Bücherverbannung

Alte Bücher gehören nach Bergisch Gladbach

Elke Heidenreich beschloss die Trennung, nachdem bei ihr alle Regale und der Keller zugewachsen waren. Nun stellt sie fest: "Mein Gott, ist Loslassen schön!"

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Am Anfang verwahrt man sie alle. Dann verschwinden die ersten in die hintere Reihe auf dem Regal, vorne Hermann Bang und Balzac, dahinter – auf Brett B – Simone de Beauvoir. Sie hat einfach zu viel geschrieben. Irgendwann werden die Blechregale im Keller – kein Mensch macht mehr Obst ein, stapelt Marmeladen oder Äpfel – mit dem bestückt, was man vielleicht noch braucht, aber sicher nie mehr liest.

Runter mit Beauvoir, außer: „Ein sanfter Tod“. Das darf oben bleiben. Oben im Haus sind alle Regale voll, die Bilder hängen immer enger an der einzigen freigehaltenen Wand, die Bücher stehen in raffinierten Zweierreihen, der Keller fasst auch nichts mehr. Eine einzelne Patricia Highsmith kann man brauchen, wenn ein Tisch wackelt, nicht so dick. Marcel Proust kommt ganz nach oben, zur Goethe-Gesamtausgabe, in die Ecke, für die man extra die Leiter holen müsste. Irgendwann wird Virginia Woolf da auch landen.

Joyce Carol Oates und Doris Lessing sind schon bei Simone im Keller, mein Gott, was schreiben diese Frauen viel und unentwegt, eine Zumutung! Kleist dagegen, eher bescheiden. Hesse – überschaubar. Dürfen bleiben. Hanns Henny Jahnn muss bleiben. Pessoa, ziemlich dick, viele Heteronyme – Alberto Caeiro, Álvaro de Campo, Ricardo Reis – müssen alle, sehr geliebt, bleiben. Nabokov! Musil? Thomas Mann? Nun gut. Aber wirklich ALLES?

Der Rest verschwindet im Keller

Und plötzlich stehen nur noch Lieblingsbücher in den Regalen, nur noch die, die man zum Leben braucht, zum Lieben, zum Wiederlesen, der Rest verschwindet im Keller, aber der Keller hat nur eine begrenzte Kapazität, denn die Vasen, Kölschgläser, Sammeltassen, absurden Haushaltsgeräte müssen auch da gelagert werden und das, was man einfach nicht wegwerfen kann: Sissi in einer Schneekugel mit Goldflitter, ein bayerischer Bierhumpen mit Pinguinen in Lederhosen, ein Schwein aus Porzellan mit Veilchenstrauß im Schnäuzchen, zu und zu schön, die Häschenschule, im Erzgebirge geschnitzt. Kurzum, der Keller ist voll, während es oben an der Tür klingelt und der Paketmann gerade das Neueste von Droemer Knaur bringt.

Nun muss gehandelt werden. Sehr interessant ist in dem Zusammenhang ein Artikel aus der Zeitung: Jemand macht Kunst aus Büchern, im Freien. Zum Beispiel eine Mauer – schön getürmt aus Büchern, und dann langsam stilvoll verrotten lassen. Das wäre eine Idee: Eine Mauer aus 26 Bänden Duden, 36 Bänden Universallexikon, viel Grass und Walser gegen die Schnecken, für die Tomaten?

Das war doch mein Leben, damals!

Was mache ich mit den Kinderbüchern, vor meiner resolut alles wegwerfenden Mutter („Die liest du doch nie wieder!“) gerettet? Sie hatte recht, ich lese die nie wieder, aber „Elke der Schlingel“ von Emma Gündel! Die Pucki-Bände von Magda Trott! Alle Nesthäkchen-Bände von Else Ury! Ich kann mich doch nicht einfach trennen davon, das war doch mein Leben, damals! Die kommen auf dem Speicher in die große Blechkiste zu den Liebesbriefen, und das hätte ich besser nicht getan, man liest sich fest und ist fassungslos über so viel Irrsinn, der so viele Tränen gekostet hat, die kein Buch stillen konnte…

Die Regale wachsen zu. Das kleine Haus ächzt. Der Zufall eilt zu Hilfe, wie gern im Leben: Eine Stadtteilbibliothek soll geschlossen werden, ob ich ein wenig helfen und Wind machen könnte? Wind machen ist meine Spezialität. Ich halte eine flammende Rede über den Sinn des Lesens, an den ich angesichts der Überproduktion deutscher Verlage mit Vampir-, Elfen- und Trollschwachsinn mitunter nicht mehr glaube, und ich sage mit großer Gebärde: „Ich werde Bücher spenden für den Erhalt der Bibliothek!“

Da wachsen Teenager auf, die dich kennenlernen sollten

So. Nun ist es versprochen, nun muss ich mich trennen. Erst mal tausend. Dann noch mal tausend. Zum Teil brandneu. Der Keller wird leer, die Regale lichten sich, und auf einmal packt mich geradezu Champagnerlaune: Lese ich je wieder Stifters „Nachsommer“? Nein. Brauche ich je wieder für irgendetwas Stifters „Nachsommer“? Nein. Adalbert, nichts gegen dich, aber in Bergisch Gladbach hast du es doch auch schön.

Da wachsen Teenager auf, die dich kennenlernen sollten. Obwohl – viel Hoffnung habe ich nicht. Jean Paul geht mit dir, nur die „Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei“ – die bleibt. Vielleicht verliert unser Papst ja auch mal, wie Michel Piccoli, die Lust an Kleidchen und Weihrauch, und ich treffe ihn in meiner Kneipe, dann lese ich ihm die vor.

Das deutsche dichtende Fräuleinwunder der 70er- und 80er-Jahre, ab damit. Mein Gott, ist Loslassen schön! Ich habe schon früher kartonweise Bücher in Kliniken und Gefängnisse geschleppt, aber das ist kein Vergleich mit dem, was jetzt vom glücklichen Bibliothekar und seinen Helfern abgeholt wird. Lastwagenweise. Die Frauenliteratur der 60er! Marilyn French, Germaine Greer, Betty Friedan, Kate Millett, ja, und auch du, Alice: erst vom Arbeitszimmer in den Keller, nun vergnügt nach Bergisch Gladbach, junge Mädchen verwirren!

Junge Möchtegernkritiker sollen sich die Zähne ausbeißen

Rudi Dutschkes Tagebücher, die 68er-Pamphlete, die Black-Panther-Kampfschriften, Esther Vilar, Bergisch Gladbach, da kommt was auf euch zu. M. R.-R. hat auch reichlich viel geschrieben, was kein Mensch mehr lesen will, nur sein Lebensbericht, der möge bleiben. All die Lobe, all die Verrisse, Schnee von gestern, Regalfüller für eine arme Stadtteil-Bibliothek, sollen junge Möchtegernkritiker sich die Zähne ausbeißen an so viel Besserwisserei. Kommt das alles jemand ausleihen und lesen? Ich habe mich nie zu fragen getraut.

Im nächsten Sommer versuch ich's mal im Garten mit dem Mäuerchen. Paulo Coelho und Umberto Eco haben ja auch verdammt viel geschrieben.

Die Autorin ist Herausgeberin von Musikbüchern in der Edition Elke Heidenreich/Bertelsmann Verlag