Cenk Batu vs. Ken Duken

Mienenkrieg im Terror-"Tatort" hat Klassiker-Potenzial

In seinem vorletzten Fall wird Mehmet Kurtulus im Hamburger "Tatort" in eine Terrorzelle eingeschleust. Kein leichter Krimi, aber mit eindrucksvollen Momenten.

Foto: dapd / dapd/DAPD

Sagt ein Islamist zum andern: „Wenn du einen Krieg gewinnen willst, musst du lernen, in Bildern zu denken.“ Krieg, das hat selbst der deutsche Islamist gelernt nach 9/11, gewinnt man nicht mit Bomben, sondern mit Bildern von den Folgen der Bomben, mit Medien, die Bilder um die Welt jagen wie zum Beispiel das vom Hamburger CCH.

Schwer angeschlagen, zur Seite geneigt, so stellt sich der Islamist das vor, steht es da nach dem schwersten Anschlag in Europa seit Madrid 2004. Den hat er geplant, sagt er dem Islamisten, der, was er nicht weiß, nur ahnt, ein verdeckter Ermittler ist, den erfahrene Tatortler als Cenk Batu kennen. Eine Bombe explodiert im achten Stock, fantasiert er, während unten ein Treffen der Afghanistanehemaligen stattfindet, es gibt Hunderte von Toten. Auf die kommt es ihm aber nicht an. Er bombt nur der Bilder wegen. Sagt er. Er will sich einbrennen auf die Netzhäute der westlichen Welt. Und den Krieg am Hindukusch an der Elbe gewinnen.

Der Islamist ist Deutscher. Gutbürgerlich aufgewachsen in Volksdorf oder Eppendorf, da wo es ganz besonders idyllisch ist in Hamburg. Jetzt weist er anderen Islamisten, dem Pakistani in seiner Terrorzelle zum Beispiel, dem einzigen der Gruppe, den nicht der zweite spirituelle Bildungsweg auf den Pfad Mohammeds getrieben hat, gern den Weg ins islamische Paradies. Ins Märtyrertum. Er hat eine Mission. Die hat mit dem Islam weniger zu tun, als mit seinem Ego. Das ist groß. Der Mann ist klug, superintelligent, einsam und gebrochen, ein Charismatiker, eine lächerliche und eine gefährliche Existenz.

Eingeschleust in die Terrorzelle

Christian Marschall heißt der Islamist, ausgerechnet Christian, von seiner Schwester genannt Chrissi. Ken Duken spielt ihn. Er ist der Gegenspieler, auf den man im Hamburger „Tatort“ für den verdeckten Ermittler Cenk Batu alias Mehmet Kurtulus ziemlich lange gewartet hat.

Den hat das BKA eingeschleust in Marschalls Hamburger Terrorzelle. Er hat wieder einmal alles hinter sich lassen müssen, eine neue Liebe, seine alte leere Wohnung, sich selbst. Verleugnet sich, lebt eine neue Existenz, einen neuen Namen wie Marschall, sein neuer Bruder. Einen Bart hat er sich wachsen lassen für die Moschee. Verzweifelter, melancholischer noch als sonst sieht er aus. Mürrisch und traurig, ein Kapitän Ahab, dem man den weißen Wal weggenommen hat, bevor er harpunieren konnte. Verfolgt, beobachtet wird ständig. Vom neurotisch misstrauischen Marschall und mindestens fünfzig BKA-Leuten. Trotzdem oder gerade deswegen ist er einsam, einsamer noch als bisher.

Cenk Batu, der verdeckte Ermittler, war schon immer der einsamste, der heimatloseste aller Ermittler, im „Tatort“-Kanon und auch so. Jeder Fall, eine neue Identität, ein neues Leben, ein neues Outfit, mal Anzug, mal taubenblaues Kunstledersakko, mal schlimmer Oberlippenbart, mal gewaltige Gesichtesmatte.

Jeder Fall, neu, anders und aufregend erzählt, anders und aufregend in der Bildsprache. Ein Büro, da wo es sich die Kölner oder die Münchner Kollegen kuschelig machen zur Befragung, wird er nie bekommen, sein Büro ist das Hotelzimmer fürs Einbimsen neuer Persönlichkeiten. Keine Abspannrituale, keine Currywurstexzesse am Rheinstrand, keine Frotzeleigewitter mit Partner. Ständig muss er sich, fest sitzend zwischen den Stühlen und in immer neuen Wohnungen, neu erfinden, rechtfertigen für seine Herkunft, muss er sich (gerade in diesem, seinem fünften Fall) windmühlenflügelkämpfend und eigentlich wider Willen sich gegen Islamklischees wehren.

Er wird gepiesackt von Arbeitgebern, er wird – von Christians Vater – mit Sarrazin -Pfeilen beschossen. Cenk redet sich darüber in Rage und für seine maulfaulen Verhältnisse geradezu den Mund fusselig, dass Selbstmord im Koran Sünde ist, dass der Islam sich nicht über andere Religionen erhebt, dass der Islam liberal ist.

Der Mienenkrieg hat das Zeug zum Klassiker

Liberaler vielleicht als der gemeine deutsche „Tatort“-User. Der mag – scheinen jedenfalls Cenks Quoten zu sagen – keine Heimatlosen, vielleicht auch keine Türken, keine Ermittlungserzählexperimente. Und man kann möglicherweise Kriege in der wahren Wirklichkeit mit neuen Bildern gewinnen, Quotenkriege am deutschen Sonntagabend gewinnt man mit ihnen nicht.

Schade eigentlich. Was möglich ist mit dieser Figur, führen Kurtulus, Regisseur Lars Becker und Autor Alexander Adolph sehr entspannt, sehr konzentriert und ohne inszenatorische Mätzchen vor. Sie entlarven im Nebenbei, ohne jegliche Themenabendhaftigkeit die gefährliche Lächerlichkeit der Selbstmordattentäter in spe und die verkantete Integrationssituation in Deutschland, fehlgeleitete, festverwurzelte Islamklischees und grotesken Antiamerikanismus.

Dazwischen immer Cenk. Er muss sich nach allen Seiten vorwärtsverteidigen und wird zunehmend mürbe. Kurtulus bringt für diese Zwischenallenstühlenexistenz die ideale Konstitution mit, hat eine geradezu chamäleonhafte physische Präsenz. Er bewegt sich konzentriert, federnd wie ein Panther, hat in einer Augenbraue mehr mimische Ausdruckskraft als Til Schweiger, sein Nachfolger im Hamburger „Tatort“-Revier, im ganzen Gesicht. Der Mienenkrieg zwischen ihm und Duken hat das Zeug zum Klassiker. Im März wird Cenk zum letzten Mal in die Einsamkeit des V-Manns geschickt. Dann ist Schluss, dann ist er – weiß die „Bild“-Zeitung, tot. Und wir werden ihn vermissen. Einen Kranz haben wir schon bestellt.

"Tatort" – Der Weg ins Paradies. ARD, Sonntag, 20.15