Geschlechterstreit

Österreichs Nationalhymne wird politisch korrekt

Laut Nationalhymne ist Österreich bislang nur die "Heimat großer Söhne". Ab 2012 bringt es auch "große Töchter" hervor und verabschiedet sich von "Bruderchören".

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Die emanzipatorische Gerechtigkeit kommt spät, aber immerhin: Sie kommt. In einer seiner letzten Amtshandlungen des Jahres hat der österreichische Präsident das "Bundesgesetz über die gendergerechte Textierung der österreichischen Bundeshymne" unterschrieben. Das Land ist ab dem 1. Januar 2012 offiziell nicht nur "Heimat großer Söhne", sondern "Heimat großer Söhne und Töchter". Wie zur Feier dieses Kraftakts werden außerdem in der neuen Hymne aus "Bruderchören" geschlechtsneutral tremolierende "Jubelchöre".

Mehrere Jahre hat es gebraucht, bis sich Österreich auf die kosmetischen Eingriffe ins nationale Liedgut einigen konnte. Zuletzt sind die rechten Parteien mit einer Niederlage und deutlichen Blessuren aus den Parlamentsdebatten hervorgegangen. Von "Gender-Klamauk" war in ihren Beiträgen die Rede und von der Gefahr, dass demnächst noch "dem Bundesadler statt der Sichel ein Schminktäschchen verpasst" werden könnte. Männerwitze! Die IG Autoren und Autorinnen hat (als offizielle Schriftstellervertretung) dagegen protestiert, in die sprachliche Ausformung der neuen Gendergerechtigkeit nicht eingebunden gewesen zu sein.

Die einzige Hymne mit absteigender Tonfolge

Berühmte Opernsängerinnen haben auf YouTube schon einmal Kostproben neuer Varianten dargeboten. Kurz ist in den Diskussionen auch der Name der Dichterin Friederike Mayröcker aufgetaucht, die geradezu berufen wäre, aus der ohnehin tragikomischen Hymne etwas zeitgemäß Poetisches zu machen. Ein Gassenhauer war Österreichs angeblich nach einer Melodie Mozarts komponierte offizielle Kennmelodie ohnehin nicht. Als einzige Nationalhymne der Welt beginnt sie mit einer absteigenden statt mit einer aufsteigenden Tonfolge. Unbeholfen schwankt das Musikstück zwischen Nation und Resignation.

Der 1947 entstandene Text des literarischen One-Hit-Wonders Paula von Preradovic klingt nach kleinmütigem Größenwahn: "Heiß umfehdet, wild umstritten, liegst dem Erdteil du inmitten". Es werde in Österreich "hoher Sendung Last getragen". Dabei kann es sich nur um einen ähnlichen Zustellungsfehler handeln wie im Falle von Joseph Haydns berühmter Kaiserhymne .

Die haben nämlich die Deutschen den Österreichern geklaut, was 1947 in den Protokollen des österreichischen Ministerrats immerhin ein Thema war. "Wir werden also warten, dass in London den Piefkes die Haydn-Hymne als ein altes österreichisches Kulturgut untersagt werden möge, um dadurch vor aller Welt den österreichischen Anspruch auf diese Melodie zu dokumentieren", sagte Bundeskanzler Leopold Figl.

Die Londoner Außenministerkonferenz der Alliierten hat in diesem heiklen Punkt leider keine historische Gerechtigkeit walten lassen. Wenn man die jetzige Hymne aber schon hat und auf den Fußballfeldern also weder Haydn noch der Donauwalzer erklingt, dann doch wenigstens mit Wiedergutmachung an den höheren Landestöchtern. Bei österreichischen Umfragen, die zum neuen Text gemacht wurden, bleiben jedoch zumindest genderarithmetrisch doch ein paar Fragen offen. Immerhin siebzig Prozent der Bevölkerung lehnen die neue Version nämlich ab.