Florian Illies

"Mit Bildern zu arbeiten ist wie Detektivarbeit"

Er zählte zu den Top-Journalisten des Landes, dann wechselte Florian Illies die Seiten. Ein Gespräch mit dem Mitgesellschafter der Villa Grisebach.

Foto: © Marek Pozniak

Florian Illies, Autor des Bestsellers „Generation Golf“, Gründer von „Monopol“ , Magazin für zeitgenössische Kunst, und einstiger Feuilletonchef der Wochenzeitung „Zeit“, wechselte im Sommer die Seiten: vom Journalisten zum Kunsthändler in der Villa Grisebach . Ein Besuch in seinem lichten Bilder-Refugium in Berlin.

Morgenpost Online : Von der schreibenden Zunft zum Kunsthändler: Wie groß war der Praxisschock?

Florian Illies : Der war gering, ich kenne Villa Grisebach ja seit fast zwanzig Jahren, als ich als Journalist über die Auktionen berichtete. Und die Villa ist ja auch eine Art Kulturunternehmen, deswegen war der Übergang vom Kulturjournalismus nicht so groß, wie man vermuten könnte. Der Kontakt mit dem Kunstwerk ist hier aber natürlich viel größer. Und es ist für mich besonders schön zu sehen, dass jeder, der hier arbeitet, die Kunst liebt – bis zur Buchhaltung und der Transportabteilung.

Morgenpost Online : Vermissen Sie etwas?

Illies : Seit ich fünfzehn Jahre alt bin, habe ich fast täglich geschrieben, in den letzten Jahren immer mehr über die Kunst des 19. Jahrhunderts. Ich habe mich als Journalist immer mit den Fragen beschäftigt, wie sich ein spezifisches Zeitgefühl und Zeitströmungen verdichten lassen. Nun habe ich die Seiten gewechselt und bin sehr froh darüber. Denn auch jetzt geht es darum, den Geist einer Zeit zu entschlüsseln – diesmal eben einer vergangenen, und man darf wie ein Detektiv versuchen, das herauszulesen und herauszuschauen, was die Künstler in ihre Bilder wie in eine Zeitkapsel hineingepackt haben.

Morgenpost Online : Wie kamen Sie ausgerechnet auf das 19. Jahrhundert?

Illies : Ich bin da nicht draufgekommen, sondern das war immer meine Welt. Seit zwanzig Jahren beschäftige ich mich als Kunsthistoriker, aber auch als Sammler im bescheidenen Rahmen mit Ölstudien und Zeichnungen aus dieser Zeit. Und daneben immer wieder auch in Kunstkritiken über Ausstellungen aus dem 19. Jahrhundert.

Morgenpost Online : Das 19. Jahrhundert gilt nicht gerade als Renner auf dem Markt.

Illies : Noch nicht. Dadurch ist es wirklich ein Feld, das es zu entdecken lohnt, weil es nie Spekulanten angezogen hat, sondern nur Menschen, die diese Kunst schätzen. Zugleich hat das 19. Jahrhundert natürlich lange Zeit das Problem gehabt, dass in den Dreißigerjahren Künstler wie Caspar David Friedrich und Spitzweg als Verkörperungen der deutschen Innerlichkeit galten – und sie somit lange kompromittierten. Aber inzwischen hat sich die Kunst auch in der allgemeinen Wahrnehmung von diesen falschen Freundschaften befreit. Zugleich gibt es natürlich auch eine Malerei des 19. Jahrhunderts, die sehr erzählerisch, sehr anekdotenhaft, kitschig ist. Aber das 19. Jahrhundert, dem wir uns bei Grisebach verschrieben haben, ist das der frühen Moderne: Also die Ölstudien, die Natureindrücke von größter Frische vermitteln, da kommt große Spontaneität mit technischer Meisterschaft zusammen. Da hat man auch das Gefühl, dass man die Luft spürt, die an jenem Nachmittag in Italien herrschte, als der Maler in Windeseile diese Skizze auf das Papier brachte. Diese Unmittelbarkeit des Natureindrucks behält ihre zeitlose Energie.

Morgenpost Online : Sie sammeln selbst. Kommen Sie da mit Ihrer eigenen Sammlerleidenschaft nicht mal in die Bredouille?

Illies : Nein, ich sammle im sehr bescheidenen Umfang – und dies hilft mir vielmehr, nicht nur die Preise sehr genau zu kennen, sondern vor allem die psychologischen und ästhetischen Fragen, die den Sammler für Kunst des 19. Jahrhunderts bewegen.

Morgenpost Online : Welche Strategie hilft Ihnen als Kunsthändler? Charme und Sachverstand?

Illies : In umgekehrter Reihenfolge. Um Werke zur Versteigerung anvertraut zu bekommen, muss man die Besitzer mit viel Feingefühl überzeugen. Es sagt ja ein altes Sprichwort, dass es eher die schwierigeren Lebensumstände sind, die Menschen dazu bringen, ihre Kunst zu veräußern. Aber zum Glück stimmt das sehr oft nicht. Ich glaube, man kann die Menschen am besten davon überzeugen, uns ihre Werke anzuvertrauen, wenn man ihnen glaubwürdig vermitteln kann, dass man mit sehr großer Leidenschaft für ihr Werk ans Werk geht. Die Besitzer wollen zu Recht wissen, ob ihr Werk in guten Händen ist.

Morgenpost Online : Nach dem deftigen Fälscherskandal kürzlich durchaus heikel.

Illies : Villa Grisebach ist bei diesen Fragen immer hellhörig gewesen. Bei heiklen Fällen werden die entscheidenden Experten zurate gezogen. Eine Besonderheit des 19. Jahrhunderts ist es, dass es viele unsignierte Arbeiten gibt, Ölstudien und auch Gemälde, wo es allein um die Qualität geht und nicht um den Künstlernamen dahinter. Nur bei wenigen Malern wie etwa Spitzweg gab es schon früh ein ausreichend ökonomisches Interesse, um überhaupt Fälschungen zu produzieren.

Morgenpost Online : Wie überzeugen Sie einen jungen Sammler fürs 19. Jahrhundert?

Illies : Am wichtigsten ist es, den Sammlern etwas von der eigenen Begeisterung für diese Zeit weiterzugeben. Ohne diese Neugier auf die Bilder hat keine andere Strategie Erfolg. Darüber hinaus kann man natürlich anfügen, dass die Kunst des 19. Jahrhunderts noch vergleichsweise günstig ist.

Morgenpost Online : Noch liegt der Markt im Dornröschenschlaf. Die Villa Grisebach lebt von den Auktionen. Wie groß sind tatsächlich die Chancen auf Gewinn?

Illies : Viele Bilder, die wir jetzt angeboten und verkauft haben, sind über lange Zeit kostenstabil geblieben, haben vor dreißig Jahren genau so viel gekostet wie heute. Dass der Markt geschlafen hat, macht es auch unternehmerisch interessant. Jetzt wächst eine neue Generation heran, die die Geschichte des schlechten, unberechtigten Image nicht mehr kennt. Da ist eine neue Unbefangenheit gegenüber diesen Werken. Aber meine Leidenschaft für diese Kunst ist kein händlerisches Kalkül.

Morgenpost Online : Spricht schon für Ihr Selbstbewusstsein, klüger zu sein als der Markt.

Illies : Ich sehe die außergewöhnliche Qualität der Kunst. Und die erste Auktion im November hat die These bestätigt, dass der Dornröschenschlaf vorbei ist und das Interesse für das deutsche 19.?Jahrhundert wieder erwacht. Die internationalen Sammler, vor allem auch die amerikanischen Museen haben das seit Jahren erkannt – und nun merken das auch die Deutschen selbst.

Morgenpost Online : Insgesamt ist es doch erstaunlich, dass es den Kunstmarkt trotz Krise nicht erwischt hat. Er hat sich abgekoppelt von der Realwirtschaft.

Illies : Nein, es gibt immer intensive Wechselbeziehungen, aber der Kunstmarkt ist natürlich auch eine Parallelwelt mit eigenen Gesetzen. Natürlich steigt die Bedeutung von Kunst in solch unsicheren Zeiten wie diesen, weil sie als relativ stabile Anlage angesehen wird. Kunst ist im Gegensatz zu Geld nicht beliebig vermehrbar.

Morgenpost Online : Berlin ist zu so einem zentralen Ort geworden, vor allem für zeitgenössische Kunst.

Illies : Berlin ist auf dem besten Wege, wieder zu der bedeutenden Kunsthandelsstadt zu werden, die sie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war. Nicht nur die Anzahl und Güte der Galerien wächst, sondern auch die Anzahl der Sammler in Berlin und Potsdam. Man glaubt nicht, wie viele schöne Bilder im Verborgenen in unserer Stadt hängen.

Morgenpost Online : Der Berlin-Hype scheint für Berliner zuweilen überschätzt.

Illies : Ja, aber das gehört natürlich auch dazu, dass man als Berliner die Aufregung um Berlin kleinredet. Für uns als Villa Grisebach, die 1986 gegründet wurde, als niemand an Berlin glaubte, war der Genius loci immer entscheidend. Und das gilt auch für unsere Kunden, die es besonders schätzen, dass sie für die Vorbesichtigungen und die Auktion aus aller Herren Länder nach Berlin kommen dürfen, um die Kunst hier zu sehen. Ich glaube, wir als Berliner können gar nicht mehr richtig ermessen, welche besondere Aura Berlin gerade in Bezug auf Kunst weltweit besitzt.