Fussball-Bücher 2011

"Lahms Biografie ist langweilig und ohne Substanz"

Das Geheimnis guter Fußball-Bücher liegt in der Leidenschaft. Ein Gespräch mit Philipp Köster, Chefredakteur des Magazins "11 Freunde".

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Er bewertet mit seiner Redaktion jeden Monat die neuesten Fußball-Bücher und ist selbst Autor diverser Werke. Philipp Köster, Chefredakteur des Fußball-Magazins " 11 Freunde ", kann man mit Sicherheit als Experten für Bücher über das runde Leder bezeichnen. Ein Rückblick auf die Werke des Jahres.

Morgenpost Online : Haben Sie absolute Fußball-Lieblingsbücher, an die einfach kein anderes heranreicht?

Philipp Köster : Ich habe über die Jahre eine ganze Menge Lieblingsbücher zum Thema Fußball angesammelt. "Das Wunder von Castel die Sangro" von Joe McGinnis – ein Amerikaner, der ein Jahr lang einen italienischen Zweitligaklub begleitet. "Traumhüter" – Ronald Rengs Biografie des Keepers Lars Leese, der den Sprung von der sechsten deutschen Liga in die englische Premier League schafft. Und "Fußballtempel" – eine Sammlung der Panorama-Aufnahmen deutscher Stadien von unserem "11 Freunde"-Fotografen Reinaldo Coddou.

Morgenpost Online : Was ist das Geheimnis eines guten Fußball-Buches?

Köster : Es muss mit Leidenschaft für den Fußball geschrieben sein. Wer nur von Tabellen, Statistiken und Ergebnissen erzählt, kommt nicht dahinter, was den Fußball so faszinierend macht.

Morgenpost Online : Welches Genre interessiert Sie besonders?

Köster : Biografien großer Fußballer sind, wenn sie mit offenem Visier geschrieben sind, vorzügliche Unterhaltung. Toni Schumachers Generalabrechnung "Abpfiff" ebenso wie der Sexroman "Alles" von Bodo und Bianca Illgner. Dagegen fällt Philipp Lahms Autobiografie "Der feine Unterschied" wegen erwiesener Harmlosigkeit ziemlich ab.

Morgenpost Online : Die Lahm-Biografie war aber 2011 das wohl meistdiskutierteste Werk. Sie haben es als "nüchterndes, leidenschaftsloses Buch" bezeichnet. Was hat Ihnen gefehlt?

Köster : Zunächst mal ist die Frage, ob ein Fußballer im gesegneten Alter von 27 Jahren eine Biografie schreiben sollte. Ich glaube, nein. Außerdem sollte man nur ein Buch schreiben, wenn man bereit ist, etwas Substanzielles von sich preis zu geben. Das hat Lahm anscheinend nicht gewollt . Dementsprechend langweilig und vorhersehbar ist das Buch geworden.

Morgenpost Online : Lahm oder auch Fatmire Bajramaj, immer mehr Sportler veröffentlichen schon in jungen Jahren ihre Geschichte.

Köster : Ich finde, Fußballer sollten erst Bücher schreiben, wenn sie nicht mehr im Profifußball aktiv sind. Dann ist nämlich die Zeit, um all die saftigen, komischen, skurrilen Dinge zu erzählen, die in einem solch künstlichen Kosmos, wie es der Profifußball ist, passieren. Insofern freue ich mich sehr auf die Biografie von Uli Borowka, die gerade entsteht.

Morgenpost Online : Generell gibt es wenige richtig erfolgreiche Fußball-Romane. Ist es so schwierig, eine fiktionale Geschichte über das Thema zu schreiben?

Köster : Schon Fernsehmacher haben erkannt: Nichts schlägt die Dramatik des Livefußballs. Und Romanautoren tun sich noch ein bisschen schwerer, die Dramatik, die Spannung, die Action des Fußballs in gedruckte Zeilen zu übertragen.

Morgenpost Online : Häufig langweilen Sachbücher. Wie schafft man es, Bücher mit Fakten und Statistiken fesselnd zu schreiben?

Köster : Indem man sich nicht auf die üblichen, hunderte Male durchgekauten Statistiken und Fakten stützt. Rekordmeister, Torschützenkönige und ewige Tabellen der Liga hat man zu oft gesehen. Neue, überraschende Perspektiven wie sie etwa Christoph Biermann in "Fast alles über Fußball" geschaffen hat, finden auch ihre Leser.

Morgenpost Online : Spricht man über Fußball-Bücher, fällt immer der Titel "Fever Pitch" von Nick Hornby . Was macht dieses Buch so besonders?

Köster : "Fever Pitch" hat seine herausragende Stellung in der Fußballliteratur nicht allein wegen seiner literarischen Qualität, sondern auch, weil der Plot eine neue gesellschaftliche Realität abbildete: Intellektuelle gehen zum Fußball und bekennen sich dazu. Das ist heute selbstverständlich, Anfang der 90er-Jahre war das brandneu.

Morgenpost Online : 2011 wurde das Werk "Der FC Bayern und seine Juden" zum Fußballbuch des Jahres gewählt. Was es das auch für Sie?

Köster : Dietrich Schulze-Marmeling hat sich in den vergangenen Jahren um die kritische Geschichtsschreibung des Fußballs verdient gemacht. "Der gezähmte Fußball" war die Initialzündung für eine Fußballgeschichte, die den Sport nicht nur als epischen Kampf unerschrockener Helden begreift. Das Buch über den Rekordmeister und seine jüdischen Wurzeln ist als Teil dessen unbedingt preiswürdig.

Morgenpost Online : Und auf welche Bücher hätte man getrost verzichten können?

Köster : Langweilige Vereinsbiographien, die sich ohne Esprit von Jahr zu Jahr hangeln, gibt es inzwischen wie Sand am Meer. Und die ganze kenntnisfreie Eventliteratur, die rund um die Frauen-WM erschienen ist, hätte es nicht gebraucht.

Morgenpost Online : In "11 Freunde" werden in jeder Ausgabe Neuerscheinungen bewertet. Gibt es bestimmte Kriterien, die die Bücher erfüllen müssen?

Köster : Bücher, die in "11 Freunde" rezensiert werden, sind in irgendeiner Weise interessant, spannend oder relevant, selbst wenn sie verrissen werden.

Morgenpost Online : Sie haben die Kolumnen von Günter Netzer, Sammlungen launiger Fußballsprüche und Sportlerbiografien veröffentlicht – können wir auch auf einen Roman von Ihnen hoffen?

Köster : Sitze ich gerade dran. Grob skizziert wird es um die Erlebnisse eines jugendlichen Fans in den Achtzigern und Neunzigern gehen. Aber natürlich sind biografische Ähnlichkeiten mit mir rein zufällig.

Morgenpost Online : Erinnern Sie sich selbst noch an Fußball-Geschichten aus Ihrer Kindheit, die Ihnen bis heute im Gedächtnis geblieben sind?

Köster : Mein absolutes Lieblingsbuch meiner Kindheit war Sammy Drechsels "Elf Freunde müsst ihr sein", die dramatische Geschichte einer Volksschulklasse aus Wilmersdorf, die entgegen aller Erwartungen Berliner Schulmeister wird.Sie haben heute selbst drei Kinder. Haben Sie Ihren Nachwuchs schon mit der Leidenschaft für Fußball-Bücher infiziert?Ich habe ihnen natürlich "Elf Freunde müsst ihr sein" vorgelesen. Sie fanden es genauso großartig wie ich. Aber inzwischen habe ich die Jungs an die "Wilden Kerle" verloren.