Wissenschaftslustfilm

Ein Vibrator in Luxusausführung für Queen Victoria

Tanya Wexlers Film "In guten Händen" erzählt von Therapieversuchen weiblicher Hysterie in viktorianischer Zeit, die in der Erfindung des Vibrators gipfeln.

Lassen Sie uns einmal über den Uterus sprechen. Gerade zu Weihnachten muss man darüber sprechen dürfen. Ein wahrhaft wunderbares Organ, dieser Uterus, leider auch ein – fürs männliche Vorstellungsvermögen – sehr gefährliches. Wenn er nämlich wandert, der Uterus, und dass er das kann, daran hat jahrhundertelang die männliche Medizin geglaubt, wenn er also wandert, dann kann er in einer Frau die rätselhaftesten Verhaltensweisen auslösen. Schlaflosigkeit, Phlegma, Launen, Weinkrämpfe, Aggressionen. Das volle Programm.

Hysterie nannte das die männliche Medizin noch vor 130 Jahren, ohne genau zu wissen, was das eigentlich sein soll. Und weil man mit der Diagnose noch nicht zu Doktor Freud gehen konnte oder zu Doktor Jung wie Sabina Naftulowna Spielrein in David Cronenbergs Hysteriefilm „A dangerous Method“ , mussten andere Methoden erfunden werden. Ganz ungefährlich waren auch die nicht. Davon erzählt Tanya Wexler in ihrem viktorianischen Kostümliebeswissenschaftslustspiel „In guten Händen“.

Stromausfall im Buckingham Palace

Es ist die wahre Geschichte vom Beginn der sexuellen Befreiung, der Emanzipation und der Nutzbarmachung der Elektrizität. Es ist die Geschichte von der Erfindung des Vibrators aus dem Geist der Hysterie. Und von einem Stromausfall im Buckingham Palace. Aber das kommt erst im Abspann.

Eigentlich ist Dr. Robert Dalrymple (Jonathan Pryce) schuld. Dr. Robert Dalrymple ist ein Arzt, dem die Frauen tatsächlich vertrauen. Wir schreiben das Jahr 1880. Prüder war selten eine Gesellschaft, hochgeschlossen die Kleider, rigide die Moral. Dalrymples Wartezimmer ist entsprechend voll. Denn er ist besorgt um Hysterikerinnen, er besorgt es ihnen. Ein feines Kästchen wird übers Allerheiligste gestellt, die Finger werden mit warmem, duftendem Öl benetzt, dann legt er Hand an. Die einsame Witwe mit den Schlafstörungen seufzt, die verstummte Opernsängerin hebt wieder an zu singen.

Mit Hygiene gegen Krankheitskeime

Höhepunkt reiht sich an Höhepunkt. Heilung an Heilung. Von Hysterie keine Spur mehr. Dalrymple kann bald (genau jetzt soll Schluss sein mit den Doppeldeutigkeiten) den Bedarf nicht mehr befriedigen in seiner plüschigen Praxis. Da steht Dr. Joseph Mortimer Granville (Hugh Gancy) vor der Tür. Ein schrecklicher Idealist, die neuesten Forschungen will er durchsetzen, mit Hygiene gegen die Krankheitskeime kämpfen, die ältere Ärztekollegen für eine Chimäre halten. Weil er seinen Mund nicht halten kann, wird er überall gefeuert. Bei Dalrymple nicht.

Der Hygieniker Granville ist nämlich begabt in der hysterischen Handarbeit. Er macht sich Emily (Felicity Jones) die brave, jüngere Tochter des Hauses geneigt, verliebt sich wider Willen in Charlotte (Maggie Gyllenhaal), die wilde, sozialvollengagierte, ältere Tochter, und ist mit einer derartigen Begeisterung bei der Sache, dass er sich vom Therapieren eine Art Tennisarm holt.

Sehr reich, sehr schwul, sehr düsentriebig

Wir sind also wieder da, wo sich die Briten cineastisch gegenwärtig in einer geradezu verdächtigen Inbrunst aufhalten, im 19. Jahrhundert, speziell im London des viktorianischen Zeitalters. Eine wahre Schwellenzeit. Hier entscheidet sich das folgende Jahrhundert. Und der einzige Makel an Tanya Wexlers souverän über alle lauernden Deftigkeiten hinwegsegelndem, wirklich sehr, sehr lustigem Film ist, dass sie gleich alles zu erzählen versucht, die ganzen (Auf-)Brüche. „In guten Händen“ ist eine Liebes-, eine Sexualmoral-, eine Sozial-, Politik- und natürlich eine groteske Wissenschaftsgeschichte.

Auftritt Edmund St. John Smythe (Rupet Everett), sehr reich, sehr schwul, sehr düsentriebig. „Ahoi“, schreit er ins Telefon, als bräuchte er es gar nicht, das Ding ist sehr neu in der Menschheitsgeschichte. Einmal freut er sich halbtot: Es hat ihn jemand angerufen. Zum ersten Mal. Verwählt. Aber schön, dass sie sprechen konnten.

Unentbehrlich für den Hausgebrauch

Um dem Tennisarm und der Hysterie abzuhelfen, erfindet er den Percuteur. Das Ding wird – von der Werbung als medizinisches Instrument getarnt – unentbehrlich für den Haus- und Schlafzimmergebrauch. Auch im Buckingham Palace. Die Queen – Witwe seit zwanzig Jahren – erhält eine Luxusausfertigung – im Schmuckkästchen. Die kann sie an der Steckdose anschließen. Da wird es dunkel im Palast.

Schönes Ding, dieser Film. Über ein schönes …Aber wir wollten ja nicht mehr schlüpfrig werden.