11. Berliner Wintersalon

Im Sonycenter wird wieder in Jurten gelesen

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Pinar Abut

Foto: P. Adenis/ Sony Center

Die mongolischen Hütten wirken im glänzenden Sonycenter wie Ufos - etwas deplaziert - und sind doch wieder der Austragungsort des "Berliner Wintersalons". 35 Autoren lesen dabei eine halbe Stunde in den Jurten aus ihrem Buch - auch die Berliner Autorin Tanja Dückers.

Es stinkt. Vielleicht nach Schaf oder Kamel. Wer das kreisrunde mongolische Zelt, Jurte genannt, betritt, muss sich sowohl an den fremden Geruch, als auch an das gedämmte Licht gewöhnen. Nach ein paar Minuten haben sich die Sinne an die neue Umgebung angepasst und der Besucher nimmt die schönen Details im Inneren der Jurte wahr. Das Dach aus Wollfilz wird von rot lackierten, dünnen Holzlatten getragen, die mit Ornamenten verziert sind. Die Wände sind ebenfalls mit Wollfilz ausgekleidet, der Boden ist mit Holzbrettern verlegt und eine niedrige Holztür lässt den kalten Wind draußen.

Diese und zwei weitere Jurten stehen im Sonycenter am Potsdamer Platz und sind der Austragungsort des „11. Berliner Wintersalons“. Seit ein paar Tagen finden hier Lesungen statt, der Eintritt ist frei, Sonntag ist der letzte Tag. Im Programm stehen 35 Autoren, die jeweils eine halbe Stunde aus ihrem Buch vorlesen. Die Jurten wirken im glänzenden Sonycenter wie Ufos, etwas deplaziert.

Die Berliner Autorin Tanja Dückers stört das nicht. Sie hat am ersten Tag der Veranstaltung gleich dreimal hintereinander gelesen und nahm in der Vergangenheit bereits zweimal am „Berliner Wintersalon“ teil. „Ich bin immer wieder überrascht, wie privat sich der Raum anfühlt, weil es ein warmer, gemütlicher, dunkler Raum ist, mit einer kuscheligen Winter-Atmosphäre.“ Sie gibt zu, dass sie kein Fan des Potsdamer Platz ist, aber in der Jurte könne sie vergessen, wo sie sei, „die äußere Umgebung wird dann unwichtig“, sagt Dückers.

Kein perfekt choreografierter Ablauf

Zu ihrer ersten Lesung um 14 Uhr sind 25 Personen gekommen, die auf roten und grauen Polsterhockern Platz genommen haben. Tanja Dückers packt ihr Buch „Hausers Zimmer“ aus der Tasche und legt es auf den Tisch. Ihr 500 Seiten umfassender Roman ist im vergangenen März erschienen. Dückers Vorlese-Exemplar ist mittlerweile zerfleddert und mit gelben und pinkfarbenen Klebezetteln bestückt. Die Geschichte beschreibt das Leben der 14-jährigen Julika 1982 in West-Berlin. In einem Jahr voller Veränderungen, mit dem politischen Machtwechsel von Helmut Schmidt zu Helmut Kohl, dem Falklandkrieg, dem Ausnahmezustand in Polen und dem Besuch Ronald Reagans in Berlin. „Bei einer halbstündigen Lesung kann ich höchsten nur 15 Seiten lesen. Deswegen lege ich mich nicht auf eine bestimmte Auswahl fest“, sagt Dückers. Sie entscheide sich auch während des Lesens um, wenn sie merke, dass das Publikum auf ein bestimmtes Thema gut reagiere. „Es gibt Autoren, die lesen wie ein Schauspieler immer das gleiche vor, aber ich kann das nicht.“ Die 43 Jahre alte Autorin hat um die 1000 Lesungen hinter sich, dabei habe sie gelernt, dass es nicht so wichtig sei, sich einen perfekt choreografierten Ablauf zu überlegen. „Das Wichtigste ist, dass ich gut gelaunt und ausgeschlafen bin.“ Und die nötige Energie für lange Veranstaltungstage liefere ihr Schokolade, von der sie immer etwas dabei habe.

„Heute gibt es viel Spektakel und Literatur wird immer mehr in große Kulturfestivals eingebunden. Man ist als Autor nicht immer damit glücklich. Ich hatte mal eine Lesung in Bussen, die immer hin und herfuhren“, sagt Dückers. Deswegen habe sie sich auf die entspannte Lesung in den Jurten gefreut. „Auch wenn mein Roman fiktional ist, hat es schon etwas Privates, was man öffentlich macht.“ Schließlich habe sie mehrere Jahre an ihrem Buch geschrieben. „Wie wirkt der Stoff auf das Publikum? Gespräche, in denen sich die Leser mir öffnen, das passiert eher im kleineren Rahmen. Das finde ich total spannend.“ Daher seien die Lesungen ein wichtiger und interessanter Teil ihrer Arbeit.

Ur-Berliner treiben sich nicht am Potsdamer Platz rum

Nach der ersten Lesung gibt es nur eine Frage an die Schriftstellerin. Das Publikum ist schüchtern, wahrscheinlich, weil überwiegend Schüler anwesend sind. Die zwei späteren Lesungen sind mit 30 Teilnehmern voll und sind ungefähr im Alter der Autorin. Tanja Dückers liest eine Passage über die „Kudamm-Ladys“ vor, die Zuhörer lachen und es wird klar, dass im Publikum Berliner sitzen. „Der Potsdamer Platz ist fest in den Händen von Touristen, als Ur-Berliner treibt man sich nicht hier rum“, sagt Dückers vor der Veranstaltung. Jedoch würden zu der Lesung keine Touristen kommen, „dafür haben die doch keine Zeit“.

Die seit 1973 in Berlin lebenden Nele Kuhn kannte die Bücher von Tanja Dückers vorher nicht, konnte aber einige Passagen von „Hausers Zimmer“ sehr gut nachempfinden. Hier hat der Abend gefallen: „Ich finde die Idee mit den Jurten richtig klasse. Es ist anders als andere Lesungen.“ Die 37 Jahre alte Tanja Haupt hat schon im vergangenen Jahr den „Berliner Wintersalon“ besucht und auch einige Texte von Dückers gelesen. Sie fragt nach der Vorstellung die Autorin, ob sie für die vielen zeitgeschichtlichen Details aus ihrem persönlichen Tagebuch Passagen übernommen habe. „Nein, in dieser Zeit habe ich einer Freundin Briefe geschrieben, die diese mir für meine Recherche wiedergegeben hat. Mit diesen habe ich mich wieder an Details erinnert, aber auch Zeitzeugen befragt“, sagt Dückers.

Nach ihrer dritten Lesung um 19 Uhr stellt Dückers überrascht fest: „Irgendwie ist die Zeit unheimlich schnell vergangen. Ich habe gar nicht gemerkt, dass ich so lange hier war. Jetzt habe ich selber Lust einen Autor zu hören.“ Am Sonntag finden von 12 bis 21 Uhr noch 20 Lesungen statt. Unter anderem lesen dann Inka Parei, Ursula März und Katharina Hacker.