US-Kultrocker NRBQ

Warum kennt niemand die beste Band der Welt?

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Frank Schmiechen

Foto: Jay Berman

Es ist ein Skandal, dass NRBQ nur Experten bekannt ist. Dabei spielt die Band sogar für die Simpsons. Nun starb Schlagzeuger Tom Ardolino.

Was ist hier eigentlich los? Warum ist diese Band nie weltberühmt geworden? Ein Skandal! Eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Ganze Kohorten von unnützen, unmusikalischen und unfassbar schlechten Kapellen haben NRBQ an sich vorbei in die Hitparaden ziehen sehen. Was muss das für ein Gefühl sein? Man schreibt die besten Songs. Man stellt sich seit 40 Jahren an mehr als 250 Abenden pro Jahr auf zugige Provinzbühnen in den letzten Winkeln der USA und hinterlässt ein plattgewalztes Publikum.

Drummer Tom Ardolino verstarb im Alter von nur 56 Jahre

Man wird verehrt und gepriesen von Bob Dylan , Paul McCartney, Elvis Costello und REM. Keith Richards holt sich den NRBQ-Bassisten in seine All-Star-Band. Bei den Simpsons sind NRBQ in einigen TV-Staffeln die Hausband. Und niemand merkt es? Niemand erkennt das Genie dieser einmaligen Querköpfe? Das kann doch nicht sein! Kann leider doch sein. Und jetzt ist es zu spät dafür. Denn in der vergangenen Woche ist der wunderbare NRBQ-Schlagzeuger Tom Ardolino im Alter von nur 56 Jahren gestorben.

Seit den späten 60er-Jahren fabrizieren NRBQ – New Rhythm and Blues Quartet ­- ihre einmalige Mischung. Rock’n’roll trifft mühe- und nahtlos auf Free Jazz, schwebende Balladen auf Country-Nummern, 12-Ton-Anleihen auf rustikalen Blues. Die komplette amerikanische Musiktradition wird mit einer derben Portion Humor und einem siebten Sinn für musikalischen Absurditäten und Schönheiten durcheinander geschüttelt.

Live schöpft die Band aus einem scheinbar unendlichen Repertoire. Ein festes Programm gab es all die Jahre nicht. Es regierte der Zufall, der Wahnsinn und die Magie des Augenblicks. REM-Gitarrist Peter Buck erzählt, dass er sich NRBQ, die er für eine Tournee als Vorgruppe engagiert hatte, jeden Abend anhörte - und noch nach 30 Auftritten mit neuen, bis dahin ungehörten Songs überrascht wurde.

Keine Plattenfirma hat es lange mit NRBQ ausgehalten, weil auf diesen eigenwilligen Mix einfach kein verkaufsförderndes Etikett passen wollte. Und verkauft haben sie deshalb bis heute nur wenige Exemplare ihrer fast 40 Platten.

Im Hamburger "Logo" trat die Band in ihrer Bestbesetzung auf

Nur einmal waren NRBQ in Deutschland zu bewundern. Ende der 80er-Jahre holte einer ihrer größten Fans, der Hamburger Musiker Christoph Bunke, die Band für ein paar Gigs über den Atlantik. Da standen die vier Amerikaner nun auf der Bühne des Hamburger Clubs "Logo" in der Grindelallee vor der versammelten Insider-Gemeinde. In ihrer besten Besetzung mit Terry Adams an Clavinet und Piano, Joey Spampinato am Bass, Gitarrist Al Anderson und Tom Ardolino am Schlagzeug.

Zunächst noch deutlich gejetlagt und etwas verwirrt über die bunt zusammengewürfelte Leihanlage, die sie an diesem Abend benutzen sollten. Doch dann fanden sie langsam zu ihrem Humor, entwickelten ihre Magie und eigenwillige Kraft, über die damalige Konzertbesucher noch heute sprechen.

Adams bearbeitet seine Tasten eher wie ein Percussionist. Er ist ein ständiger Unruheherd auf der Bühne, spielt alles mögliche, aber nur selten das Lied, was gerade auf dem Programm steht und sorgt mit kantigen Jazz-Splittern dafür, dass die Songs auch für seine Band immer unberechenbar bleiben. Spampinato hat an seinem Danelectro-Bass eine ganz eigene Daumen-Technik entwickelt.

Bei ihm klingt der E-Bass eher nach Rockabilly-Kontrabass. Al Andersons Telecaster muss einiges aushalten. Der 140-Kilo-Mann zerrt und reißt mit Urgewalt an den Saiten. Im nächsten Augenblick singt er eine zuckersüße Ballade und streichelt die Gitarre. Alle drei schreiben Songs für die Band und singen.

Tom Ardolino spielte 35 Jahre lang die Drums bei NRBQ

Drummer Tom Ardolino stieß im Jahr 1974 zur Band. Zuvor war der Teenager ihr größter Anhänger. Er schrieb Fan-Post, schaute sich alle erreichbaren Konzerte an. Eines Tages holte Terry Adams den jugendlichen Musiker für eine Zugabe auf die Bühne. Ein paar Monate später hatte Ardolino seinen Traumjob hinter dem Schlagzeug von NRBQ für die nächsten 35 Jahre.

Niemand verschleppt so herrlich das Tempo des Offbeats, niemand spielt so erratische Breaks, niemand kann eine Band so locker zur Höchstform und Tempo antreiben wie Tom Ardolino das über Jahre gemacht hat. Hinter seinen Trommeln wirkte der Mann mit dem schwarzen Bart und den wilden Locken immer wie der unbeschwerte Sonnyboy von NRBQ. Am Freitag vergangener Woche starb Tom Ardolino an den Folgen seiner Alkoholsucht im Kindred Hospital in Springfield, Massachusetts.