Ausstellung

Bach-Schätze in der Villa Grisebach

| Lesedauer: 6 Minuten
Volker Tarnow

Foto: Archiv der Sing-Akademie zu Berlin

In der Villa Grisebach wird derzeit ein Teil des Erbes von Carl Friedrich Zelter gezeigt. Der Zeitgenosse Goethes sammelte alles, was ihm unter die Finger kam. Darunter befinden sich auch gerettete Autographen aus dem Bach-Archiv der Berliner Sing-Akademie.

Zwar ist Goethes Duzfreund Carl Friedrich Zelter (1758 – 1832) auch durch sein jahrzehntelanges Wirken für die Sing-Akademie zu Berlin noch einigen ein Begriff, doch in erster Linie gilt er als Rädelsführer der musikalischen Reaktion im frühen 19. Jahrhundert. Zelter verstand weder Mozart noch Beethoven noch Weber, die acht Faust-Szenen des jungen Berlioz, immerhin Vorstudien der bedeutendsten Oper des französischen Repertoires, kamen ihm vor wie „Husten, Schnauben, Krächzen und Ausspeien“. Damit lag er voll auf olympischer Linie: auch Goethe wollte von den größten deutschen Dichtern seiner Zeit – Hölderlin, Kleist, Büchner – nichts wissen. Der Geheime Rat aus Weimar und der Akademische Musikdirektor aus Berlin – zwei Brüder im Geiste, die unter ihren Künstlerkollegen viel Unheil anrichteten.

So weit, so schlimm. Doch gibt eine kleine Ausstellung in der Villa Grisebach derzeit Gelegenheit, die Rolle Zelters in der Kulturgeschichte noch einmal zu überdenken. Gezeigt werden "Bach-Schätze der Sing-Akademie zu Berlin", allesamt Bestandteile jenes vor zehn Jahren aus Kiew zurückgekehrten Archivs, das knapp zehntausend Werke von tausend Komponisten umfasst, insgesamt 264.000 Seiten Autographe, Abschriften und seltene Notendrucke. Ohne Zelters konservative Gesinnung und ohne seine Sammelwut würde es diesen Schatz überhaupt nicht geben.

Zelter war ein Sammler

Zelter sammelte alles, was ihm unter die Finger kam, auch Stücke von Komponisten, die er nicht mochte und die er niemals aufzuführen gedachte. Erstaunlich vor allem die große Zahl der vom ‚Singemeister' aufgehäuften Orchesterwerke. Den Schwerpunkt des Archivs bilden freilich die so genannten Bachiana, also Musikwerke von drei Generationen Bach. Die Ausstellung in der Fasanenstraße zeigt davon einige restaurierte Exemplare. Sie zeigt aber auch den Weg der Restauration, von den säurehaltigen Pappkartons Modell ‚Kiew' über die ersten Maßnahmen der Notfallbergung bis zur Entwicklung wissenschaftlich neuer Standardverfahren. Finanziert wurde das Projekt vom KUR-Programm, das im Auftrag der Kulturstiftung des Bundes und der Länder fünf Jahre lang die Konservierung und Restaurierung mobilen Kulturguts betrieb. Friederike Zobel betreute dieses Projekt und konzipierte jetzt auch die Ausstellung bei Grisebach. „Es war uns ein Anliegen“, sagt sie, „diese immens wichtige Arbeit einmal der Öffentlichkeit zu präsentieren.“

Die Besonderheit dieser Konservierung besteht auch in ihrem praktischen Wert. „Es ging vor allem um den Erhalt dieser Werke“, berichtet Frau Zobel. „Wir wollten sie jedoch nicht einfach ästhetisch aufbereiten fürs Museum, sondern der Forschung und den Musikern zugänglich machen.“ So wurden aus Heiligtümern, die teils aus Respekt, teils aus Vorsicht niemand zu berühren wagte, Artefakte einer lebendigen Musikkultur. Tatsächlich sind inzwischen einige dieser Bachiana von der Sing-Akademie aufgeführt worden. Die mit der Rückkehr des Archivs verbundenen übersteigerten Erwartungen konnten sie allerdings nicht erfüllen, Carl Philipp Emanuel Bachs Passionen sind alles andere als Geniestreiche. Zelter vergötterte zwar den zweitältesten Bachsohn, fand dessen geistliche Schöpfungen aber fade – ein Urteil, das sich zu bestätigen scheint. Freilich ermöglicht erst die Pflege und Aufführung der Bachiana solche Urteile. Die notwendige Konservierung einer derart umfangreichen Materialsammlung lässt sich nämlich nicht mit dem Sprüchlein negieren, Tradition sei die Bewahrung des Feuers und nicht die Anbetung der Asche. Viele der unbekannten Archiv-Werke sind zweifellos Massenware, Asche, von der Zeit verweht – und verraten gerade deswegen mehr über diese Epoche zwischen Barock und Klassik als die singulären Meisterwerke. Ein Volk, das seine geistige Substanz nicht auch in der ganzen historischen Breite zu pflegen bereit ist, hört auf, eine Kulturnation zu sein. Darüber gibt es in Deutschland auch keinen Dissenz. Die Frage ist nur: wer pflegt, wer bezahlt, wer engagiert sich für unsere Tradition? Womit wir wieder bei Herrn Zelter wären.

Prägte die Sing-Akademie

Carl Friedrich Zelter, von seiner Ausbildung her Maurer und Baumeister (woran heute nur noch das Nicolaihaus in der Brüderstr. 13 erinnert), leitete über Jahrzehnte die Sing-Akademie, eines der ersten rein-bürgerlichen und überkonfessionellen Kulturinstitute in Deutschland. Er war die treibende Kraft hinter der staatlichen Musikausbildung in Preußen, sorgte für die Gründung eines Instituts für Kirchenmusik und für den Bau des Sing-Akademie-Gebäudes am Festungsgraben. In diesem Gebäude erklangen ab 1829 erstmals wieder Johann Sebastian Bachs seit Jahrzehnten vergessene Matthäus-Passion, Johannes-Passion und H-moll-Messe. Obwohl auf mitunter schon skurrile Art obrigkeitshörig, wurde Zelter zu einer zentralen Gestalt in der Reformzeit Steins und Hardenbergs. Das Aufblühen des Berliner Musiklebens nach 1800 ist im Wesentlichen ihm zu verdanken, denn Zelter bemühte sich auf vielen Feldern um eine Hebung des Niveaus. Zur Erbauung sollte die Kunst dienen, eine Vokabel, die ihre Herkunft aus der Baukunst kaum verleugnet. Erbauung aber hieß nicht nur Vergnügen, sondern zunächst Bildung, Ausbildung einer Persönlichkeit, die ihre Interessen in den Dienst des Allgemeinen stellt.

Staatsbürgerliches, gesellschaftspolitisches Engagement nennt denn auch prompt Bernd Schultz, Geschäftsführer der Grisebach-Villa, als sein Motiv, die Bach-Schätze in der Fasanenstraße zu zeigen. „Was Zelter geschaffen hat, war mustergültig nicht nur für seine Zeit. Deswegen haben wir auch das im Schott-Verlag erschienen Buch über den ‚Singemeister' finanziert, wie wir überhaupt gerne zahlreiche kulturelle Aktivitäten in der Stadt unterstützen.“ Von der Ausstellung erhofft er sich eine Art Initialzündung. Tatsächlich hat Berlin einen gewaltigen Nachholbedarf, was die Erforschung, Pflege und Präsentation seiner Musikgeschichte betrifft. So hütet die Akademie der Künste die Nachlässe großer Berliner Komponisten wie Max Butting oder Heinz Tiessen, aber die hütet sie so gut, dass diese Zwei außerhalb der Archive kaum noch bekannt sind.

Zelters Erbe ist wichtig und zukunftsweisend, weit über seine Sing-Akademie hinaus. Dass dieses Erbe mehr mit Konservieren als mit Revolutionieren zu tun hat, ist eine Selbstverständlichkeit. Beethoven und Berlioz hatten auch ohne Zelter Erfolg. Die Familie Bach hingegen verdankt ihm unendlich viel.