Kunst & Kirche

"Wir kennen Gott doch nur als Schauspieler"

Die Krippenspielzeit läuft: Die Theologin Petra Bahr und der Schriftsteller John von Düffel sprechen über Weihnachten auf der Bühne.

Foto: Patrick Piel / Patrick Piel/digit

Morgenpost Online : Herr von Düffel, wenn Sie die Aufführung eines Krippenspiels zu leiten hätten – was wäre Ihnen wichtig?

John von Düffel : Für mich ist das Wesentliche am Krippenspiel ist das kindliche Rollenspiel – dass Kinder sich in einer anderen Geschichte erleben. Sie verfügen dabei über eine Unschuld, die Erwachsenen nicht mehr gegeben ist, die von dieser Geschichte aber verlangt wird.

Morgenpost Online : Obwohl Maria ihre Unschuld verloren hat und Josef sich bei Matthäus überlegt, sie deswegen heimlich zu verlassen?

Von Düffel : Man will doch die Weihnachtsgeschichte nicht als „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ sehen. Natürlich: Würde man damit in den Abendspielplan eines Theaters gehen, dann hätte man nach den Haarrissen dieser Beziehung zu suchen, aber das wäre nicht der Traum dieser Geschichte. Der Traum handelt von der Unschuld des Rollenspiels, des Mitmachens in dieser großen Handlung.

Morgenpost Online : Warum wird eigentlich fast nur noch die Weihnachtsgeschichte dramatisiert, während die Passionsspiele mit Ausnahme von Oberammergau weitgehend ausgestorben sind?

Petra Bahr : Die Passionsspiele haben sich aus der katholischen Volksfrömmigkeit entwickelt die ganze Stadt zur Bühne gemacht. Die Villa des Pontius Pilatus war das Rathaus und der Garten Gethsemane der Friedhof. So eine Inszenierung passte nicht zu den kulturprotestantischen Vorstellungen von Innigkeit im 19. Jahrhundert, der Zeit, in der „Weihnachten“, so wie wir es heute kennen, erst erfunden wurde. Außerdem rückte nach der Aufklärung die Passionsgeschichte in den Hintergrund. Im Krippenspiel verband sich die Weihnachtsgeschichte mit dem Ideal der heiligen deutschen Familie. Es hatte einen stark pädagogischen Zug. Trotzdem entfaltet es bis heute einen Zauber, der über die Belehrung weit hinausgeht. Diese Kraft liegt, glaube ich, in der Verkörperung von etwas im Grunde Unanschaulichen, das plötzlich ganz sinnlich und elementar wird.

Von Düffel : Das Überleben des Krippenspiels hat aber auch mit der Dramaturgie der Jahreszeiten zu tun. Theater lebt vom Publikum, und das Publikum hat im Dezember das Bedürfnis nach einem aufscheinenden Licht. Das Krippenspiel ist die Inszenierung dieses Lichts.

Bahr : Wer genau hinsieht, sieht noch mehr. Das Krippenspiel findet ja meist im Altarraum statt, unter dem Kreuz. Dieser theologische Hintersinn schwingt die ganze Zeit mit, wenn die niedlichen Kleinen die alten Texte sprechen. Das Idyll wird eingebettet in eine Geschichte, die auf die Passion verweist. Es muss nicht immer alles erzählt werden. Kirchenräume sind Räume voller Zeichen und Bedeutungen, wie klug durchdachte Bühnenbilder. Sie sprechen. Das sollten wir uns auch bei der Sonntagsliturgie dann und wann bewusst machen.

Morgenpost Online : Geht Ihnen denn, Herr von Düffel, beim Betrachten von Krippenspielen theologisch etwas auf?

Von Düffel : Jedenfalls empfinde ich das Krippenspiel als ein Theater, das seiner Bedeutung gewiss ist, während wir sonst am Theater immerzu suchen müssen, worum es geht und wo der Kern liegt. Diese Fragen beantworten sich im Krippenspiel zumindest für die Dauer der Aufführung von selbst. Es muss sich nicht legitimieren und braucht ästhetisch nicht perfekt zu sein.

Morgenpost Online : Man darf also konventionell inszenieren, muss die Geschichte nicht in Slums verlegen, wie das vor 30 Jahren oft gemacht wurde?

Von Düffel : Es reicht, sie auf die Bühne zu versetzen, so dass alles durch den Moment spricht. Wenn die Weihnachtsgeschichte vorgelesen wird, ist man immer voraus, denkt bei der Herbergssuche bereits an die Geburt, bei den Hirten an die Heiligen Drei Könige. Wenn man den Text hingegen spielt und jeden Moment mit dem Publikum teilt, vergisst man, wie es weitergeht, und kann spüren, dass die Hirten wirklich Angst haben. Woraus folgt, dass die Selbstgewissheit des Inhalts und der Bedeutungen beim Krippenspiel nicht identisch ist mit frömmlerischer Ignoranz, die gar nicht weiß, was auf dem Spiel steht. Das Risiko und die Angst des Glaubens müssen spürbar werden.

Morgenpost Online : Kann man eigentlich sagen, dass Krippenspiele auch darin ihren Sinn haben, dass die ganze Sache mit Jesus etwas Theatralisches hat? Zum einen schlüpft doch Gott, indem er Mensch wird, in eine Rolle wie ein Schauspieler. Zum andern führt er in Jesus den Menschen das Göttliche wie ein Schauspiel vor Augen.

Bahr : Die Theologie hat sich die Sprache des Theaters schon früh geborgt. Und zwar in ihrem Allerheiligsten und Allerschwierigsten, der Trinitätslehre. Wie soll man sich das vorstellen – Gott als Vater, als Sohn, als Heiliger Geist? Die Kirchenväter nehmen den Begriff der „Persona“, was so viel heißt wie Maske, Rolle, Darstellung, um sich einen Reim darauf zu machen. Dieselben Kirchenväter, die das Theater verdammten, sagten: Wir kennen Gott nur aus den unterschiedlichen Darstellungen, in denen er sich uns zeigt. Gott bindet sich an seine Rollen, auch wenn er in ihnen nicht aufgeht. Über den Menschen redet die Bibel übrigens auch so. Wir sind immer mehr und anderes als das, was wir darstellen, auch wenn wir ganz in der Rolle unseres Lebens spielen. Wir sind sogar mehr als das, was wir selbst in uns sehen.

Morgenpost Online : So dass die Dreieinigkeit keine abstruse Konstruktion einer überkomplizierten Kirchenväterlichkeit wäre, sondern aus einer Grundtatsache des Menschlichen hervorginge, dem Theatralischen?

Von Düffel : Das geflügelte Wort bei Schauspielern – auch bei nicht religiösen – lautet: Ich bin nicht ich, ich bin nicht die Figur, sondern etwas Drittes. Da wird das enge Band der Identität gelockert. Im Spiel mache ich Erfahrungen, die mir sonst verwehrt sind, und verleihe der Figur Aspekte, die wiederum ihr verwehrt waren. Von da aus fällt ein sehr freundliches Licht auf die christliche Lehre von der Trinität.

Morgenpost Online : Das heißt: Gott lockert sich, verändert sich, indem er Jesus wird?

Bahr : Ja, Gott verändert sich. Das ist kein ketzerischer Gedanke. Dass Gott sich in einem Menschen aus Fleisch und Blut zeigt, ist nicht in der Auferstehung schon wieder aufgehoben. Das Wort „Passion“ hat ja einen schönen Doppelsinn. Es bedeutet Leiden und Leidenschaft. In der Menschwerdung riskiert Gott sich selbst. Er wollte nicht authentisch bei sich selbst bleiben. Das verkannten zu allen Zeiten die Theaterhasser auf den Kanzeln, die mit der Schauspielerei den bösen Schein und die Lüge verbanden. Eine Darstellung ist nicht das Gegenteil von Wahrheit, sie kann die einzige Weise sein, in der diese Wahrheit überhaupt erträglich ist.

Morgenpost Online : Gibt es heute noch die Theateraversion in der Kirche?

Bahr : Nein, viele Pfarrer und Pfarrerinnen gehen einfach nicht ins Theater, weil es ihnen nichts bedeutet oder weil sie glauben, keine Zeit dafür zu haben. Es wird gar nicht wahrgenommen, weder als Bereicherung noch als Bedrohung. Die, die gerne ins Theater gehen, wissen um die versteckte Nähe zwischen beiden.

Morgenpost Online : Und wie hält es das Theater mit der Religion?

Bahr : Ich finde ja, dass das zeitgenössische Theater in Sachen Religion oft ziemlich mutlos ist. Es ist immer noch zu verliebt in alte Klischees vom bigotten Pfarrer oder vom fundamentalistischen Eiferer. Vor allem traut es sich zu selten an den großen abendländischen Kanon, die Bibel heran. Die Bibel ist ja nicht nur ein Glaubensbuch. Es hat unsere Kultur mehr geprägt als die griechischen Klassiker. Es ist doch bemerkenswert, dass muslimische Intellektuelle und Dramatiker daran erinnern, welche großartigen Stoffe für das Theater verloren gehen. Das hat schon was von kultureller Selbstverachtung.

Von Düffel : Warum da ein solches Erzählverbot herrscht, ist mir auch ein Rätsel. Als ich in Düsseldorf 2007 „Joseph und seine Brüder“ für die Bühne bearbeitet habe, dachte ich vom ersten Moment an: Das ist unsere Orestie, das sind unsere Familien-, Mentalitäts- und Wirtschaftsgeschichten, und in ihnen gibt es eine ganz andere Art von Mythos. Der Mythos der griechischen Antike ist sehr stark vom unerbittlichen Schicksalsglauben geprägt, Fluch und Verdammnis sind unentrinnbar, während es sich in der Josephsgeschichte um eine Orestie handelt, in der die Dinge in der Schwebe sind und Hoffnung wie Verzweiflung gleichermaßen möglich sind. Es ist da nicht alles naturverhängt, der Mensch mit seiner List, seiner Intelligenz und seinen Gefühlen spielt eine Rolle und kann sein Geschick ändern.

Bahr : Offenbar glauben aber immer noch viele Theaterleute, die biblischen Geschichten gehörten den Kirchen oder Theologen und wollten ihre Bedeutungen kontrollieren. Vielleicht ist diese Furcht sogar berechtigt. Wer will, dass diese Stoffe wieder ins kulturelle Bewusstsein zurück gelangen, der muss sie auch für die Regie freigeben und damit rechnen, dass das Theater unerhörte und neue Zugänge zu den biblischen Erzählungen und ihre modernen Aneignungen findet.

Morgenpost Online : Ich stelle es mir aber schwierig vor für Theaterleute, sich einzulassen auf das, was Sie als das Schwebende der biblischen Stoffe bezeichnet haben. Denn dass nicht alles immer in den Abgrund drängt, hat doch mit Gott zu tun – und an den glaubt ja nicht jeder.

Von Düffel : Da liegt schon der Fehler: Dass man etwas Religiöses von den Geschichten abspaltet und sagt, hier haben wir zum einen die Handlung, die zum Schlimmen drängt, aber das wird verhindert, weil es zum anderen Gott gibt, an den man halt glauben müsste. Man muss anders heran gehen, nämlich das eher Positive als eine reale menschliche Möglichkeit auffassen, statt als etwas, was nur durch Theologen hinzu gedacht werden kann. Zum Beispiel der Segen in der Josephsgeschichte. Dieser Segen ist nicht einfach eine von außen hinzu kommende Theologie, sondern Ausdruck der menschlichen Erfahrung, dass ein Individuum in der Lage ist, den Gang der Dinge selbst zu beeinflussen. Man erhält vom Schicksal die Lizenz, die Dinge positiv zu beeinflussen.

Bahr : Wenn ihr die Stoffe aus der griechischen Antike spielt, findet ihr euch ja auch in einem ziemlichen Göttergewimmel wieder– ist das eigentlich wirklich leichter zu spielen als jene biblischen Geschichten mit ihren schwebenden Existenzen zwischen Gut und Böse, zwischen Sehnsucht nach Erlösung und Gottesferne? Die Bibel erzählt von ziemlich modernen Glaubenshelden und Gottsuchern, die sich ständig selbst ein Bein stellen, im einen Moment voller Hochmut und im nächsten zu Tode betrübt durch ihr Leben stolpern, denen es beim Beten die Sprache verschlägt und die sich oft nicht mal den eigenen Glauben glauben.

Von Düffel : Das Theater hat lange geglaubt, es sei die Institution des Fragens, und die Kirche dachte, sie sei die Institution des Antwortens. Beides ist falsch, beide treffen sich im Zweifel und im Ringen ums Glaubenkönnen, in der Suche nach dem Sinn konkreten Handelns.

Bahr : Das Theater feiert mir zu oft Sinnlosigkeit und das zwangsläufige Scheitern als Naturgesetz. Diese Perspektive auf den Menschen lebt von einer falschen Gewissheit, bei allem vordergründigen Fragen. Die Kirche wiederum neigt dazu, allzu plakative und blutleere Figuren zu zeichnen. Theologinnen und Theologen können vom Theater den Mut zur Konkretion lernen: Hüten wir uns vor Allgemeinplätzen, erzählen wir die alten Geschichten immer wieder neu und anders, denn nur so können sie sich in Geschichten verwandeln, in denen die Menschenfreundlichkeit Gottes heute fassbar wird.

Morgenpost Online : Kann man im Theater Gottes Unbedingtheit auftreten lassen?

Bahr : Gott bleibt der Undarstellbare. Das sagt das Bilderverbot. So drängt er uns zu immer neuen Darstellungsversuchen. Vielleicht kann sich das Theater an diesen Proben beteiligen. Wer ist Gott für uns? Wer sind wir für ihn? Nehmen Sie die Geschichte von Kain, der seinen Bruder Abel ermordet. Diese Geschichte ist tausendfach erzählt worden, im Krimi, im Kino. Aber ohne die entscheidende Pointe. Gott spielt in dieser Geschichte nämlich eine irritierende Rolle, die nicht zu unserer Vorstellung von Gerechtigkeit passt. Er bittet den Mörder, ihn anzusehen und schützt ihn vor denen, die seinen Tod fordern. Gott ist immer anders, als wir denken. Das könnte auch die Fantasie von Theatermachern beflügeln.

Morgenpost Online : Darf Gott denn nun auftreten?

Bahr : Gott zeigt sich, wie und wo er will. Die entscheidende Frage ist doch, ob wir die Zeichen sehen wollen. Am vollkommensten zeigt er sich nämlich im Angesicht des Anderen.

Von Düffel : Gott als Gott zu spielen ist demgegenüber kaum möglich.