergangenen Jahr eine Fettsteuer etwa auf Butter und die Ungarn eine Steuer auf Lebensmittel mit zu viel Salz, Fett und Butter. Wäre das nicht eine prima Gelegenheit für Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU), sich von der Fast-Food-Generation den Haushalt entlasten zu lassen?

Vielleicht - aber die Steuer wird nicht kommen. "Ich habe erhebliche Zweifel, ob man über Steuern Ernährungsgewohnheiten umstellen kann", sagte Aigner. Zustimmung auch aus der SPD. "Die Fettsteuer würde uns nicht weiterhelfen", sagte Lauterbach. Studien aus den USA hätten gezeigt, dass die Menschen dann auf noch ungesündere Stoffe umwechseln.

Viele Fragen, viele Antworten

Damit war praktisch mit zwei Sätzen die Überschrift der Sendung verneint. Das ging auch so leicht ohne Widerspruch, weil sich die beiden weiteren Talkteilnehmer als Leichtgewichte erwiesen. Entertainerin Maite Kelly taugt als nette Stimme von nebenan, Substanz brachte sie aber nicht ins Gespräch. Und die als Ernährungsexpertin der ARD tätige Journalistin Dagmar von Cramm war offenbar ahnungslos.

Sie schwadronierte von irgendwelchen Steuervorteilen in Deutschland für die Produktion ungesunder Fette. Als Aigner sie nachdrücklich mit "das stimmt einfach nicht" anherrschte, war von Cramm aus der weiteren Debatte raus.

Doch dafür schaltete sich Jauch so häufig wie selten sonst in seinen Sendungen in das Gespräch ein. Und weil Jauch viel fragte, gab es viele Antworten. Lauterbach, der ja auch Arzt ist, erzählte von den Auswirkungen von Stress aufs Gewicht: Wenn zwei Menschen die gleiche Kalorienmenge zu sich nehmen, nehme der mit dem größeren Stress mehr zu. Ursache seien Hormone.

Und Maite Kelly sagte, "Süßstoff ist ja erfunden worden, um Schweine zu mästen." So durfte jeder ein bisschen was erzählen, ohne dass irgendjemand hätte sagen können, wohin die Sendung nun eigentlich führen soll. Zu Diättipps? Zu einer Medizin-Lehrstunde? Und was von dem Gesagten war Wissen und was Halbwissen?

Diskussion um Lebensmittel-Ampel

Ein großes handfestes Thema arbeitete Jauch aber doch noch raus. Die Lebensmittel-Ampel. Warum sie denn die Ampel mit rot etwa für zu hohe Zucker- oder Fettanteile und grün für Unbedenklichkeit nicht wolle, fragte er Aigner. Deren erstaunliche Begründung: "Das will in Europa keiner." Nun wollte auch in Europa lange keiner die inzwischen als vorbildlich geltende Rente mit 67 oder den flexiblen Arbeitsmarkt nach deutschem Modell.

Aber immerhin ließ Jauch Aigner an der Stelle mit ihrem Nein nicht so einfach durchkommen. Er nahm sein Smartphone aus der Tasche und zeigte eine App ( www.barcoo.de ), die durch den Strichcode eine Ampel für das jeweilige Produkt ermittelt. Während Aigner noch für eine komplizierte Lösung mit Prozentangaben warb, zeigte Jauchs App schon der Cola rot für den Zuckergehalt.

Lauterbach sagte, "ich bin klarer Befürworter der Ampel. Es ist sehr simpel, das kapiert jeder und es geht auch schnell." Auch wenn es nicht perfekt sei, würde eine Ampel "riesig nach vorne bringen", sagte Lauterbach. Denn mit der Ampel würden auch die im Durchschnitt deutlich häufiger vom Übergewicht betroffenen Menschen niedrigerer Bildungsschichten erreicht.

Der SPD-Mann durfte damit das Publikum auf seiner Seite wissen. Zumal auf der anderen Seite Lebensmittelindustrie-Lobbyist Wolf nicht viel mehr als Plattitüden als Gegenargument einfielen."Es gibt keine gesunden und ungesunden Produkte. Es gibt gesunde und ungesunde Ernährung", sagte Wolf und verstieg sich zu dem Satz. "Wenn sie sich nur von Äpfeln ernähren, werden sie auch irgendwann tot umfallen."

Jauch hätte angesichts solcher Beiträge doch besser noch mal über Wulff diskutieren sollen. Immerhin brachte Lauterbach den Bundespräsidenten einmal kurz in die Sendung. Der SPD-Mann hatte sich als Beispiel für einen zu hohen Zucker- und Fettgehalt einen Schoko-Müsliriegel bei der Jauch-Redaktion stibitzt. "Ich hab' das gewulfft, ich hab' das ohne zu bezahlen mitgenommen."