Berlin-Konzert

Coldplay kommt einfach zu bombastisch daher

Tausende Berliner wollten Coldplay in der O2 World erleben. Die betäubten ihre Fans mit Riesenballons, Blinkarmbändchen und einem narkotischen Sound. Für Morgenpost Online war das einfach zu viel.

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Man wusste ja schon vorher, auf was man sich einlässt, wenn man zu Coldplay geht: Erfolgreichste Band, Bombast-Dudelei, Fans, die Musik einfach ganz gut finden, und am liebsten dazu knutschen, und Songs, die immer in Schmuse- oder In-den-Sonnenuntergang-fahr-Szenen in Filmen eingespielt werden. Aber die ganze Abgeklärtheit, die überhebliche Coolness, mit der man dann in der O2 World sitzt, verlässt einen sofort. Und es tut richtig weh, wenn es losgeht.

Aber erst einmal ist es ziemlich einfach, nüchtern daran zugehen. 1996 studieren alle vier Bandmitglieder in London und zwar noch nicht mal Kunst oder Musik. Sänger Chris Martin will Historiker werden, der Gitarrist Mathematiker ein anderer Ingenieur. In ihrer Freizeit spielen sie in Bands, die damals noch ganz anders heißen.

Nach vier Jahren erscheint „Parachutes“, ihr erstes kommerzielles Album. Die zweite Single-Auskopplung Yellow steigt in England auf Platz 4 der Charts. Seitdem spielen sie Midtempo Pop-Rock, mit großen Refrains über Liebeskummer und Einsamkeit, mit kühlem Kopf zusammengebaut, konstruiert. Nichts anderes erwartet man von Ingenieuren.

Eine Regel der Band besagt, wer Drogen nimmt, fliegt raus. Von Album zu Album verzigfachen sich die Verkäufe, vergrößern sich die Konzertsäle. Die letzten drei Alben gingen in jeweils elf Ländern auf die eins. Beim ersten DVD-Abend, für die Zeit danach sind sie aber ein Knaller zum Knutschen, es gibt kaum jemanden, der da nein sagen kann. So gesehen machen Coldplay alles richtig.

Jeder, und zwar wirklich jeder Platz auf den Rängen ist besetzt. Im unteren Teil, direkt vor der Bühne stehen sie so dicht, dass sie gar nicht umfallen können, und wenn, dann würden es alle. Es ist heiß, bestimmt 25°C, mit Jacke locker zehn mehr. Ooo-Oooh-Ooo-Ooos fliegen wie Geister aus der Unterwelt vorbei. Wenn sie einen streifen, fröstelt und kribbelt das. Ein Klavier steht vorn, ein Schlagzeug, Verstärker, alle in einer kunterbunten Graffiti-Psychodelic-Wunderfarbe angestrichen. Dahinter eine Riesen-Wand mit lauter Slogans, die üblicherweise auf Wänden von Heranwachsenden stehen: „I won't show or feel any pain“.

Das Gebilde ist zu bunt um wirklich gefährlich zu wirken, aber auch zu verschmiert um einfach nur niedlich zu sein. Ein bisschen wie Coldplay. Hinter dem Schlagzeug verläuft, gleich einer besonders rasanten Rennbahn, eine Steilkurve, auch kunterbunt versteht sich. Vom Bühnenende ragt ein noch einmal gut 40m langer Steg mitten in die Zuschauer, dessen Kopf, ein stilisiertes X, dient als Mini-Bühne und erzeugt ein hundsgemeines Im-Stadion-aber-trotzdem-ganz-nah-dran-Gefühl.

Chris Martin, Frontmann der Band, setzt sich ans Klavier. Er spielt das Instrumental-Intro „Mylo Xyloto“ vom gleichnamigen Album. In den Ohren rauscht es nur noch. 14.700 Münder, die irgendwelche Laute schreien, und 29.400 aufeinander klatschende Hände fühlen sich extrem bedrohlich an. Dabei sind das doch nur völlig harmlose Normalos, die zum Kuscheln da sind.

Das Herz rast, wie bei einer Überdosis. Das kindliche Geklimper geht in „Hurts Like Heaven“ über. Live spielt Gitarrist Johnny Buckland, als würde er bei einen Garage-Rock-Band spielen: Schnelle Sechzehntel, nur von oben nach unten gehackt. Jede Schlagzeugnote ist ein Schlag auf die Brust. Auf einmal blinkt es. Um das Handgelenk der linken Nachbarin in rot, rechts in weiß. Beim Einlass wurde jedem Besucher solch ein Armband umgebunden. Daran klebt ein Empfänger und ein Lämpchen, wenn Coldplay wollen, dass es blinkt, dann blinkt es und es blinkt ordentlich.

Der Song ist die größte je erlebte Reizüberflutung. Höllenlärm, Geblinke, wohin man blickt, Druckwellen-Paukenschläge, überall diese Menschen. Es wird einem speiübel, schwindelig und man ist froh zu sitzen. Das liegt nicht an der Musik, die ist wirklich ordentlich. Aber alles zusammen ist einfach zu viel.

Bald fallen dann Ballons von der Decke, menschengroß im Durchmesser. Martin jagt sie wie ein tollender Welpe durch die Halle. Der Sänger rennt über den Steg nach vorne, schwenkt die Gitarre, mit den Stimmmechaniken zersticht er die Luftikusse. Konfetti kommt heraus. Auf der Bühne ist Karneval. Chris Martin ist der Oberjeck. Einen anderen Ballon kickt er dem Gitarristen mitten ins Gesicht. Der lacht zurück, alles in Ordnung. Sie spielen souverän die Singles herunter „The Scientist“, den Kracher „Politic“, das hip-hopige „Lost!“ und toben dabei durch Disneyland auf LSD. An der Decke hängen vier Chris Martins in kreisförmige Bildschirme gedrückt.

Ein Weihnachtslied muss natürlich auch her. „White Christmas“ gibt es von Martin nur am Klavier vorgetragen. Als letzter Song kommt dann „Every Teardrop“is a Waterfall“. Der Sänger greift sich dabei immer neben den Schritt, wie ein Rapper. Er fetzt von vorne nach hinten, rennt eine Ehrenrunde durch die Steilkurve hinter dem Schlagzeuger vorbei. Schließlich lässt er sich auf die Knie fallen, der Rücken sackt auf den Konfetti-Boden. In einer Loge nebenan gähnt ein Business-Typ in seine Uhr, die Freundin tanzt mit verschlossenen Augen ganz vorne in dem Separée. Sie lächelt und im Saal blinkt es das allerletzte Mal.