Landkarten

Onkel Dagoberts Geldspeicher steht in der Altstadt

Der "Atlas der fiktiven Orte" zeigt die Straßen von Entenhausen, die Bevölkerungsstruktur im Paradies und die Topografie von Lummerland.

Foto: Hendel

Früher halfen beim Navigieren die Sterne. Wer ins Unbekannte aufbrach, schaute nach oben. Das GPS-Zeitalter hat die Blickrichtung verschoben. An die Stelle der großen Himmelskarte ist ein kleines Display getreten, das man ganz für sich alleine hat. Und Fixpunkt ist auch nicht mehr der Polarstern, sondern das kleine pulsierende Pünktchen des eigenen Standorts – was allem Eigentlichen, den Bergen und Straßenschluchten, Meeren und Abflüssen, zwar egal sein kann, aber kaum folgenlos bleibt für die menschliche Weltsicht.

Wer von oben nach unten auf nichts weiter als Strukturen guckt, ist entweder Feldherr oder sehr weit weg, was dem lebenslang in New York beheimateten Schriftsteller Colson Whitehead in einem über Manhattan kreisenden Flugzeug einmal den Gedanken eingab, eigentlich sei er überhaupt nie dort unten gewesen. So gesehen, unterscheidet sich der Stadtplan New Yorks von der Karte Entenhausens nicht.

Was also wäre dem Zeitalter von Google Maps angemessener, als dem Atlas der Mythologie, der ja die ganze Welt auf seinen Schultern trägt, auch noch die Gipfel der geografischen Fantasie aufzubürden – die Steilküste von Atlantis etwa oder Tolkiens Weiße Berge auf der Halbinsel Belfalas im Reiche Gondor?

Und eben das haben der Soziologe Werner Nell und der Illustrator Steffen Hendel getan – in einem richtigen Lexikonverlag übrigens, der sonst Universalatlanten oder Länderlexika verlegt. Nells und Hendels „Atlas der fiktiven Orte“ reicht von Karl Mays Zukunftsreich „Ardistan“ über das „Nimmerland“ des Peter Pan bis zu Thomas Manns „Zauberberg“ und macht zwischen dem Erhabenem, dem „Olymp“ etwa, „Walhall“ oder dem „Paradies“, und den Tiefebenen der Volkskultur, der Narren-Metropole „Schilda“ oder dem „Springfield“ der gelbgesichtigen Simpsons, vor lauter Unvoreingenommenheit erst gar keinen Unterschied. Samuel Colerdiges lyrisches „Xanadu“ also findet sich hier genauso wie Bertolt Brechts dramatisches „Mahagonny“ oder die märchenhafte Smaragdstadt des Zauberers von Oz.

Die Illustrationen sind großflächig geraten

Wobei das Logische gleich augenfällig wird: Auf knappem Raum entstehen keine Welten. Die gut 30 Zeilen von Colerdiges Gedicht „Kubla Khan“ zum Beispiel reichen einfach nicht aus, um ein fiktives Xanadu auszubuchstabieren; das Gedicht beschwört statt eines Orts einen Vorstellungsraum: das Irgendwo eines romantischen China mit riesigem Palast, Park und einem teils unterirdischen Fluss namens Aleph.

Steffen Hendels Illustration kommt entsprechend großflächig daher: traumverloren statt detailliert. Hartgesottene Wissensgesellschafter, die es gewohnt sind, vom großen Ganzen bis ins winzigste Detail zu zoomen, heißt das, werden von Lyrik, Drama und Märchen kartografisch zuverlässig enttäuscht. Nie wäre ihnen Bertholt Brechts „Mahagonny“ ein eigenes Wiki wert.

Die fiktive Landkarte ist, die Hochstapelei vermeintlicher Weltreisender beiseite, ein Kind der Philosophie. Thomas Morus’ ringförmige Insel „Utopia“ von 1516 oder die „Sonnenstadt“ des italienischen Mönchs Tommaso Tommaso Campanella (1602) sind Stadtplan gewordene Sozialutopien – und das gilt letztlich auch noch für die Inseln Lilliput und Blefuscu, die Jonathan Swifts Lemuel Gulliver im 18. Jahrhundert bereist – sie sind nicht Fantastik, sondern politische Satire, auf den Kopf gestellte oder rücklings auf den Hosenboden gefallene Utopie.

Erst die Abenteuerliteratur, Robert Louis Stevensons „Schatzinsel“ zum Beispiel, befreit den fiktiven Ort vom allzu offensichtlichen religiösen oder philosophischen Ballast: Der Fernrohrberg, der Besanmasthügel und die vorgelagerte Skelettinsel, die Nell und Hendel in ihrer Darstellung der „Schatzinsel“ verzeichnen, offenbaren nichts als das schiere Abenteuer in Sturmwind und Todesgefahr. Nicht der Stadtplan Utopias, sondern die Schatzkarte des Jim Hawkins ist die Mutter aller fantastischen Landkarten, die heute das Vorsatzblatt so ziemlich jeden Fantasy-Schmökers schmücken.

Mittelerde überfrachtet jeden Atlas

Das große Problem des „Atlas der fiktiven Orte“ ist: In dem Maße, wie Xanadu & Co. seine Möglichkeiten unterfordern, wird er von den komplexen Fantastereien der epischen Fantasy überfordert. Gerade Tolkiens „Mittelerde“ ist für ein Übersichtswerk einfach zu groß; was Nell über das Auenland der Hobbits oder das Land Gondor am Rande des Bösenreichs Mordors mitzuteilen hat, kann mit dem Tolkien-Wiki „Ardapedia“ so wenig mithalten wie Hendels Karte von Donald Ducks Entenhausen mit der, die der Kartograf Jürgen Wollina in dreizehn Jahren Arbeit erstellt hat.

Die großen Fantasie-Universen, ließe sich schließen, verweigern in ihrem Absolutheitsanspruch eben alle Reduktion – statt sich in eine Enzyklopädie wie diese zu fügen, wollen sie selber Enzyklopädie sein: Es gibt kein Jenseits von Mittelerde und kein Außerhalb Entenhausens. Weshalb die fiktiven Universen der Gegenwart auch keinen Atlas, sondern ein solipsistisches Handy-Display brauchen. Und jede Wette, dass Google Middle-Earth noch kommt.

Werner Nell und Steffen Hendel: Atlas der fiktiven Orte. (Meyers Lexikonverlag, Mannheim. 160 Seiten, 29,95 Euro. ISBN 978-341108387 9)