Bayreuth

Prozess-Krieg um Wagners Kompositionsklavier

Die Städte Bayreuth und Leipzig kämpfen um das Klavier, das Bayernkönig Ludwig II. Richard Wagner schenkte. Jetzt klagt auch noch eine Wagner-Erbin.

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Als Bayerns König stirbt und sein junger Sohn den Thron besteigt, ist Richard Wagner mal wieder auf der Flucht. Seine Gläubiger drohen mit Schuldhaft, Wagner muss bei Freunden untertauchen – nicht zum ersten Mal. Doch am 3. Mai 1864 geschieht ein Wunder: Der neue König Ludwig II. lässt Wagner nach München kommen und sagt ihm, dass er sich um Geld keine Sorgen mehr machen soll. Der 18 Jahre alte Monarch liebt Wagners Musik, er zahlt die Rechnungen, überhäuft ihn mit Geschenken und kauft ihm ein neues Tafelklavier, das er bei der Firma Bechstein bestellt und Wagner zum 51. Geburtstag schenkt.

Das Klavier gibt es heute noch. Es trägt mittlerweile ein Messingschild mit der Aufschrift: "Gebaut für Richard Wagner im Jahre 1863 – Repariert im Jahre 1925". Der Meister komponierte darauf Musik für einige seiner Hauptwerke, für die "Meistersinger", für "Siegfried", für "Götterdämmerung", für "Parsifal".

Das Instrument gehört zu den wichtigsten Exponaten des Richard-Wagner-Museums in Bayreuth im Haus Wahnfried. Es erwartete Besucher bisher immer gleich in der Eingangshalle. Im Moment ist das Museum wegen Renovierungsarbeiten geschlossen. Wenn es im Jubiläumsjahr 2013 neu eröffnet wird, soll das Klavier wieder einen Ehrenplatz erhalten. Wenn es dann noch da ist.

Doch das weiß im Moment keiner so genau. Hinter den Kulissen tobt nämlich ein peinlicher Rechtsstreit um Wagners Tafelklavier. Die beiden konkurrierenden Wagner-Städte Bayreuth und Leipzig stehen sich gegenüber, es geht um gebrochene Zusagen und sehr viel Prestige. Leipzig behauptet: Das Klavier gehört gar nicht der Villa Wahnfried, sondern Leipzig, und dorthin solle es auch wieder gebracht werden. Jetzt mischt sich auch die Wagner-Familie ein: Iris Wagner, Urenkelin des Komponisten, hat Klage gegen die Bayreuther Wagner-Stiftung und die Stadt Leipzig eingereicht.

Zunächst erbte es Siegfried Wagner

Das Kompositionsklavier hat eine rätselhafte Geschichte. Klar ist, dass sich das Instrument nach Richard Wagners Tod zunächst im Besitz seines Sohnes Siegfried und später von dessen Witwe Winifred befand. Winifred schickte es Anfang der 40er-Jahre mit einer Spedition namens Kraus & Pabst nach Leipzig, wo es ein Mitglied der Klavierbauerfamilie Bechstein reparieren sollte. Doch in den Kriegswirren verlor sich die Spur. Jahrzehntelang blieb es verschollen, und die Bayreuther Wagner-Familie unternahm keinen Versuch, bei der DDR-Führung nach dem Verbleib zu fragen.

Erst 1998 tauchte das Instrument wieder auf: im Musikinstrumentenmuseum zu Leipzig. Sven Friedrich, Direktor des Bayreuther Wagner-Museums, erkannte es dort. Es soll buchstäblich vor sich hin gestaubt haben. Wussten die Leipziger nicht, welchen Schatz sie da hatten, trotz des Wagner-Messingschilds? Wo war das Instrument vorher? Auch die Gerichte, die sich jetzt mit der Sache befassen, werden das wohl nicht klären. Bayreuths Museumsdirektor Friedrich jedenfalls holte das Klavier 1999 in die Villa Wahnfried. Leihweise.

Leipzig gewann in erster Instanz

In dem von Bayreuth unterschriebenen Leihvertrag wird das Klavier als "Eigentum des Stadtgeschichtlichen Museums Leipzig" bezeichnet. Doch als der Vertrag nach zehn Jahren auslief, weigerte sich die Wahnfried-Leitung plötzlich, das Klavier wieder herauszugeben. Leipzig klagte gegen die Wagner-Stiftung, die Trägerin des Wahnfried-Museums, und bekam im Sommer dieses Jahres in erster Instanz recht. Derzeit läuft das Berufungsverfahren.

Nun könnte eine Nachfahrin des Komponisten die Wende bringen. Wie das Landgericht Leipzig Morgenpost Online mitteilte, hat Iris Wagner, Tochter des verstorbenen Wagner-Enkels Wieland Wagner, am 14. November 2011 eine sogenannte "Hauptinterventionsklage" eingereicht (Az: 1U1071/11). Gegen beide Streitparteien gleichzeitig, also die Wagner-Stiftung Bayreuth und die Stadt Leipzig.

Sie will gerichtlich feststellen lassen, dass sie, ihre Geschwister (mit Nike Wagner) und die anderen drei Zweige der Wagner-Dynastie (darunter die Festspielleiterin Katharina Wagner) das Tafelklavier geerbt hätten und es deshalb weder Bayreuth noch Leipzig, sondern der Familie gehöre. Sobald das geklärt ist, wollen die Erben das Klavier dann der Bayreuther Wagner-Stiftung schenken, damit es wieder in Wahnfried stehen kann. Sowohl die Wagner-Stiftung als auch Iris Wagner lehnten eine Stellungnahme ab.

Vielleicht melden sich noch die Wittelsbacher

Die Stadt Leipzig pocht auf das Prinzip "Pacta sunt servanda", Verträge müssen eingehalten werden. Und im Leihvertrag von 1999 steht eben, dass das Klavier Leipzig gehört. Hans-Georg Fieseler, Justiziar des Leipziger Kulturdezernats, sagt: "Gerade für den Museumsbereich gilt: Wenn man sich nicht mehr darauf verlassen kann, dass Verträge eingehalten werden, wäre das eine schlimme Entwicklung." Man habe Bayreuth sogar einen neuen Leihvertrag angeboten, wenn dafür das Eigentum der Stadt Leipzig anerkannt worden wäre. "Warum die Gegenseite dem nicht zugestimmt hat, können wir uns alle nicht erklären."

Iris Wagners Klage kann nun auch wieder die Instanzen durchlaufen. Die Sache zieht sich also. Und wer weiß, vielleicht schaltet sich ja auch noch das Haus Wittelsbach ein. Die Nachfahren Ludwigs II. könnte n argumentieren, das Klavier gehöre eigentlich ihnen, weil ja überhaupt der ganze Richard Wagner ihnen gehöre. Der Meister selbst schrieb 1864, im Jahr des Klaviergeschenks also, an den jungen König: "Und dieses Leben, sein letztes Dichten und Tönen gehört nun Ihnen, mein gnadenreicher junger König; verfügen Sie darüber als über Ihr Eigentum!"