Kunst-Porno "Hotel Desire"

Sexualität war unsere unbedingte Aufgabe

Mit seinen erotischen Szenen sorgt der Film "Hotel Desire" für Aufsehen. Doch auch mit der innovativen Crowdfunding-Finanzierung. Regisseur Sergej Moya berichtet.

Foto: Fiessbach Film / Fiessbach Film/teamWorx

Wir haben von Anfang an ausgeschlossen, mit "Hotel Desire" den konventionellen Finanzierungsweg zu gehen, da uns klar war, dass wir keine Redaktion oder Filmförderung dazu bewegen könnten, ein Projekt wie "Hotel Desire" so zu realisieren, wie wir es uns vorgestellt hatten. Ein mit Kitsch und Clichés spielendes, modernes, vor allem erotisches Märchen von 40 Minuten Länge.

Daher entschieden wir uns für „Crowdfunding“: Ein alternativer und in Deutschland bisher noch nicht etablierter Weg der Finanzierung vor allem über das Internet. Das Prinzip ist schnell erklärt: Viele „kleine Fische“ verbinden sich zu einem großen Schwarm und ermöglichen durch überschaubare Geldbeträge die Realisierung eines Projektes.

Man kann nicht von „Spenden“ im karitativen Sinne sprechen, sondern eher von Vertrauensvorschüssen. So erhalten beim Crowdfunding die Unterstützer Gegenwerte. In unserem Falle waren das Streaming-Gutscheine für den fertigen Film, von den Schauspielern handsignierte DVDs oder Drehbücher. Je höher die finanzielle Gabe, desto größer der zugesprochene Gegenwert, bis hin zu einer prozentualen Gewinnbeteiligung.

Auf den ersten Blick ist Crowdfunding ein durchaus sinnvoller Weg, um – vorbei an den immer gleichen geldverwaltenden Eminenzen – seine Inhalte unabhängig umsetzen zu können. Und natürlich ist es spannend, das Publikum in den Entstehungsprozess einzubeziehen.

Crowdfunding ist gelebte Basisdemokratie. Man stellt sich hin, trägt sein Anliegen vor, und die Masse des Internets bestimmt: Daumen hoch oder Daumen runter. Und genau hier liegt der Haken. Crowdfunding, zu Deutsch Schwarmfinanzierung, setzt voraus, dass es einem gelingt, einen Schwarm um sich zu bilden. Was sich nicht leicht darstellt.

Das Netz ist kein Kulturkaufhaus

Das Internet ist weniger ein Kulturkaufhaus, in dem der interessierte Nutzer Pfeife rauchend nach spannenden Inhalten sucht, sondern vielmehr ein Las Vegas, in dem die Devise gilt: Je lauter und bunter die Fassade glitzert, desto mehr Menschen strömen zusammen. So haben wir, um einen Schwarm um uns zu scharen, viel Lärm gemacht und reichlich mit verbalem Konfetti um uns geschmissen. Ein dreiundzwanzigjähriger Regisseur (ich), der von sich behauptet, einen „porNEOgraphischen“ Film drehen zu wollen, der „es sich zur unbedingten Aufgabe macht, Sexualität als Ausdruck menschlicher Lebensfreude zu ikonisieren“.

Natürlich hätte ich lieber nicht so daherschwadroniert, nur säße ich dann wahrscheinlich noch in der verregneten Fußgängerzone des Internets, mit ein paar Groschen im Hut.

Schaffst du es, diese Aufmerksamkeit zu generieren, dann wirst du auch mit derselben Aufmerksamkeit beurteilt. Und man wird dir zu Recht all die Versprechen, die du gemacht hast, vorhalten. Unser Glück war es, dass sich die Presse interessiert zeigte an dem Thema des Crowdfunding, zumal in Verbindung mit einem „Kunstporno“ mit wunderbaren Schauspielern.

Ich wage zu bezweifeln, dass sich ohne mediale Aufmerksamkeit 500.000 Nutzer auf unserer Seite getummelt hätten. Wobei ja Aufmerksamkeit nicht Zuspruch heißt! Ein hinreißender Kommentar: „Wenn man diesen Menschen Geld gibt, ist es so, als würde man Joseph Ackermann Geld geben, damit er sich noch ein Ölbild in sein Büro hängen kann!“

Ich kann leider nicht behaupten, dass mein Portemonnaie und das von Herrn Ackermann etwas gemeinsam haben. Zur Herstellung unseres vierzigminütigen Films benötigten wir 170.000 Euro. Ein knappes Budget, wenn man bedenkt, dass ein „Tatort“ von neunzig Minuten inzwischen 1,2 Millionen Euro kostet.

Man muss die Pointe vor dem Witz erzählen

Hier stellt sich mir die Frage, warum jemand wie Til Schweiger sich die Mühe machen sollte, seinen Film via Crowdfunding finanzieren zu lassen. Nein, ich denke, Crowdfunding ist ein Werkzeug für den jungen und vielleicht auch unangepassteren Film, für aneckende Themen. Schwer vorzustellen, dass das ZDF in Seniorenheimen mit der Klapperdose seine idyllischen Romanzen finanzieren wird.

Crowdfunding spricht die Sprache unserer Zeit: eine kulturelle Antwort des Internets auf die Sehnsucht der Menschen nach mehr Mitspracherecht und Eigeninitiative. Allerdings: Eine zu früh erzählte Pointe ruiniert jeden Witz. So etwa fühlt sich meine Crowdfunding-Erfahrung an. Denn man muss die Pointe vor dem Witz erzählen, um den Witz finanziert zu kriegen.