Pop-Gedudel

Warum Coldplay so unfassbar erfolgreich ist

Beethoven für Arme, Antithese zu U2, Songs für Leute, die vorsichtig sind bei ersten Dates: Einige Mutmaßungen angesichts der Deutschland-Gastspiele von Coldplay.

Es gibt zwei Dinge, die wir über Fans der englischen Band Coldplay wissen. Sie haben beim ersten romantischen Date seltener Sex als Anhänger anderer Künstler – das hat eine britische Beziehungsanbahnungs-Plattform herausgefunden. Und es gibt sehr, sehr viele von ihnen. Denn Coldplay sind wohl die zurzeit erfolgreichste Band der Welt, spielen in riesigen Hallen und Stadien und verkaufen Millionen von Platten.

Trotzdem ist es um vieles einfacher, frühmorgens im Volkspark Friedrichshain einen Fuchs oder Waschbären zu erspähen, als einen Coldplay-Fan auf freier Wildbahn zu sichten. Ein entscheidendes Problem: Man erkennt ihn nicht. Weder an Klamotten oder Schuhen, noch an Frisur oder Bärten. Jeder, der in der U-Bahn neben einem sitzt, könnte einer sein, könnte innerlich vor Glückseligkeit strahlen, weil er eine Karte ergattert hat für eines der drei Deutschlandkonzerte Mitte Dezember, die ja im Nu ausverkauft waren.

Kaufakt im Verborgenen

Der Kaufakt fand natürlich im Verborgenen statt. Online. Auch die Google-Suche hilft beim Aufspüren nicht weiter. Im deutschsprachigen Internet-Fanforum etwa ist der letzte Beitrag ein Vierteljahr alt, da war das neue Coldplay-Album „Mylo Xyloto“ noch gar nicht erschienen.

Der Versuch, über einen Post bei Facebook unter den 368 Freunden, die sich über die Jahre angesammelt haben, einen Anhänger der Band ausfindig zu machen, ist anfangs ebenfalls nicht von Erfolg gekrönt. Die recht beiläufig gestellte Frage „Geht hier jemand zum Coldplay-Konzert in Berlin?“ wird mit der Antwort „Warum sollte man das tun?“ quittiert. Angesichts der Vielzahl der verkauften Tickets, muss es doch Gründe geben.

Wenn die Freundin nicht anruft

„Ich war im September 2004 in San Francisco und bin dort im Radio das erste Mal auf sie gestoßen“, berichtet der 36-jährige Berliner Oliver Schwesig, der tatsächlich drei Tage vorm Heiligen Abend ein Date mit Coldplay in der O2-World hat, von seinem Erweckungserlebnis. „Ich habe daraufhin gleich ihr erstes Album, ,Parachutes’, gekauft. Daheim war ich noch im Westcoast-Träumerei-Feeling, und als ich die CD auflegte, platzte diese Zeile in meinen Kopf: ,Look at the stars/ See how they shine for you’. Das hat mich umgehauen. Dass dieses ganze Theater am Nachthimmel eigentlich nur für einen selbst veranstaltet wird – schau dir an, wie die Sterne für dich scheinen. Ganz groß!“

Die Natur und die Seele, der Himmel und die Weltharmonie – Friedrich Gottlieb Klopstock, Wegbereiter des Sturm und Drang und 1803 mit 78 Jahren in Hamburg verstorben, wäre entzückt gewesen.

Chris Martin, Jonny Buckland, Will Champion und Guy Berryman lernten sich Mitte der Neunziger am University College in London kennen, gründeten ihre erste Band und starteten ihre Karriere als Coldplay ein paar Jahre später im Windschatten von Radioheads Erfolgsalbum „OK Computer“. Während die Arbeiterkinder und Brit-Pop-Helden Oasis seinerzeit auf Hedonismus machten und in der Downing Street mit Tony Blair Champagner tranken, weil sie New Labour wohl für ein hippes Arbeitsbeschaffungsprogramm hielten, übte die Studentenband aus Oxford Kapitalismuskritik, sang von Entfremdung und Identitätsängsten.

Harter Stoff, den Adepten wie Travis und Coldplay schließlich weichspülten – der Leidensdruck blieb erhalten, doch die Lieder spielten bei ihnen im privaten Bereich. Die Freundin hatte einen Anderen oder rief einfach nicht zurück.

Beethovens erste Sinfonie fängt so an

Das Coldplay-Debüt „Parachutes“ von 2000 war ein Riesenerfolg, doch zu Überlebensgröße wuchs die Band erst zwei Jahre später mit dem Nachfolger „A Rush Of Blood To The Head“. Die Songs handelten zwar erneut von Beziehungen und dem, was das weiße Mittelklassekind „Probleme“ nennt, doch der Sound war größer geworden, der Tenor von Sänger Chris Martin strahlte heller und jedes larmoyante Lamento klang plötzlich wie eine Hymne.

„Das Album startet mit einem Septakkord, den man normalerweise einsetzt, um etwas aufzulösen, nicht um etwas zu beginnen“, erklärt Oliver Schwesig, Musikredakteur beim Deutschlandradio. „So was hatte ich vorher in der Rockmusik noch nie gehört. Beethovens erste Sinfonie fängt so an.“

Chris Martin engagierte sich sozial, wurde zur Stimme der Entwicklungshilfe-Organisation Oxfam, und plötzlich ging es um mehr, als die Freundin, die nicht zurückrief. Zumal die jetzt Gwyneth Paltrow hieß und kurz zuvor selbst den gegen Oscar-Preisträgerinnen immunen Indie-Jungs in Wes Andersons „The Royal Tennenbaums“ den Kopf verdreht hatte. Chris Martin, dieser schüchtern anmutende Schluffi im langärmeligen T-Shirt, dieser Nichtraucher und Nichttrinker mit dem Jungsgesicht und den über der Stirn dünner werdenden Haaren hatte all die Hollywood-Beaus und Megastars ausgestochen und sich eine Filmdiva geangelt.

Eine britische Band, die in den USA geliebt wird

Zu Hause in Großbritannien feierte man. Endlich wieder eine British Invasion. Obwohl – so richtig britisch sind Coldplay ja eigentlich nicht. Kein Klassenbewusstsein, kein Ladism, kein Humor, kein Kunstschulensnobismus, keine Pöbelei. Und genau deswegen wurden sie nach dem Electric Light Orchestra die erste englische Band, die man auch in den USA liebt.

Der einzige Superlativ, der Kritikern zu Coldplay noch einfiel, war der Vergleich mit der irischen Über-Band U2, weil es ihnen ähnlich gut gelang, aus Pathos Gold zu spinnen. Sie gewannen zwei Grammys, füllten Stadien, verkauften von „A Rush Of Blood To The Head“ 13 Millionen Exemplare, und das Pianomotiv ihrer Single „Clocks“ war mindestens so präsent wie der Sound, den man beim Hochfahren von Microsoft-Windows hörte.

Wenn es nicht mehr läuft, klingeln sie bei Brian Eno

Diese absteigende Akkordfolge wurde ihr Markenzeichen – und ihr Schicksal. Denn viele Lieder ihres nächsten Albums „X&Y“, für das sie insgesamt anderthalb Jahre im Studio verbrachten, bedienten sich sehr ähnlicher musikalischer Mittel. Auch wenn alles noch größer klang, noch mehr auf Wirkung schielte, hatte man den Eindruck, musikalisch habe die Band nicht mehr viel zu sagen. Musste sie aber auch nicht. Die Marke war etabliert – der Coldplay-Sound, das Coldplay-Gefühl. Die Fans kauften, die Kritiker maulten, und Chris Martin war froh, dass niemand mehr schrieb, er wäre der nächste Bono.

Einen Trick haben Coldplay aber trotzdem bei U2 geklaut: Wenn es nicht mehr läuft, ruft man Brian Eno an. Der vornehme britische Avantgardist ist so eine Art Steve Jobs des Pop – man nennt ihn einen Visionär, aber er produziert auch für die Mediamarkt-Kundschaft. Unter seiner Ägide entstand das Album „Viva la Vida Or Death And All His Friends“, auf dem es Coldplay gelang, die alten Zeiten hinter sich zu lassen. Kein großes Klavier, keine im Pathosschmelz badende Gitarre, dafür flirrende Synthesizer und taghelle Streicher. Es klang fast so, als wäre die Band nach einer langen Odyssee heimgekommen.

Die Antithese zu U2

Ein Abenteuer für Leute, die vorsichtig sind bei ersten Dates. Aber kein allzu großes, die Melodien waren immer noch hübsch, die Texte von Melancholie durchzogen. Auf dem aktuellen Album „Mylo Xyloto“ setzen Coldplay diesen Weg – wieder mit Brian Eno – konsequent fort. Nette leichte Popsongs über das Leben und Lieben hört man da, die – wenn da nicht dieser Gastauftritt von Rihanna bei einem Stück wäre – wirklich an keiner Stelle darauf hindeuten würden, dass dies die zurzeit größte Band der Welt ist.

Aber vermutlich ist genau das mittlerweile ihr Geheimnis. Coldplay sind die Antithese zu U2, sie haben kleine Lieder statt großer Gesten, sie spielen keinen Stadionrock, sondern Musik für den Abend im liebevoll gediegen eingerichteten Wohnzimmer auf der Manufactum-Couch. Eine Form von neuer Gemütlichkeit vielleicht, Cocooning fürs Ohr. Kein Wunder also, dass man den Coldplay-Fan in der Öffentlichkeit kaum antrifft. Er genießt privat – selbst, wenn er mit 200.000 Gleichgesinnten Seite an Seite in einer riesigen Halle steht.

Termine: 20. Dezember Frankfurt/M., 21. Berlin