Interview

Warum Jakob Hein Vegetarier wurde

Buchautor und Mediziner Jakob Hein bezeichnet sich selbst als Modevegetarier. Denn erst seit zwei Jahren verzichtet er auf Fleisch. Im Gespräch mit Morgenpost Online spricht Hein darüber, wie er mit dieser Entscheidung lebt.

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Eine Trattoria in Berlin-Mitte zur Mittagszeit. Vor der Tür lärmt der Verkehr, vor der Feinkostauslage voller Käse, Gemüse, Schinken und Wurst drängeln sich Menschen um die 30. Der Dresscode: etwas schlunziger, als es das Budget erlauben würde. Jakob Hein kommt etwas zu spät – vielleicht ein Termin in seiner psychiatrischen Praxis gegenüber? – bestellt Gnocchi mit rotem Mascarponepesto und zapft sich eine Coca Cola. Macht zusammen sechs Euro, ist also mehr als fair und damit ein guter Auftakt fürs Gespräch mit dem Mann, der jüngst ein Buch über „Wurst und Wahn“ veröffentlichte.

Morgenpost Online: Wie geht es Ihnen, wenn Sie all diese Würste und Schinken in der Auslage sehen?

Jakob Hein: Ich bin froh, dass ich das alles nicht mehr essen muss. Das war vor zwei Jahren noch ganz anders. Da hab ich ganz unwillkürlich beim Essen vom Fleisch aus gedacht. So, was koche ich denn am Wochenende für meine Frau und die zwei Kinder? Na, wie wär’s mit Schnitzel?

Morgenpost Online: Sie bezeichnen sich als Modevegetarier. Erklären Sie das bitte.

Jakob Hein: Na ja, Vegetarier gelten ja oft als genuss- und lustfeindlich. Das bin ich keineswegs, ich esse weiter gern lang und viel und überhaupt opulent. Ich verzichte auf nichts. Und ich mag prinzipiell keine Ideologien.

Morgenpost Online: Warum verzichten Sie nun auf Fleisch?

Jakob Hein: Mich hat das Thema schon lange beschäftigt, dann habe ich auf einem Flug Safran Foers „Tiere Essen“ in die Finger bekommen. Was der über Massentierhaltung und Qualität von Fleisch zu sagen hatte, das fand ich cool argumentiert. Küken, die sofort nach der Geburt geschlachtet werden, Schweine, die nie die Sonne sehen. Da kann man doch nicht für sein.

Morgenpost Online: Ihr Held sitzt in „Wurst und Wahn“ bei der Weihnachtsfeier vor einer knusprigen Gänsekeule. Die Kollegen vermiesen ihm das Gericht mit dem Verweis auf die arme getötete Kreatur und mit Beginn des neuen Jahres hört er auf, Fleisch zu essen. Das ist doch gemein, Fleischessern ständig dieses schlechte Gewissen zu machen.

Jakob Hein: Zunächst einmal: Fleischesser haben kein Argument für ihren Konsum. Ist alles nicht so schlimm, sagen die.

Morgenpost Online: Moment, Moment, Köche wie der zugegeben ziemlich durchgeknallte New Yorker Anthony Bourdain weisen immer gern darauf hin, dass der Mensch, seit er aufrecht gehen kann, Tiere tötet, um sie dann in sich hineinzustopfen.

Jakob Hein: Ich liebe Bourdain. Ich gehe da mit. Wenn alle, die ein Steak essen wollen, sich klar machen würden, welch kostbares Gut Nahrung ist, wäre das etwas ganz anderes. In vielen Kulturen ist die Schlachtung eines Tiers außerdem mit einem rituellen Gebet verknüpft, aus Respekt, aus der Einsicht heraus, dass die Ressourcen sehr knapp sind. Aber das hat doch nichts mit Massentierhaltung zu tun.

Morgenpost Online: Köche wissen, dass ein Rind, das frei durch die Pampa trampelt, eher zähes Fleisch hervorbringt als ein armer Knastbruder, den man mit Kraftfutter mästet.

Jakob Hein: Ich will doch niemanden missionieren. Ich finde nur, dass es schade ist, wie sehr uns der Kontakt zu den Ursprüngen des Essens verloren gegangen ist. Ich fände es wichtig, dass Kinder wieder wissen, woher eine Möhre kommt, eine Kartoffel. Ein totaler Verzicht auf Fleisch kommt sowieso nicht in Betracht. Das ist ähnlich wie bei Alkoholikern. Wenn die heute zum Arzt gehen, dann rät der auch nicht sofort zu totaler Abstinenz. Das können sie gar nicht durchhalten. Ich möchte auch nicht vegan leben. Das ist mir einfach zu viel.

Morgenpost Online: Waren Sie schon einmal auf einem Schlachthof?

Jakob Hein: Ja, als 16-Jähriger, ein Ausflug mit der Schulklasse. Das war eklig. Da stand ein Typ, der war nur dafür da, Schweinen mit dem Messer die Augen auszustechen. Man sagte uns, er dürfe das nur eine Stunde lang täglich machen, weil er sonst abstumpfen würde. Wir haben uns angesehen und jeder hat wohl gedacht: Der ist schon länger als eine Stunde dabei. Die Würste und Buletten, die man uns hinterher anbot, die blieben stehen.

Morgenpost Online: Kann es nicht sein, dass sich viele Vegetarier an ihrer eigenen moralischen Überlegenheit weiden?

Jakob Hein: Vielleicht hat das noch einen viel größeren Hintergrund: Es gibt keine Religion, keine Partei mehr mit einem verbindlichen Wertekanon. Aber Menschen haben nun einmal gern ein gutes Gewissen. Es gibt da eine faszinierende Untersuchung: Man hat das Verhalten von Leuten, die aus einem Bio-Supermarkt kamen, mit dem von Leuten verglichen, die einen Discounter verließen. Das Discounter-Publikum war wesentlich hilfsbereiter, weil sich die Menschen aus dem Bio-Supermarkt salopp formuliert mit dem Kauf von Bioquark und Biofleisch ihr gutes Gewissen schon abgeholt hatten.

Morgenpost Online: In Sachen moralische Überlegenheit: Geht es zwischen Vegetariern und Karnivoren nicht ähnlich zu wie unter Nichtrauchern und Rauchern?

Jakob Hein: Nein, das hat nichts miteinander zu tun. Raucher schädigen ihre Umwelt direkt. Wobei ich zugeben muss: Wenn das Rauchen gesundheitsneutral wäre, dann wäre ich bei zwei bis drei Packungen täglich.

Morgenpost Online: In Ihrem Buch gehen Sie mit beiden Parteien rigoros um. Die Vegetarier sind grausige Gutmenschen, denen die Zähne ausfallen und die impotent werden, die Fleischesser sind eine brutale Guerilla, die mit allen Mittel dagegen kämpft, dass Fleisch ganz aus dem öffentlichen Leben verbannt wird.

Jakob Hein: Ich kenne die Argumente beider Seiten eben sehr genau und habe mir erlaubt, sie ins Groteske zu wenden. So werden sie besonders klar. Und Spaß macht es auch.

Morgenpost Online: Mit Verlaub, wenn man liest, wie Ihr Held nach einem Stück Fleisch lechzt, dann könnte man auch beim Autor ziemliche Entzugserscheinungen diagnostizieren. Er muss ja wissen, worüber er schreibt.

Jakob Hein: Nein, wirklich nicht (lacht). Ich hatte vielleicht ein oder zwei Mal den Gedanken an eine Bratwurst, hab das aber mit einem Käsebrot sehr schnell gelöst. Die Story basiert nur auf Hörensagen.

Morgenpost Online: Haben Sie eigentlich eine Erklärung dafür, dass in Berlin derzeit ein Edel-Steakhaus nach dem anderen aufmacht?

Jakob Hein: Bisher waren die Ketten eher ein Ort für mittlere Versicherungsangestellte. Nun verkauft man wohl einen Traum neu: Fleisch, das ist männlich, viril, potent. Und wenn man es sich leisten kann, dafür teuer zu bezahlen, dann unterscheidet man sich von anderen.