Neu auf CD

Gotye – ein nackter Mann wird zum Youtube-Star

Im Internet ist Gotye mit einem Video bekannt geworden, jetzt bringt er sein drittes Album auf den Markt. Außerdem: Neues von Woven Hand und VCMG.

Foto: dpa / dpa/DPA

Der Youtube-Klick, die gültige Leitwährung im Pop, hat ihn zum virtuellen Multimillionär gemacht: Wally De Backer aus Australien, 31 Jahre alt und unterwegs unter dem Künstlernamen Gotye. Als der Tag anbricht, an dem sein drittes Album ausgeliefert wird, um null Uhr Ortszeit, haben bereits 22.329.792 Menschen weltweit seinen neuen Videoclip betrachtet.

In „Somebody That I Used To Know“ sieht man den Künstler nackt. Ein dünner Mann mit riesigem Mund und haarigen Beinen singt sein Lied. Dabei wird er vom Kopf bis zu den Füßen expressiv bemalt und steht am Ende wie ein Ureinwohner da, der Kunstgeschichte in Paris studiert hat. Ebenfalls verziert wird die Neuseeländerin Kimbra, seine Partnerin bei Youtube und im Lied.

Er kann alle Instrumente spielen

Wally De Backer ist einer der kultivierten Nerds von heute. Er kennt jede Form der Popmusik, kann alle Instrumente spielen und weiß, was alles hineingehört in so ein Album: Folk und Reggae, House und Soul, Beziehungsbotschaften und politische Glaubensbekenntnisse.

Zweieinhalb Jahre hat er in der Scheune der Familie daran gewerkelt. „Die Instrumente habe ich Note für Note gesampelt und damit in virtuelle Instrumente umgewandelt“, erklärt Gotye stolz. „Im Internet kann man ja heutzutage alle fertigen Klängen kaufen. Aber die klingen nicht annähernd so persönlich wie die selbst entwickelten.“ Und der Computer wird nicht arbeitslos.

3 Punkte.

VCMG: Spock

Dass Ehepaare ihre Scheidung feiern und danach die runden Jahrestage, ist nicht ungewöhnlich. 1981 trennte sich Vince Clarke von Martin Gore und Depeche Mode . Nach 30 Jahren finden Clarke und Gore wieder zusammen. Clarke erklärt: „Ich habe zuletzt wahnsinnig viel Minimal gehört. Solche Musik wollte ich selber machen, aber nicht allein. Also habe ich Martin angemailt und ihn gefragt, ob er mitmachen wolle.“

Gore erklärt: „Plötzlich bekam ich diese Mail von Vince. Ob ich an Aufnahmen zu einem Technoalbum interessiert sei, nur wir beide. Ich mailte ‚OK’. Wir haben dann sechs Monate daran gearbeitet.“ Begegnet sind sie sich seither leibhaftig nur einmal, im Mai 2011, zur Nachfeier des 30. Geburtstag ihrer alten Plattenfirma.

An den Stücken saß jeder daheim bei sich, die Sounddateien wurden hin und her geschickt, und notfalls wurde auch mobil telefoniert. Im Frühjahr soll dann die LP vollendet sein. Bis dahin feiern sie mit „Spock“ Versöhnung, der EP mit einem Stück im Original und in vier Remixes.

Es handelt sich tatsächlich um eine minimalistische, dafür aber fast sechs Minuten lange Technonummer. So durchdacht, zurückhaltend und kühl wie Mr. Spock, der namensgebende Vulkanier. „Spock“ verweist weder auf den Elektroblues von Depeche Mode noch auf die Divenhymnen von Vince Clarkes Erasure . Sondern nur noch auf 2011.

4 Punkte.

Woven Hand: The Black Of The Ink

Es war immer ein Luxus, aus der Welt und aus der Zeit zu fallen. David Eugene Edwards tauchte in den Neunzigern mit einer Landband auf, die 16 Horsepower hieß und auch so klang: Ihr erstes Album trug den Titel „Slackcloth’n’Ashes“, und dieses in Sack-und-Asche-Gehen passte zu den Büßersongs, die Edwards schrieb und sang.

Geboren 1968 in Englewood, Colorado, wurde er von seinem Großvater erzogen, einem Wanderprediger der methodistischen Gemeinde, die der Freikirche des Nazareners anhing. Edwards blieb dabei und wurde fahrender Musikant im Auftrag seines Herrn. 2001 gründete er die Zweitband Woven Hand.

Als hätte er etwas geahnt: das Strafgericht des 11. September, die Vorboten der Apokalypse oder auch nur die bald einsetzende Renaissance des Folk. Mit Woven Hand nahm er sechs Alben mit alttestamentarischen Erbauungsliedern auf. Man sprach von Gothic Americana, und man sagte Edwards nach, darin die großen Krisen prophezeit zu haben.

Zum Beweis hat er die Texte noch einmal mit schwarzer Tinte abgeschrieben und zu einem Buch gebunden. Die sechs schönsten Songs hat er neu eingespielt, von jedem Album eines, und dazu gelegt. Im Vorwort steht, die Mythen seines Landes seien in den Liedern konserviert: „Amerika ist groß. Amerika ist immer der Anfang der Ideen.“ Man weiß nicht, von welcher Zeit und welcher Welt die Rede ist. Aber es hört sich schön an.

4 Punkte.