Late Night "Hart aber Fair"

Wenn Krake Hippihopp zum Ritalin rät

Überforderte Eltern und mit Medikamenten vollgestopfte Kinder: Frank Plasberg und seine Gäste zeichneten ein düsteres Bild der Erziehung. Gut, dass es Dr. Michael Winterhoff gibt.

Foto: WDR/Oliver Ziebe / WDR/Oliver Ziebe/WDR-Pressestelle/Fotoredaktion

Eltern hatten es noch nie wirklich leicht. Immerhin kostet es eine Menge Kraft und Nerven, ein Kind zu erziehen. Man könnte meinen, das wäre heute anders. Das Rollenbild der Hausfrau ist zum Auslaufmodell geworden und ein beträchtlicher Anteil der Erziehung hat sich in die Kitas verlagert. Doch gerade aktuell scheint die Überforderung unter den Eltern so hoch wie nie zu sein.

Zu Beginn von “Hart aber fair” präsentiert Moderator Frank Plasberg einen beeindruckenden Bücherturm aus Ratgebern für Eltern. Für jedes Problem gibt es mittlerweile das passende Buch. Dabei spricht die Flut an Veröffentlichungen vor allem für die Hilflosigkeit der Eltern.

Überforderte Eltern ohne Rat

Unter dem Thema “Eltern ohne Kompass - wer gibt Kindern heute noch Richtung?” gingen die Gäste den Fragen auf den Grund, was Eltern heute in der Erziehung alles falsch machen und vor allem, wie sie es richtig machen können. Dabei setzte sich die Sendung dem Zwiespalt aus, einerseits Ratgeber zu verurteilen, gleichzeitig aber mit Erfahrungsberichten und Tipps genau in dieselbe Kerbe zu schlagen.

Grundsätzlich waren zwei Standpunkte vertreten. Zum einen, dass früher, also in der Ära vor Fahrradhelm und Kindersitz, alles besser war, zum anderen wurde das ängstliche Verhalten moderner Eltern damit verteidigt, dass heute ein viel größerer Druck auf ihnen lastet.

Schriftsteller Richard David Precht (“Wer bin ich - und wenn ja wie viele?”) plädierte - auch aus seiner Rolle als Vater heraus - für Letzteres. Er selbst wuchs als “Schmuddelkind” auf. Seine Eltern hielten nicht viel von Zähneputzen und Aufräumen, waren ein bisschen antiautoritär, gleichzeitig aber auch durch und durch bürgerlich. Wenn zu Prechts Schulzeit alle Kinder ins Fantasialand fuhren, musste der kleine David in die Parallelklasse zum Unterricht. Den Vergnügungspark sah man bei ihm zu Hause als “Maximum der Verdummung”.

Viel Kontrolle, wenig Vertrauen

Precht erklärte sich die Paranoia unter den heutigen Eltern folgendermaßen: “Je mehr Möglichkeiten der Kontrolle es gibt, desto geringer ist das Vertrauen.” In einer hochtechnisierten Gesellschaft lauern die Versuchungen da natürlich an jeder Ecke.

Vom Babyphon bis zum Handy für 6-jährige, im modernen Erziehungsalltag wimmelt es nur so vor elterlichen Überwachungsmaßnahmen. Häufig werden dabei Ängste hoch gekitzelt, von denen die Eltern zuvor noch gar nichts wussten. Ein Einspieler zeigte dagegen auf romantisch verklärte Weise, dass früher in dieser Hinsicht alles besser war. Ob die Kinder im Auto angeschnallt waren oder unbeaufsichtigt spielten, interessierte die Eltern damals schlichtweg nicht.

In die vermeintlich unbekümmerte Welt der 50er-Jahre will Precht aber trotzdem nicht zurück. Schließlich war Kindererziehung damals noch reine Frauensache. Auch von einer modernen Form der Feminisierung von Erziehung hält er nichts und kritisiert, dass unter den Angestellten in Schulen und Kitas ein beträchtlicher Männermangel herrscht.

Männermangel in der Erziehung und den Familien

Die ehemalige Geburtenhelferin Dr. Christina Sattler bemerkte dazu: “Viele Jungs haben keine männlichen Vorbilder mehr, weil es auch zu Hause oft keine Männer mehr gibt.” Im schlimmsten Fall führt das zu einer Benachteiligung der Jungen.

Ob allerdings die von Precht vorgeschlagenen “Balgplätze”, auf denen sich der männliche Nachwuchs körperlich austoben kann, die Lösung des Problems sind, bleibt fraglich. Comedian und Vater Oliver Pocher, der sich in der Gesprächsrunde die meiste Zeit ungewohnt seriös gab, zweifelte jedenfalls an einem Ort, “wo sich Kinder gegenseitig eine in die Fresse hauen können”.

Doch auch in den eigenen vier Wänden lauern die Gefahren für den Nachwuchs. Gemeinsam mit Autor Dr. Michael Winterhoff (“Lasst Kinder wieder Kinder sein”) inspizierte der Moderator ein Modell-Kinderzimmer mit modernen Gebrauchsgegenständen. Dabei wurde schnell klar, dass eine gewisse Kontrolle durch Eltern natürlich unerlässlich ist.

Gerade die neuen technischen Entwicklungen bringen viele Probleme mit sich. Einerseits erwarten Schulen mittlerweile, dass Kinder mit dem Internet umgehen können, gleichzeitig sind viele Eltern selbst damit überfordert. Winterhoff empfahl Handys erst ab 13 Jahren und forderte: “Der Fernseher gehört für mich nicht ins Kinderzimmer, weil er isoliert.”

Stattdessen sollten die Kinder etwas gemeinsam mit ihren Eltern unternehmen. Auf Plasbergs Frage, ob denn das gute alte Brettspiel “Mensch ärgere dich nicht” eine Alternative wäre, witzelte der Autor: ”Gerade dieses Spiel fördert die Frustrationstoleranz.”

Krake Hippihop und die Pharmaindustrie

In einem waren sich die meisten Gesprächsteilnehmer einig: Jedes Kind ist anders und benötigt deshalb auch eine individuelle Art der Erziehung. Dabei sollten es sich die Eltern aber nicht zu einfach machen. Ein Kinderbuch demonstrierte etwa wie die Überforderung der Eltern von der Pharmaindustrie missbraucht wird.

Die Geschichte der Krake Hippihopp richtet sich an Kinder mit ADHS und macht ihnen mit niedlichen Zeichnungen den Umgang mit dem ausgesprochen gefährlichen Betäubungsmittel Ritalin schmackhaft. Herausgeber des Buches ist der Pharmakonzern Novartis, der das Medikament auch selbst vertreibt. Winterhoffs Kommentar dazu sprach vielen aus der Seele: “Ich bin absolut schockiert. Das es so etwas überhaupt gibt, ist ein Skandal.”

Wenn man neben solchen Warnhinweisen etwas aus der Sendung lernen konnte, dann, dass eine gewisse Hilflosigkeit zur Kindererziehung dazugehört. In diesem Sinne war Christina Sattlers Ratschlag an die jungen Eltern ein treffendes Fazit: “Seid endlich mal etwas gelassener!”