"Wader Wecker Vaterland"

Deutsches Liedgut zwischen DKP, Terror und Kokain

| Lesedauer: 6 Minuten
Eckhard Fuhr

Die Doku "Wader Wecker Vaterland" zeigt, wie die grundverschiedenen Liedermacher Hannes Wader und Konstantin Wecker gemeinsam auf Tour gingen.

Sie gehen auf die Siebzig zu. Hannes Wader, Jahrgang 1942, steht kurz davor, Konstantin Wecker ist fünf Jahre jünger. Für den Regisseur und Drehbuchautor Rudi Gaul, geboren 1982, gehören die Protagonisten seines Dokumentarfilms also der Vätergeneration an. Sie wären in seinem Fall sogar schon ziemlich späte Väter gewesen. Ein Jungspund nimmt Ikonen des linken politischen Protests der alten Bundesrepublik in den Blick.

Die Dehnung des Generationenbogens hat Folgen für die Perspektive. Gaul muss sich nicht mehr an den 68er-Vätern abarbeiten wie seine älteren Geschwister. Er kann sie interessant finden, sie bewundern und sie sogar mit einer gewissen Zärtlichkeit ins Bild setzen – doch nehmen wir das Wort „Zärtlichkeit“ gleich wieder zurück, weil es einem im Zusammenhang mit Wader und Wecker und ihrer ganzen „Wut und Zärtlichkeit“-Folklore so leicht heraus rutscht.

Er produzierte schwülstige Phrasen

Von „ihrer“ Folklore zu reden, ist im Falle dieser beiden Sänger natürlich reine Bosheit. Sie gehören musikalisch und politisch zwar zum linken Traditionsgut, aber doch unterschiedlichen Welten an. Wader war der Asket, der gedrechselte hölzerne Botschaften mit möglichst geringem musikalischem Aufwand unter die Leute bringen wollte.

Wenn er da so stand, norddeutsch nüchtern, mit der Klampfe und dem hüpfenden Adamsapfel, da machte er immer den Eindruck, er wolle am liebsten im Bühnenboden versinken. Wecker war die bajuwarische Rampensau, traktierte einen Flügel und produzierte Schweiß und schwülstige Phrasen en gros.

Letztere knödelte er durch einen viel zu engen Hals, weshalb man den Eindruck hatte, er reiße Verse wie „Menschen müssen sich verändern, um sich selber treu zu sein, nur das Wechseln von Gewändern kann kein wahrer Wandel sein“ wie Eingeweide aus sich heraus.

Die beiden Musiker sind gegensätzlich

Bei Wader kommt ein ähnlicher Gedanke gerade aus gesungen und geklampft daher: „So vergeht Jahr um Jahr, und es ist mir längst klar, dass nichts bleibt, dass nichts bleibt, wie es war“. Mit anderen Worten: Wader und Wecker könnten gegensätzlicher nicht sein. Trotzdem gehen sie seit einiger Zeit gemeinsam auf Tournee.

Wie das funktioniert, obwohl es eigentlich nicht funktionieren kann, das allerdings beschreibt Rudi Gauls Film mit feinem Gespür für atmosphärische Nuancen, Situationskomik und auch die Nöte zweier in die Jahre gekommener politisch-musikalischer Zirkuspferde auf der Tour durch die Stadthallen der deutschen Provinz.

„Sag mir quando, sag mit wann, wann ich dich wiedersehen kann“ – Wecker möchte unbedingt, dass Wader mit diesem Schlager-Ohrwurm und entsprechendem Rumba-Hüftschwung auf die Bühne kommt. Wader leidet und bemüht sich redlich, den Gag präzise abzuwickeln. Bei seinen Auftritten gab es nie Gags, schon gar keine Selbstironie.

Wader klinkt sich in den rituellen Kreis ein

Und nun, da er aussieht wie ein gütiger Kaplan kurz vor dem Ruhestand, soll er mit wackelndem Hintern über die Bühne kaspern. Bei den Proben verpasst er immer wieder den Einsatz – und am Abend beim Konzert dann auch. Aber Wecker und Wader geben nicht auf. Zunächst wirkt alles so, als habe ein begeisterter Wecker einen widerstrebenden Wader im Schlepptau.

Schön gruselig ist die Szene, in der die Wecker-Crew kurz vor dem Konzert einen rituellen Kreis bildet, sich die Arme über die Schulter legt und – omm, omm – zum Klangkörper wird. Wader zögert zunächst, dann fasst er Mut und klinkt sich ein. Später im Verlauf der Tournee wird er sichtlich lockerer. Schließlich klappt es auch mit dem Schlager. Leider zeigt der Film wenig vom eigentlichen Konzertprogramm. Er setzt das Repertoir der beiden als bekannt voraus.

In seinen 90 Minuten muss er ja auch noch eine Menge mehr zeigen als ein psychologisches Kammerspiel, nämlich die Biografien der beiden Politsänger im Kontext der deutschen Zeitgeschichte sowie auch den Hafen des Privaten, in den sie nach all dem Stürmen und Drängen eingefahren sind, fürsorgliche Familienväter beide und Bewohner durchaus kleinbürgerlich-bescheidener Behausungen.

Wader verlor seine Glaubwürdigkeit

Das führt zu einem manchmal recht hektischen Wechsel der Schauplätze. Trotzdem bleibt genug Raum, die Irrwege und Lebenskrisen zu reflektieren. Wader trat 1977 in die DKP ein. Einige Jahre zuvor war er, der unwissentlich eine Wohnung an Gudrun Ensslin vermietet hatte, mit dem RAF-Terrorismus in Verbindung gebracht worden, was ihm über Jahre ein faktisches Auftrittsverbot bescherte.

Im Asyl der moskautreuen Kommunisten allerdings verlor er noch mehr: seine künstlerische und politische Glaubwürdigkeit. Schlimm seine Auftritte bei SED-Veranstaltungen in der DDR, wo er sich wie eine Trophäe vorführen ließ. Heute sieht Wader das mit Bitternis und fragt sich, wer er damals war, dass er gegen Atomkraftwerke im Westen protestierte, die im Osten aber für einen Segen hielt, weil sie „für die Menschen, nicht für den Profit“ gebaut worden seien.

Wecker war drogenabhängig

Von Parteien hielt sich Wecker fern. Er pflegte eher ein anarchisch-existenzialistisches Verständnis von Politik. Deshalb erlebte er auch keinen politischen, sondern einen persönlichen Höllensturz. Mitte der Neunzigerjahre war er tief in die Drogenabhängigkeit geraten, wurde mit zuviel Kokain im Gepäck verhaftet und beschäftigte wegen seiner Ehe mit einer sehr jungen Frau – die heute noch seine Ehefrau und die Mutter seiner Kinder ist – den Boulevard.

Anders als Wader war Wecker immer zuerst ein Mann des Showbussiness und erst in zweiter Linie „Polit-Sänger“. Er war der Star anpolitisierter Jura-Studentinnen. Das Publikum ist mit den beiden gealtert, aber offensichtlich ebenso unverdrossen wie sie. „Trotz alledem“, heißt die Parole. Es ist ja auch nicht ehrenrührig, für eine bessere, menschlichere Welt zu singen und sich ein bisschen an der Wut und an der Zärtlichkeit zu wärmen, die früher … na ja.