"37 Grad"

Beziehungskiller Sex - wenn Paare die Lust verlieren

| Lesedauer: 5 Minuten
Christoph Cöln

Burn-out der Libido, ein deutsches Massenphänomen: Eine TV-Doku stellte Paare vor, bei denen es im Bett nicht mehr läuft – und die Ersatzbefriedigungen woanders suchen.

Sex im Alltag? Ganz schön öde, sagen stattliche 65 Prozent der Deutschen. Zu diesem Ergebnis kommt zumindest eine Studie der Universität Göttingen. Demnach läuft es bei fast zwei Drittel der Deutschen im Bett nicht gerade nach Wunsch. Sexuelle Unzufriedenheit, ein deutsches Massenphänomen. Es klingt paradox: Obwohl unsere Gesellschaft nie freizügiger, nie toleranter war, leidet unsere Libido dennoch unter Burn-out.

Die ZDF-Reihe „37 Grad“ ist dem Verlust der Lust auf den Grund gegangen. „Schon wieder kein Sex?“ heißt die Dokumentation von Meike Materne. Darin porträtiert die Autorin drei Paare um die 50, die sich mit erstaunlicher Offenheit zu ihrem erotischen Notstand bekennen.

Da sind zum Beispiel Dani und Christian aus Hannover. Seit acht Jahren sind die beiden ein Paar – mit Wunschkind Luca, aber ohne sexuelles Verlangen. Er ist im Außendienst tätig. Sie ist Lehrerin und vollkommen unbefriedigt. Die Beziehung steht kurz vor der Trennung.

Der Film zeigt die beiden beim Annäherungsversuch auf der heimischen Couch: Sie sitzen sich gegenüber und lesen sich frivole Geschichten vor, selbstgeschriebene Betthupferl. Die beiden lesen und schmachten sich an, der Soundtrack lässt dazu Entspannungsmusik plätschern, gleich erwartet man, dass sie übereinander herfallen.

"Christian kann mich nicht zum Orgasmus bringen"

Stattdessen kommt Dani mit der ernüchternden Diagnose. „Christian kann mich nicht zum Orgasmus bringen.“ Wieso und weshalb, bleibt offen. Von Christian erfährt man dazu nur, dass „Tachelessreden zu Verletzungen führen kann.“ Auch eine Paartherapie hat nichts gebracht. Und das ist mal die erste Erkenntnis: Dass Reden eben nicht immer hilft.

In dieser Doku wird viel geredet, alles ist sehr relaxt. Die Autorin geht sehr behutsam mit ihren Protagonisten um, platziert sie in einer Wohlfühl-Atmosphäre. Das ist nachvollziehbar, lässt sich doch erahnen, wie viel Überwindung es die Paare kostet, über ihre Lustlosigkeit zu sprechen.

Sex ist zwar allgegenwärtig, aber irgendwie immer noch tabu. Wenn von Sex die Rede ist, dann verschämt, prahlerisch oder kalauernd. Nur selten unbefangen und humorvoll.

Andererseits ist dieses Prinzip der mitfühlenden Annäherung auch das Problem von „Schon wieder kein Sex!“. Der Film packt ein brisantes Thema viel zu zaghaft an. Im Ton einer diakonischen Beratungsstelle werden die Schicksale aufgedröselt.

"Frank geht immer öfter in den Computerraum im Keller"

Heraus kommen oswaltkollehafte Allgemeinplätze wie „Viele Gespräche zwischen Paaren führen zu Enttäuschungen und Verletzungen.“ Oder: „Frank geht immer öfter in den Computerraum im Keller. Er guckt sich erotische Frauen im Netz an“.

Dabei ließe sich hier zumindest ein, wenngleich nicht gerade neuer Befund ableiten. Das Internet als Lustkiller bzw. Lustverstärker spielt bei den Paaren eine erhebliche Rolle. Online bezogene Befriedigung scheint bei ihnen weitaus mehr Bedeutung gewonnen zu haben als die häusliche.

Das Netz ist längst zur Ersatzbefriedigungsmaschine geworden, die echten Sex verdrängt – nicht nur bei Jugendlichen. Bei Daniela und Frank aus Berlin geht diese Virtualisierung der Lust so weit, dass sich Daniela erst mit einer Internetbekanntschaft treffen muss, um nach der daraus resultierenden Enttäuschung wieder zu ihrem echten Partner zurückzufinden.

Mindestens zwei der drei porträtierten Frauen leiden zudem unter einem gestörten Selbstbild, wie sie sagen. Sie fühlen sich hässlich, unattraktiv und „drücken das Verlangen einfach weg, wenn es wieder mal hochkommt“. Und immer sind es die Frauen, die die Initiative ergreifen. Die Männer reagieren nur, sie scheinen in ihrer Rolle tief verunsichert.

Die Ursachen für ihre Unlust bleiben im Film genauso unbeantwortet wie die Frage, wann von einer Störung des sexuellen Verhältnisses eigentlich die Rede sein kann. Oberflächlich betrachtet ist Sex wohl keine Frage der Quantität, sondern der Qualität. Aber, um es mit Woody Allen zu sagen, „bei allem über acht Monaten sollte man der Sache schon mal nachgehen.“

Statt hier Antworten zu suchen, begleitet die Autorin die Betroffenen lieber zu teuren Tantra-Massagen oder ins Wellness-Bad. Weil sich dort die sexuelle Energie wiederfinden lässt. Und hinterher sind dann alle wieder befriedigt. Der Zuschauer staunt und fragt sich, warum er nach viereinhalb Stunden DFB-Pokal und diesem Film so unbefriedigt ist.

Dankenswerterweise kommt im Anschluss gleich „heute nacht“ mit Normen Odenthal. Der erklärt es einem nochmal: „Fußball und Sex, damit haben Sie heute den Abend im ZDF verbracht. Denn wir wollen uns ja nichts nachsagen lassen.“ Aha. Hauptsache, wir haben mal drüber geredet.