Folgen der Revolution

"Die Regierenden wollen die Russen dumm halten"

Der russische Schriftsteller Viktor Jerofejew kritisiert die Staatsmacht als kriminell, warnt aber auch vor katastrophalen Folgen einer Revolution.

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Wladimir Putin ist ein mutiger Mann. Nach den Großdemonstrationen, die in ganz Russland durch die Straßen zogen, nach der Kundgebung vom 10. Dezembe r auf dem Moskauer Bolotnaja-Platz mit Tausenden von Teilnehmern, hat er in einer Livesendung im Fernsehen mit dem Volk gesprochen und vor dem ganzen Land behauptet, die Menschen, die auf die Straße gegangen seien, hätten dafür Geld bekommen.

Was für ein Sujet für eine Kurzgeschichte! Wie viel haben sie bekommen? Von wem? Und wie? Offensichtlich haben Hillary Clintons Agenten über Strohmänner aus der russischen Opposition säckeweise Geld nach Moskau geschafft und dann an in Eile zusammengezimmerten Kassenhäuschen Umschläge mit Geld ausgegeben, am Zugang zum Bolotnaja-Platz direkt vor dem Kreml.

Und diejenigen, die nichts abbekommen haben, beißen sich jetzt in den Hintern: „Alle haben Geld gekriegt, nur ich nicht!“ Aber vielleicht war es auch wie so oft in Russland, dass die Initiatoren der Kundgebung sich alles in die eigene Tasche gesteckt und nicht mit dem Volk geteilt haben?

Dann wäre es höchste Zeit für einen Schauprozess, in dem die Gauner zur Verantwortung gezogen werden! So sieht die Mentalität unserer Machthaber aus: Mit einer einzigen Erklärung bringen sie es fertig, sich eine ganze Menge neuer Feinde zu schaffen. Das ist wirklich beleidigend: Man geht auf die Straße, um gegen unehrliche Wahlen zu protestieren, und dann wird einem vorgeworfen, man sei gekauft.

Aber die Staatsmacht weiß, was sie tut. Sie wendet sich an Millionen von Fernsehzuschauern und nicht an ein paar Zehntausend Demonstranten, und erstere, die in entfernten Siedlungen und Dörfern auf den Bildschirm gucken, staunen nicht schlecht über ihre neue Erkenntnis: „So war das also! Dann waren die von den Amerikanern gekauft! Das haben wir uns doch gleich gedacht!“

Bürokratie ist der beste Freund der Staatsmacht

An dieser Episode kann man die ganze Philosophie der gegenwärtigen russischen Politik ablesen, nämlich die Philosophie übrigens des traditionellen russischen Konservatismus. Daran ist überhaupt nichts Neues, außer vielleicht die Nutzung des Fernsehens als Propagandawerkzeug. Die Mächtigen in Russland haben immer das Bündnis mit dem Volk gesucht, und zwar über die Köpfe der gebildeten Stände hinweg, die durch den Bazillus europäischer Werte infiziert sind.

Sie haben keine Illusionen bezüglich der realen Möglichkeiten des Volkes genährt, vielmehr setzten sie den Mythos vom idealen Volk in die Welt, das aufgrund seiner geistig-seelischen Qualitäten dazu berufen sei, das bedeutendste der Welt zu sein. Auf dieser Grundlage entwickelt sich der russische Nationalismus in all seinen Spielarten immer noch weiter, und er wird von der Staatsmacht als Barriere gegen die Entwicklung liberaler Ideen verwendet.

Doch der beste Freund der russischen Staatsmacht bleibt die Bürokratie, die sich aber als treuloser Freund erweist, denn sie liebt Einkünfte und Selbstbestätigung mehr als jede staatliche Ideologie. Die Bürokratie in Partei und Wirtschaft treibt das Regime in den Ruin. So war es unter den Zaren und den Kommunisten, und so ist es auch jetzt.

In einem bestimmten Moment zerbricht der Mechanismus der russischen Staatsmacht, denn er birgt einen inneren Widerspruch zwischen messianischem Anliegen und dreistem Diebstahl durch die Beamten. Die Staatsmacht entwickelt kriminelle Energie und geht zur Selbstverteidigung über, da sie begreift, dass sie bei einem radikalen Regimewechsel vor Gericht landen könnte.

Heute werden wir Zeugen eines ersten Schubs der Unzufriedenheit, und zwar nicht der Opposition, sondern der Bevölkerung in den großen Städten, vor allem der Mittelklasse und der Jugendlichen. Der Protest auf dem Bolotnaja-Platz hatte bisher noch keinen revolutionären, sondern einen moralischen Hintergrund.

Die Menschen hielten es nicht aus, dass man sie bei den Wahlen betrogen hatte, und forderten eine Revision. Aber wenn man diesen moralischen Städtern sagt, ihre Moral sei käuflich, dann verstärkt sich der revolutionäre Auftrieb in Russland nur.

Die Folgen einer Revolution wären katastrophal

In oppositionellen Kreisen wird nun diskutiert, ob man mit den Machthabern einen Dialog führen oder ihren Sturz anstreben sollte. Es gibt Kompromissler und eine unversöhnliche Opposition. Neulich kam mein Kollege Eduard Limonow bei mir vorbei, der als einer der Anführer der unversöhnlichen Fraktion gilt.

Das war noch vor der Kundgebung auf dem Bolotnaja-Platz. Ich äußerte mich skeptisch gegenüber seiner Einschätzung, unter den Jugendlichen sei die Stimmung reif für den Protest – und hatte mich getäuscht. Doch die Kundgebung auf dem Bolotnaja-Platz kam ihm dann allzu „erlaubt“ vor, und er sagte, man habe ihm die Revolution gestohlen. Ehrlich gesagt, ich war froh darüber.

Ich bin überzeugt davon, dass die Folgen einer neuen Revolution in Russland katastrophal wären. Die Staatsmacht weiß, dass die unversöhnliche Opposition sie stürzen will, um sie vor Gericht zu stellen, und ein revolutionäres Szenario könnte sich in ein Blutbad verwandeln. Mit der Woge der Revolution würde dieses Mal keine kommunistische, sondern eine nationalistische Utopie über uns gespült, der Traum vom großen russischen Imperium – all das, was bei unseren Nachbarn, in ganz Europa, in der ganzen Welt Entsetzen auslöst.

Die unversöhnliche Opposition kann die Machthaber genauso wenig ausstehen wie die Kompromissler, jene politischen Kräfte, die zum Dialog mit dem Kreml bereit sind. Unter ihnen gibt es durchaus vernünftige Erscheinungen wie den erfolgreichen Unternehmer Michail Prochorow, der offenbar an den bevorstehenden Präsidentschaftswahlen als Kandidat teilnehmen wird und den seine Gegner stets als Oligarchen titulieren.

In unserer Öffentlichkeit irren Gespenster herum. Sie reden uns ein, dass reiche Leute, Milliardäre, unser Volk nicht vertreten könnten. Allerdings haben bei näherem Hinsehen die ganze Geschichte hindurch milliardenschwere Zaren unser Volk vertreten.

Als Lenin und dann Stalin die Macht ergriffen, bemächtigten sie sich des nationalen Reichtums und wurden ebenfalls Milliardäre – und sie hatten kein Problem damit, keinerlei Angst, das Volk zu vertreten. Es versteht sich, dass auch heute die Führer aller Parteien (der Kommunist Gennadi Sjuganow, der Populist Wladimir Schirinowski und andere), die das Präsidentenamt anstreben, wenn nicht allesamt Milliardäre sind, so doch zumindest in die Kategorie Geldsack gehören.

Prochorow steht für einen hochkarätigen Kapitalismus

Mit Prochorow macht sich also ein frisches Gesicht in die große Politik auf, ein Mann, der dank seiner Arbeit glänzende Ergebnisse erzielt hat und nichts von niemandem braucht. Wenn manche sagen, Prochorow habe mit dem Kreml Absprachen getroffen, dann meine ich, dass der Kreml eher ihn braucht als umgekehrt. Der Kreml weiß ganz genau: Wenn er nur altbekannte Gesichter bei den Wahlen auffährt, wird er gnadenlos ausgepfiffen.

Prochorow ist sich mit den Mächtigen einig, was die Einführung des Kapitalismus angeht. Doch der entscheidende Unterschied besteht darin, dass die Staatsmacht einen „schmutzigen“ Kapitalismus unklarer Prägung eingeführt hat, einen anwendungsorientierten, zum Überleben notwendigen Kapitalismus, wohingegen Prochorow meint, unser Land sei fähig, einen hochkarätigen Kapitalismus aufzubauen und dennoch nicht auseinanderzubrechen.

Die Machthaber sind davon überzeugt, die Leute verstünden lediglich billige populistische Ideologien, und auf das Volk zuzugehen sei der reinste Spaziergang. Doch Prochorow wird die Verfehlungen der Staatsmacht kaum aufdecken – er hat das nicht nötig, es genügt, das Misstrauen der Machthaber gegenüber dem Volk beim Namen zu nennen, um in einen Dialog mit den gebildeten Milieus zu treten.

Es wurden unverzeihliche Fehler zugelassen

Die „außerparlamentarische“ Opposition will die Staatsmacht in die Ecke drängen und ihr bestenfalls Kapitulation anbieten. Dagegen spricht die Bereitschaft Prochorows, auf demselben Spielfeld mit den Regierenden aufzulaufen, dafür, dass er ein Mann ist, der sich alle Optionen offen hält.

Nun zu der Frage, wer die Spielregeln verletzt. Natürlich alle. Mir scheint, dass permanent Regeln verletzt werden. Wir alle waten bis zum Knie im Blut: Wir haben zwar niemanden getötet, aber an uns klebt das Blut unserer Vorfahren, die getötet wurden oder selbst getötet haben. Wenn wir unser Volk, unsere Eliten oder unsere Intelligenz noch einmal zur Ader lassen wollen, dann wäre der Niedergang unseres genetischen Erbes nicht rückgängig zu machen.

Ein Spiel also – und keine Schießerei auf dem Schlachtfeld. Ich bin ein Anhänger des Dialogs, obwohl mir – wie vielen anderen Russen – scheint, dass unverzeihliche Fehler zugelassen wurden. Aber zunächst müssen wir einen Schritt vorwärts machen und noch ein paar weitere Schritte gehen, dann erst sollten wir zurückblicken. So haben es auch die Spanier nach Franco gemacht. Und dann mag die Geschichte über uns richten.

Da eine nationale Gesamtmoral fehlt, muss man eben mit einer situationsgebundenen Moral auskommen. Kehren wir zurück zu den Reichen. Keiner mag sie in Russland, aber wenn die Tochter irgendeines armen Schluckers einen Reichen heiratet, versteht der Arme das dann eben doch sehr gut. Alles also eine Frage der Psychologie. Hier geht es um schlichte menschliche Eifersucht. Die Überwindung von Eifersucht und Neid steht bei uns noch an.

Das Problem, mit dem wir in unserem Land ständig konfrontiert sind, besteht darin, dass die regierenden Eliten unser Volk schon immer ungebildet halten wollten und analytisches Denken abwürgten. Sie gaben uns ein bisschen Puschkin zu lesen und ließen uns auch etwas Mathematik studieren, aber analytisches Denken stand nur in KGB-Schmieden auf dem Lehrplan.

Unserem Volk fehlt die Erziehung, die man braucht, um Ereignisse zu durchschauen und Schlussfolgerungen zu ziehen. Das intellektuelle Niveau ist ein echtes Problem. Ein lebhaftes Volk, voller Inspiration, aber ohne jede Fähigkeit zur Analyse. Dieses Problem muss gelöst werden, doch bei uns wird es nicht in Angriff genommen.

Die Führung möchte ein braves Volk

Stattdessen entwickelt sich ein archaisches Bewusstsein, man stützt sich auf die Wurzeln: Was immer uns unsere Vorfahren vermacht haben, das ist richtig. Und wenn wir uns auf unsere Traditionen zurückbesinnen, bekommen wir keine heutigen Antworten auf unsere heutigen Fragen, sondern vielmehr welche, die bestenfalls zum Überleben reichen – mehr nicht.

Unsere regierende Elite ist nicht an einem vernünftigen, einem klugen Volk interessiert. Sie ist an einem braven Volk interessiert, an einem Volk, das bereit ist zu dienen. Kein Sozialvertrag, sondern dem Staate dienen, der einem nach seinem Gutdünken geben kann oder auch nicht. Das ist eine primitive, archaische Gesellschaft.

Das Verhältnis zu den Reichen ist ebenfalls ein Spiel veralteter Leidenschaften: Wenn du reich bist, dann bist du fremd, und wenn du fremd bist, muss man dich fressen. Die archaische Gesellschaft basiert auf dem Prinzip das Eigene gegen das Fremde, oben gegen unten und so weiter. Darum kann man nicht sagen: Respekt, der Mann hat Geld verdient, vorausgesetzt natürlich, er hat es ehrlich verdient, und ich lege jetzt auch los mit dem Geldverdienen.

Putin glaubt, das Russland ihn braucht

Wir brauchen verantwortungsvolle Menschen. Wir müssen heraus aus dem Sumpf. Aber die Machthaber sagen uns: Es gibt doch gar keinen Sumpf. Wenn man die Probleme nicht benennt, werden sie auch nicht angegangen und gelöst. Aber wie soll man sie lösen?

Wladimir Putin ist ein mutiger Mann. Ungeachtet seiner sinkenden Popularität ist er überzeugt davon, dass Russland ihn mehr als irgendjemanden sonst als Präsidenten braucht. Wie schnell Russland auch immer begonnen hat, sich zu verändern – bis zu den Präsidentschaftswahlen im März wird es sich nicht neu erfinden. Putin wird die Wahlen gewinnen. Möglicherweise bietet er nach seinem Wahlsieg Prochorow einen wichtigen Regierungsposten an.

Aus dem Russischen von Beate Rausch.