Hedi Slimane

Der Mann, für den Karl Lagerfeld hungerte

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Anne Waak

Um in Hedi Slimanes schlanke Dior-Anzüge zu passen, nahm Karl Lagerfeld 40 Kilo ab. Doch seit vier Jahren widmet sich der Designer der Schwarz-Weiß-Fotografie.

Als Chefdesigner der Herrenlinie von Dior hat der Franzose Hedi Slimane, 43, die schmale männliche Silhouette der Nullerjahre geprägt. Mit seiner Website erfand er den Fotoblog , und mittlerweile hat er sich mit seinen Schwarz-Weiß-Aufnahmen als Künstler etabliert. Seine Fotoarbeiten nebst einer Installation sind noch bis 22. Januar 2012 in der Ausstellung „California Song“ im Pacific Design Center des Museum for Contemporary Art (MOCA) in Los Angeles zu sehen, wo Slimane seit einigen Jahren lebt.

Wiederkehrendes Motiv ist Christopher Owens, der Sänger der Band Girls. Gerüchteweise möchte Slimane den Rufen vieler seiner Bewunderer nachgeben und in naher Zukunft eine eigene Modekollektion präsentieren. Äußern will er sich dazu allerdings nicht. Er beantwortet ausschließlich Fragen, die ohne das Wort „Mode“ auskommen, und diese auch nur per E-Mail. Also gut, unterhalten wir uns zum Start seiner Ausstellung eben schriftlich über Fotografie, Erwachsenwerden und seine Wahlheimat Kalifornien.

Morgenpost Online : Hedi Slimane, die allermeisten Ihrer fotografischen Arbeiten und einige Ihrer Videos sind auf Ihrer Website, dem sogenannten Photo-Diary zu sehen, manchmal sogar begleitet von Musikdateien. Warum stellen Sie zusätzlich im Museum aus?

Hedi Slimane : Aus der Sicht des Betrachters ist die Erfahrung einer Ausstellung natürlich eine andere, als wenn man sich eine Website anschaut. Das dreidimensionale Erlebnis zählt. Die Ausstellung wurde so konzipiert, dass sie dem Raum und seiner monumentalen Architektur angepasst ist. In diesem Fall war es einfach so, dass das Museum mich fragte, ob ich nicht die Bilder zeigen wolle, die während meiner Jahre in Kalifornien entstanden sind. Am Eröffnungsabend war ein entscheidendes Element meiner Installation die Performance der Band No Age. So etwas kann man im Internet nicht herstellen. Mein Photo-Diary sollte, als ich es 2006 ins Leben rief, als eine Art offener Galerieraum dienen. Was man in Museen zeigt, ist immer sehr sorgsam ausgewählt, wohingegen im Internet und somit auch auf meiner Website immer alles zur Verfügung steht. Das unterscheidet ein Museum vom Netz: die Reduktion einer Idee auf das Wesentliche.

Morgenpost Online : Sie bedienen sich für Ihre ausschließlich in Schwarz-Weiß gehaltenen Fotos ein weiteres Mal einer sehr kontrastreichen, gestochen scharfen Ästhetik. Woher kommt Ihre Vorliebe für diese Art der Fotografie?

Slimane : Schwarz-Weiß war immer die einzige Option für mich. So habe ich angefangen und so ist es bis heute. Es ist wie schwarze Tinte auf weißem Papier: Es transportiert eine klare Idee oder ein eindeutiges Gefühl. Und das ganz ohne abzulenken. Gleichzeitig versuche ich in jedes einzelne Bild eine Art „veränderte Dauer“ einzuschreiben. Was ich damit meine, ist: In Schwarz-Weiß-Bildern scheint die fotografische Unmittelbarkeit manchmal wie verlängert. Der präzise Moment des einzelnen Bildes wird gebrochen und dauert so länger. Das wiederum versetzt den Fotografen in eine Lage, in der er versuchen kann, eine utopische Echtheit dessen einzufangen, was er fotografiert. Mit Echtheit meine ich ein gewisses Gefühl oder ein Fragment der Wahrheit.

Morgenpost Online : Welche Künstler haben Ihre Arbeit beeinflusst?

Slimane : Als Teenager begeisterte mich der Konstruktivist Alexander Rodtschenko. Ich liebte das Verhältnis von Bildausschnitt und Perspektiven in seinen Fotografien, sein einzigartiger Gebrauch von Tiefenschärfe und davon, wie das Abgebildete zu einer abstrakten Form reduziert wird. Mir war früh die Bedeutung von Bewegung innerhalb einer fotografischen Aufnahme bewusst und der damit direkt zusammenhängende Ausdruck von Gefühlen innerhalb einer grafisch vereinfachten Komposition. Diese Erkenntnis habe ich in der Zeit ausführlich genutzt und mutmaßlich tue ich das heute noch immer. Neben russischer Avantgarde-Fotografie hatte ich, was die Malerei angeht, zwei andere Interessen: Caspar David Friedrich, der ja als der Erfinder der Romantik gilt, und seine Rückenfiguren zeigenden Gemälde. Die spannungsreiche Beziehung zwischen den Ausmaßen des Subjekts, dem Menschsein und einer überwältigenden, kraftvollen Natur. Das hat mich als 18-Jähriger sehr beeindruckt. Ein weiterer Einfluss war der französische Rokokomaler Jean-Baptiste Chardin und seine Darstellungen von Jugendlichen wie „Junger Mann, seinen Bleistift spitzend“. Ich verbrachte ganze Nachmittage damit, auf den Bänken im Louvre zu sitzen und sie zu betrachten. Das Interesse an Rodtschenko habe ich verloren, Chardins Gemälde liebe ich noch immer.

Morgenpost Online : Ihre Ausstellung heißt „California Song“. Wonach klingt das Lied über Kalifornien für Sie?

Slimane : Es klingt wie eine Autofahrt auf der Route 1, dem Pacific Coast Highway, der immer am Meer entlangführt, von San Francisco Richtung Süden nach San Diego. Der Song trägt das Erbe der Beach Boys und der Surf-Kultur in sich; das Erbe Bob Dylans, überführt in die schlichten und bewegenden Songs von Christopher Owens von Girls.

Morgenpost Online : Für Ihre Ausstellung haben Sie mit dieser Band, aber auch mit anderen Musikern aus Los Angeles wie Ariel Pink oder No Age zusammengearbeitet. Als Sie ab Mitte der 90er-Jahre für das Pariser Modehaus YSL designten, hörten Sie French House, später dann verbrachten Sie einige Zeit in London. Gibt es so etwas wie einen ortsspezifischen Sound?

Slimane : Natürlich hat jede Stadt innerhalb eines gewissen Zeitraumes ihren eigenen Sound. Das war immer der Fall, denken Sie an Country in Nashville oder Techno in Detroit, an London, Berlin oder Paris, angefangen in den 50er-Jahren bis in die Gegenwart. Der Sound ist ein Polaroid des kulturellen und sozialen Kontextes, des Hier und Jetzt.

Morgenpost Online : Nachdem Sie lange Zeit hauptsächlich sehr junge Menschen porträtiert haben, tauchen jetzt auch Leute wie die Musikerin Courtney Love, der Kopf der Band Beach Boys, Brian Wilson, und der Schriftsteller Gore Vidal auf. Erwachsene also, die zudem oftmals eine brüchige Lebensgeschichte haben. Hat Ihr Interesse an der Jugendkultur in der Welthauptstadt der Jugendlichkeit Los Angeles abgenommen?

Slimane : Ich fotografiere ausschließlich die Extrempunkte einer Linie. An der Jugend interessieren mich ihre Rastlosigkeit und die Idee, dass dir in diesem Alter alles offensteht. Die Anmut, die dagegen in einem Leben liegt, in dem vieles vorbei zu sein scheint, hat mich immer sehr bewegt. In beiden Fällen versuche ich in meinen Bildern etwas davon zu konservieren. Es handelt sich um Wunschdenken.

Morgenpost Online : Hat diese neue Richtung auch etwas mit Ihrem eigenen Älterwerden zu tun?

Slimane : Das ist sicherlich Teil der Antwort, ja. Kurioserweise hatte ich immer das Gefühl, die Zeit würde nur so fliegen. Seit ich 15 bin, ist das Vergehen der Jahre ein großes Thema für mich. Ich hatte immer das Bedürfnis, meine Zeit so gut es geht zu dokumentieren. In diesem Drang liegt ganz sicher der Grund dafür, dass ich mich entschied zu fotografieren.

Morgenpost Online : In Ihren jüngsten Arbeiten tauchen eine Menge uramerikanische Symbole auf: „Stars and stripes“, Dollarnoten, Cheerleader-Pompoms. Wollen Sie den US-Amerikanern etwas über ihre Kultur erzählen?

Slimane : Ich bin hier ganz klar ein Außenseiter, der einen sich wiederholenden Katalog der amerikanischen Konventionen anlegt. Es handelt sich bei dem Blick, den ich auf diese Welt werfe, ganz klar um die Wahrnehmungen eines Europäers, der wie Millionen andere seit dem Zweiten Weltkrieg mit Darstellungen Amerikas gefüttert wurde. Meine Kameralinse und meine Fremdheit eignen sich gut dazu, Geschichten zu erzählen, in denen diese andere Kultur dargestellt wird. Ich habe die dringend benötigte Distanz.

Morgenpost Online : Es heißt, Los Angeles sei, was Kunst und Kultur angeht, das neue New York. Wie sehen Sie das?

Slimane : Die Szene ist heutzutage sicherlich sehr viel stärker als noch vor ein paar Jahren, und zwar sowohl, was die Kunst als auch, was die Musik angeht. Los Angeles ist zudem eine Stadt, die auf der neuen pazifischen Achse liegt, die, wie ich höre, dieses Jahrhundert definieren wird: eine Stadt an der amerikanischen Küste, die in Richtung Asien schaut.

Morgenpost Online :Wie hat sich die Atmosphäre in den letzten Jahren verändert?

Slimane : Vor etwa fünf Jahren hat eine Reihe neuer Galerien eröffnet, die eine sich entwickelnde Szene mit Künstlern wie Sterling Ruby entdeckten. Aber auch die Museen wirken seit einiger Zeit an dieser Renaissance mit. Der Kurator des MOCA, Jeffrey Deitch, und Michael Govan vom Los Angeles County Museum of Art (LACMA) hatten einen enormen Einfluss auf diesen Aufstieg der Stadt zur neuen nordamerikanischen Kunstmetropole. Die lebendige Musikszene, darüber sprachen wir schon, war ebenfalls ein Schlüssel-element. Kalifornien befindet sich, neben der Bedeutung, die es für die digitale Welt und die globale Unterhaltungsindustrie hat, derzeit ganz klar auch in einer starken künstlerischen Position.

Morgenpost Online : Der Konzeptkünstler John Baldessari, dessen Porträt auch in „California Song“ zu sehen ist, sagte neulich in dieser Zeitung, das „hässliche“ Los Angeles und die „nicht wirklich schlauen Leute“, die dort wohnen, machten ihn wütend. Was für seine Kunst allerdings gut sei.

Slimane : John Baldessari ist in Los Angeles eine Legende, und er wirkt auf mich wie jemand, der sehr an Kalifornien hängt. Bei der Aussage, die Sie da zitieren, handelt es sich höchstwahrscheinlich einerseits um mutwillige Zurückweisung und ein Verweis auf den Ruf der Stadt als Zentrum der Flachheit, was ja eine durchaus übliche Auffassung ist.

Morgenpost Online Und was denken Sie über die Stadt?

Slimane : Um ehrlich zu sein, gibt es hier nicht viel, was mich stört. Ich finde Los Angeles jeden Tag aufs Neue geradezu poetisch und sehr inspirierend. In dem Moment, in dem ich die Stadt verlasse, vermisse ich sie. Es gibt da diese eigenartige, fast körperliche Verbindung und die versuche ich anderen seit vielen Jahren zu vermitteln. Es ist dieselbe Empathie, die ich für Berlin hatte, als ich in den frühen Nullerjahren dorthin kam. Ich stieg abends in Paris in den Zug und kam frühmorgens an, als die Stadt noch still und gelassen dalag. Diese Morgen fühlten sich sehr verheißungsvoll an, nach Freiheit und Aufregung angesichts der Möglichkeiten, was passieren würde.

Ausstellung "California Song“ im Pacific Design Center des Museum for Contemporary Art (MOCA) in Los Angeles, bis 22.1.