John Lautner

Das futuristische Wohn-Ufo vom Hollywood Hill

Filmemacher lieben seine Bauten als Kulisse, Schauspieler bewohnen sie gerne. Dabei wurde der Architekt John Lautner Anfangs nur verspottet.

Die wenigsten Menschen haben jemals eines der Häuser von John Lautner betreten – doch bekannt sind sie den meisten. Das liegt nicht zuletzt daran, dass der vor 100 Jahren geborene und 1994 verstorbene Architekt fast ausschließlich Privathäuser gebaut hat – die allerdings oft in berühmten Filmen vorkommen.

So zum Beispiel in den James-Bond-Verfilmungen „Moonraker“ und „Diamantenfieber“, in „Body Double“ von Brian De Palma, in „The Big Lebowski“ von den Coen-Brüdern und in jüngerer Zeit in dem hypergestylten Erstlingswerk „A Single Man“ des Modedesigners Tom Ford . Filmemacher und Schauspieler schätzen die Lautner-Villen in Los Angeles wahrscheinlich wegen genau dieser ungewöhnlichen Kombination aus Intimität und Glamour.

Lautners Häuser sind ein Symbol für L.A.

Auch die Villa der Schauspielerin Kelly Lynch („Cocktail“, „Drugstore Cowboy“) diente bereits als Drehort für Spielfilm-, Fernseh- und Werbeproduktionen. 1998 kauften Lynch und ihr Ehemann, der Produzent und Drehbuchautor Mitch Glazer („Lost in Translation“, „Der Einsatz“), die verfallende, 1950 erbaute Harvey Residence in den Hollywood Hills und sanierten sie in mühevoller, detailverliebter Kleinarbeit.

„Wenn wir uns das Haus damals leisten konnten, dann nur, weil es erstens in sehr schlechtem Zustand war und zweitens Lautner noch nicht den Kultstatus hatte, den er mittlerweile hat“, erzählt Lynch und führt den Besucher durch einen kreisförmigen, weitläufigen Eingangsraum, dessen rundes Dach eine einzige, versetzte Säule trägt, aus deren Haupt Balken sprießen und konzentrische Kreise abgehen.

Heute sind Lautners Häuser eine Art Symbol für Los Angeles, eine Stadt, in der private Wohnhäuser meist architektonisch wesentlich aufregender sind als öffentliche Gebäude. Schließlich spielt sich in L.A. das Leben generell mehr im privaten Bereich und im Auto ab als im öffentlichen Raum.

Er baute Häuser wie eine Höhle

Bevor Lautner 1939 sein eigenes Studio in Los Angeles eröffnete, ging er sechs Jahre bei dem Architekten Frank Lloyd Wright in die Lehre, der als Gründer der „organischen“ – also naturnahen – Architektur gilt. Wright bezeichnete seinen ehemaligen Mitarbeiter anerkennend als „zweitbesten Architekten der Welt“.

Genau wie seinem Lehrmeister ging es auch Lautner darum, zuerst das Umfeld seiner Gebäude zu begreifen – und dann in seiner Architektur auf die Besonderheiten der Umgebung einzugehen. Und genau wie Wright beschäftigten ihn simple geometrische Formen wie Kreis und Dreieck in ihrem Verhältnis zu den freien Linien der Natur. Lautners Architektur steht – fast noch mehr als Frank Lloyd Wrights – für einen fließenden Übergang zwischen umgebender Natur und gebautem Innenraum.

Und für eine Kombination aus intimem Wohnbereich und dramatischer Lage. „In fast allen Lautner-Häusern fühlt man sich geborgen wie in einer Art Höhle – aber einer Höhle mit herrlichem Ausblick“, sagt Kelly Lynch und deutet auf die gläserne Wand, durch die sich ein atemberaubender Blick über die endlos scheinende kalifornische Millionensiedlung auftut.

Lautner findet Los Angeles hässlich

Viele der Lautner-Villen liegen hoch oben auf den Anhöhen und Hügeln von Los Angeles. So auch sein berühmtestes Werk, das achteckige Chemosphere House, das ebenfalls von nur einer einzigen Säule gestützt wird. Von dort blickt sein heutiger Besitzer, der deutsche Verleger Benedikt Taschen, auf das San Fernando Valley, als säße er viel eher in einem Vogelhaus oder einer fliegenden Untertasse denn in einer Höhle.

Doch ob Vogelhaus, Ufo oder Höhle: Auch das Chemosphere House drückt dieses Verlangen nach Rückzug und Freiheit von allen Konventionen aus, das Lautners Architektur so symbolisch für diese Stadt macht. Lautners Name ist heute untrennbar mit Los Angeles verbunden, dabei äußerte sich Lautner selbst, geboren am 16. Juli 1911 in Michigan, immer wieder negativ über das Erscheinungsbild der Stadt.

Das gipfelte in dem Satz, Los Angeles sei so hässlich, dass es ihn ein Jahr lang körperlich krank gemacht habe, als er 1937 hierher zog. Vielleicht wirken seine Bauten deswegen wie Orte des Rückzugs, die Zuflucht vor der Hässlichkeit bieten.

Zuerst war er wenig erfolgreich

Öffentliche Aufträge erhielt Lautner anfangs auch deswegen nicht, weil er lange Zeit kein anerkanntes Diplom besaß. Umso verwunderlicher ist, dass es nicht die Planung eines Privathauses, sondern eines Cafés war, die zu einer Zäsur im Werk des Architekten führte.

Sein mittlerweile abgerissener Googie Coffee Shop aus dem Jahr 1949 wurde zum Namensgeber für die „Googie Architecture“: einen verspielt futuristischen Stil, der so stark an Stromlinien und Science-Fiction erinnert, dass er der Zeichentrickserie „Die Jetsons“ entsprungen scheint. Zwar prägte der hundertfach kopierte Googie-Stil das Amerika der 1950er-Jahre – doch von der seriösen Architekturszene erntete Lautner nur Spott, die Aufträge blieben aus, seine Karriere schien zu Ende.

Das Comeback gelang ihm erst Anfang der 1960er-Jahre: mit dem Chemosphere House, das die Encyclopaedia Britannica damals zum „modernsten Haus der Welt“ erklärte. Lautner wurde wieder ernst genommen und zum Vertreter eines Stils, der als Mid-Century Modern oder Californian Modern Style in die Geschichte einging.

Sean Connery drehte in seinem Bau James Bond

Dabei handelt es sich um eine lokale Spielform der Moderne, die dank Lautner und seiner zeitgenössischen Architektenkollegen, darunter die gebürtigen Österreicher Rudolf Schindler und Richard Neutra, in die Wohnviertel der kalifornischen Vorstädte Einzug hielt.

Lautners zweitberühmtester Bau liegt über der Wüstenstadt Palm Springs, 180 Kilometer östlich von Los Angeles. Hier musste sich Sean Connery als James Bond in „Diamantenfieber“ mit zwei weiblichen Auftragskillern in Bikinis balgen. Das Elrod House steht in einer „gated community“ – einer abgesperrten Siedlung – und kann nicht mal von außen besichtigt werden.

Allerdings kann man es mieten – für 3000 Dollar die Nacht. Auch hier wieder ein rundes Dach, das wie ein gestrandetes Raumschiff im Berghang steckt und in den Wüstenhimmel ragt. Massive Felsen dringen bis in den Wohnraum ein, per Knopfdruck öffnen sich gläserne Wände zum Swimmingpool – dahinter die kahlen Bergen und die kalifornische Wüste.

Lautners Häuser stehen für Partysucht

Doch zu Lautners Lebzeiten galt das Haus nicht als gelungene Symbiose von Raum und Natur, sondern viel mehr als Symbol für die Exzesse Hollywoods. „In vielen Filmen werden die Lautner-Villen von unverheirateten, oft größenwahnsinnigen Bösewichten bewohnt. In Wahrheit aber sind sie von ihrem Grundriss her viel eher für die typisch amerikanische Zweikindfamilie geplant“, sagt Lynch.

Ihr eigenes Haus stelle da eher eine Ausnahme dar, denn ihr Mann und sie hätten bis heute nicht herausgefunden, wozu man das riesige, runde Vorzimmer nutzen sollte – außer um dort Partys zu feiern. Überhaupt scheint es, als wäre das Dasein als Party-Location lange Jahre hindurch das Schicksal vieler Lautner-Villen gewesen. Reiche Hollywood-Jungstars kauften oder mieteten sie, nur um darin rauschende Feste zu feiern – und sie danach verfallen zu lassen.

Lynch und Glazer retteten die Harvey Residence vor der Abrissbirne und investierten mehr in deren Renovierung, als sie für ihren Erwerb bezahlten. Über den Einsatz und die Sanierungsarbeiten des Paares berichtete damals das Magazin „Vanity Fair“, was mit Sicherheit dazu beitrug, dass den beiden für ihr Haus inzwischen bereits mehr als das Zehnfache des ursprünglichen Kaufpreises geboten wurde.

Die Eroberung des Westens

Nicht zuletzt durch diese Berichterstattung rückten Lautners Häuser wieder in das Bewusstsein der interessierten Öffentlichkeit – seine Werke wurden allmählich zum Mythos. Lautners Architektur spiegelt einerseits das beginnende Raumfahrtzeitalter mit seiner enthusiastischen Fortschrittsbegeisterung wider, und andererseits stehen sie sinnbildlich für die noch junge Geschichte der Eroberung und Besiedelung des Westens, speziell Südkaliforniens.

Eine Geschichte, die mit dem Einsatz von Technik in Gestalt von Autos, Flugzeugen, Strom- und Wasserleitungen untrennbar verbunden ist – und die von bewässerter Wüste und gezähmter Wildnis erzählt. „Lautners Umgang mit Raum, Licht und Natur macht das Wohnen in diesem Haus zum Vergnügen und zur Quelle der Inspiration; selbst wenn es immer wieder etwas gibt, was repariert oder saniert gehört“, sagt Lynch, während die inzwischen tief über dem Pazifik stehende Sonne die runden, holzgetäfelten Räume mit ihrem Schein flutet.

Das Dach ist undicht

Auch andere Bewohner von Lautner-Villen klagen viel über undichte Dächer, springende Glaswände oder marode Verkleidungen. „Benedikt Taschen verglich das mit einem Oldtimer“, sagt Mitch Glazer, „alles ist viel schwieriger und aufwendiger; doch ein Mercedes von 1955 hat eben auch mehr Persönlichkeit als ein neuer.“

Und Kelly Lynch fügt hinzu: „Das viele Geld, die viele Arbeit, die wir investiert haben und immer noch investieren, macht sich in jedem Fall bezahlt. Der vorige Besitzer hatte das Haus mit Möbeln im Biedermeier- und Empirestil vollgerammelt. An den Wänden hingen dicke Stofftapeten und an den Fenstern schwere Vorhänge, die vor dem Eindringen von Licht und Natur schützen sollten.“ Doch jeder kleine Schritt zurück zum Originalzustand erzeuge ein Glücksgefühl in ihr.