Musical

Die Streisand ist eigentlich ein schwuler Florist

Mit "On a Clear Day" versucht der Broadway, ein Musical mit Barbra Streisand zu reanimieren. "Terrible" ist noch eines der nettesten Verdikte.

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Wir haben es immer gewusst: Barbra Streisand ist eigentlich ein schwuler Florist. So wollen es jedenfalls die Bearbeiter, die Burton Lanes und Alan Jay Lerners Musical „On a Clear Day You Can See Forever“ jetzt verschlimmbessert haben. Als das am Broadway 1965 uraufgeführte, fünf Jahre später mit der Streisand und Yves Montand verfilmte Stück herauskam, sagte man: tolle Songs und ein moderner Stoff!

Da geht es um Reinkarnation und Psychoanalyse: Eine Engländerin träumt sich auf der Doktorcouch ins 19. Jahrhundert zurück, wo sich der smarte Psychiater selbstredend in sie verliebt. Aber irgendwie hob die Chose damals nicht ab. Schon nach 280 Vorstellungen schloss sich der Vorhang. Und auch im Kino rockte es nicht, trotz Cecil Beaton als Ausstatter und dem schrillen Royal Pavilion in Brighton als Kulisse.

Jetzt sollte das schwache Stück mit der starken Musik für ein vieldiskutiertes New Yorker Revival aufgepeppt werden. Und deshalb wollte man möglichst zeitgeistig die im Film von Barbra Streisand gespielte Studentin in einen New Yorker Blumenbinder verwandeln, der gleichgeschlechtlich liebt und eine reinkarnierte Forties-Jazzsängerin aus Ohio ist. In die soll sich selbstredend trotzdem weiterhin der Psychiater verlieben. Der wird aktuell zudem gespielt vom supermännlichen und selbstgefälligen Harry Connick Jr.

Doch die neue Produktion von „On a Clear Day“ with a twist scheint megamäßig gefloppt. Solche hämischen Verrisse (zum Teil schon, gegen alle Presseregeln, vor der Premiere) erhielt nicht einmal der über Monate lustvoll bei technischen und konzeptuellen Abstürzen beobachtete, inzwischen aber an der Kasse ganz ordentlich flatternde „Spider-Man“ .

„Terrible“ war noch eines der nettesten Verdikte. Und nach dieser von der gesamten Presse geteilten Diagnose kann dem fehlgeleiteten, sexuell abirrenden Bühnenpsychiater wohl nicht einmal mehr ein Showdoktor helfen, einer jener Spezialisten, die gestrauchelte Broadway-Inszenierungen wieder auf Linie bringen sollen. Ob diese Produktion wohl Weihnachten erlebt?

Ein Gutes hat freilich dieser schwule Mega-Misserfolg, der kein schrill mit den Pailletten schunkelnder „Käfig voller Narren“ wurde. Andernfalls wären wir wohlmöglich mit einer Vielzahl vermeintlich in ihren Geschlechterrollen modernisierten und angeschärften Musical-Klassikern gequält worden. Denn wenn am Broadway ein Rezept funktioniert, wird es hemmungslos reproduziert und variiert. So funktioniert eben kommerzielles Theater.

Aber „Annie Get Your Gun“ als Western-Lesbenspektakel (als ob es das nicht schon unterschwellig wäre …), „West Side Story“ mit zwei Kerlen, „Boy Crazy“ statt „Girl Crazy“, „My Fair Lord“ statt „My Fair Lady“ und „The Sound of Music“ mit Maria von Trapp als Kindsverführerin, das muss nicht wirklich sein. Wo doch – „Glee“ sei Dank – selbst das Broadway-Publikum längst nicht mehr so hemmungslos schwul ist wie früher.