Black Metal

Tod & Teufel – Neue Helden der "Occupy"-Generation

Black-Metal-Bands wie Wolves in the Throne Room machen die Musik von Tod und Teufel populär. Dabei setzen sie auf Naturromantik und Esoterik.

Im Festsaal Kreuzberg in Berlin werden Kerzen auf einem Altar entzündet. Aaron Weaver nimmt am Schlagzeug Platz, die Trommeln vor sich, groß wie Traktorreifen. Nathan Weaver, Aarons Bruder, hängt sich die Gitarre um, ein schiefes Kreuz mit Hals und Saiten. Man hört Eulen rufen und den Wind. Man sieht den blauen Wald und sein Getier im Bühnenbild. Dann lässt es Aaron donnern, während Nathan sägt und keift, niemand versteht ein Wort, aber die Hörer stehen da und nicken mit geschlossenen Augen.

Jeder kennt die Botschaften aus den CD-Booklets der Band Wolves in the Throne Room . Nathan Weaver singt von blutenden Hirschen und vom Adler in der Luft, über Gestein und Wurzelwerk. Streng musikalisch handelt es sich um Black Metal, auch aus Sicht der Musiker. Sie tragen lange Haare, illustrierte Haut und ärmellose T-Shirts, aber keine Leichenschminke wie die Schwarzmetaller Skandinaviens.

Metal für Naturfreunde

„Wir sind Amerikaner“, sagen sie, sie treiben keinen Satanskult. Wolves in the Throne Room gelten als Black-Metal-Band für alle. Auch für Akademiker, Naturfreunde und Menschen mit Geschmack, die so monströses Musizieren sonst gering schätzen.

Wolves in the Throne Room traten vor vier Jahren mit „Two Hunters“, einem Ökoalbum, aus der Dunkelheit der Szene. Die Apokalypse wurde zwar beschworen. Die verheerte Landschaft diente allerdings als Nährboden für eine unbehelligte Natur, die auf dem Humus menschlicher Gebeine wieder frei gedeihen konnte.

Die Gebrüder Weaver stammten aus den Punkgemeinden im Staat Washington, die sich im waldreichen Nordwesten von Amerika traditionell den Umweltaktivisten nahe fühlten. Sie bezogen einen Bauernhof in den Kaskadenbergen, den sie Calliope tauften, nach der Muse der Elegie und des Saitenspiels. Eine Kommune, die sich heute noch mit Bio-Nahrung selbst versorgt.

Ausbruch spiritueller Energie

Laut Aaron Weaver „eine Festung für ein würdevolles Leben fern der herrschenden Kultur“. Auf ihrer fast schon aussichtslosen Suche nach einer noch irgendwie rebellischen Musik fanden sie zum Black Metal. Nathan Weaver sagt: „Black Metal ist der stärkste Ausbruch spiritueller Energie.“

„Black Metal“ hieß vor 30 Jahren eine Aufnahme von Venom aus Nordengland . Es war ein Versuch, den Heavy Metal wieder boshafter und schwefliger klingen zu lassen. Dankbar wurde die Idee am gegenüberliegenden Nordseeufer aufgegriffen und mit einem Überbau versehen. Norwegische Außenseiter brachten den Black Metal gegen die Moderne, den Kapitalismus und das Christentum in Stellung.

Satanismus und die Brauchtümer des Heidnischen wurde zu Gegenreligionen. Alte Fichtenkirchen brannten. Mayhem feierten den Selbstmord ihres Sängers, und ihr Gitarrist wurde von Varg Vikernes grundlos umgebracht, einem Kollegen, der unter dem Namen Burzum in den frühen Neunzigern bereits als visionärer Musiker vergöttert wurde.

Black Metal geriet unter Generalverdacht, Soundtrack einer radikalen Rechten zu sein. Seither wird der Untergangskrawall von der Beteuerung begleitet, unpolitisch und im Herzen rein zu sein. Die Wolves sind eine politische Black-Metal-Band, aus Überzeugung. Sie stehen „Earth First!“ nahe, der militanten Umweltorganisation Amerikas.

Die Erdbefreier operieren unter dem Symbol des Engländer genannten Schraubenschlüssels, den früher die Siedler in Amerika benutzten. Heute demontieren Ökoterroristen damit Industrieanlagen. „Wir räumen den Ureinwohnern auch das Recht ein, unsere Häuser anzuzünden“, sagt der Gitarrist und Sänger Nathan Weaver, der sich mit dem Kampfnamen „Der Rabe“ schmückt.

Black Metal lebt von seiner Radikalität, der esoterischen Ernsthaftigkeit und von Vertretern, die ihr Schaffen glaubwürdig verkörpern. „Sesselwikinger“ nennen die Weavers skandinavische Black-Metal-Stars, die Volvo fahren und in Eigenheimen wohnen.

Im Radau versteckt sich Kulturkritik

Neben ihren Hütten haben sich die Amerikaner ihren eigenen Überbau gezimmert. Sie beziehen sich nicht auf die europäische Romantik, sondern auf die amerikanische: In ihrem epischen Radau klingen die kulturkritischen Schriften von Henry David Thoreau oder Ralph Waldo Emerson an.

Ihre Ideale haben Weavers Gruppe in die Nähe der archaisch demokratischen Protestbewegungen gerückt, die heute in den Städten zelten . Die Ideologie der Band hat den Black Metal auch für rote oder grüne Hörer attraktiv gemacht. Als Bürgerschrecksmusik, als Grenzerfahrung oder als Musik an sich.

Schon Burzum, der Hysteriker aus Norwegen, der Brandstifter und Ritualmörder, hatte den Krach und das Geschrei zu einem irritierend schönen Ambient-Lärm verdichtet. Bereits Bands wie Ulver hatten lieber die Gedichte William Blakes vertont als krause Manifeste, die dem dritten Weltkrieg eine reinigende Kraft zusprachen.

Black Metal als ästhetisches Erlebnis

Aber erst die Bands, die sich vom nordischen Black Metal distanzierten, wiesen aufgeschlossene Konsumenten auf die Anmut hin, die dem Black Metal innewohnt. Bands wie Asunder aus Oakland, Middian aus Portland, Leviathan aus San Francisco, Krallice aus New York, aber auch Schweden wie Mortuus und Ondskapt.

Liturgy aus Brooklyn standen kürzlich im Berliner Levee auf der Bühne, einem Club am Hackeschen Markt, mitten im bürgerlichen Nachtleben. Ihr zweites Album heißt „Aesthetica“ und soll auch so gehört werden. Black Metal als ästhetisches Erlebnis für urbane Hipster. Hunter Hunt Hendrix singt bei Liturgy, er hat Philosophie studiert und sieht noch immer aus, als käme er gerade aus dem Hörsaal.

Hendrix hat ein eigenes Manifest verfasst: „Transcendental Black Metal – A Vision of Apocalyptic Humanism“. Es geht darin um den „Tod des Todes“ und eine „Musik, die Menschen noch ihre Bedeutung spüren lässt“. „Wir sind keine Black-Metal-Band“, sagt er. „Uns fasziniert die Gegenkultur, der Rest ist Halloween.“

"Wir hinterfragen die Moderne"

Wer es nicht so mit dem Metal hat, kann die borstigen Soundteppiche der Wolves auch als Post Rock oder Drone Music begrüßen. „Wir sind keine 18 mehr. Wir sind nicht ausgegrenzt. Wir sind nicht von der Welt gelangweilt, sehen keine Geister, haben aber Thomas Paine gelesen“, sagt Aaron Weaver. „Aber wir hinterfragen die Moderne, wie es auch verwirrte, junge Schweden tun.“

„Celestial Lineage“ ist ihr jüngstes Album, das auch wieder von den beigelegten Bildern lebt. Man blättert durch die zwielichtigen Fotos tiefer Wälder. Mönche irren durch eine bemooste Wildnis. Ein Stück heißt „Woodland Cathedral“, und am Ende wird empfohlen, seinen eigenen Leichnam unter Eichenlaub zu betten, um sich zu erlösen und die Erde zu ernähren.

Sie werden als Baumumarmer verspottet

Das ist, einerseits wie immer im Black Metal, feierlicher Unfug. Andererseits errichten WITTR, wie Kenner sie inzwischen nennen, eine eigene Kirche, die den Teufel aussperrt. Jeder ist willkommen. Damit steht die populärste Band der dunklen Künste vor einem unlösbaren Problem: Ohne das Elitäre, Auserwählte ist Black Metal kein Black Metal mehr. Die Eingeweihten meiden und verspotten sie bereits als Ökonazis, Waldschrate und Baumumarmer. Die Erfolge untergraben ihren Ruf als unversöhnliche Maschinenstürmer.

Damit ende das Projekt Wolves in the Throne Room, teilen die Gebrüder Weaver mit. Sie haben ihre Albumtrilogie zum Untergang der Menschheit und zum Überleben der Natur vollendet. „Plattenaufnahmen, Konzertreisen und Interviews sind ökologisch unverträglich“, erklärt Aaron Weaver.