Günter Grass

Christa Wolf – "Von West-Journalisten hingerichtet"

Ein Gedenkabend für Christa Wolf wird zum Tribunal gegen ihre Kritiker. Von "Verleumdung" ist die Rede. Dabei hat Christa Wolf ihre Haltung zur DDR stets hinterfragt.

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Es gilt als ungeschriebenes Gesetz, über Tote nur Gutes zu sagen. Daran haben sich die Redner beim Gedenkabend für Christa Wolf in der Akademie der Künste in Berlin nicht gehalten. Denn die eigentliche Stärke der am Dienstag zu Grabe getragenen Schriftstellerin war ihre bohrende Selbstinfragestellung, ihr Leiden an sich selbst und damit auch an der Verstrickung in eine Vergangenheit, die nicht vergehen will.

Das Bild, das von dieser großen Unerlösten der deutschen Literatur an diesem denkwürdigen Abend gezeichnet wurde, war monolithisch, wie in Stein gemeißelt. Der Schriftsteller Christoph Hein gab hier den Ton vor: Eine „stolze Frau“ sei die Tote gewesen, eine „Patrona“, „in sich ruhend“. Zum guten Ton hätte es aber gehört, gerade das zu betonen, was trotz aller nachträglichen DDR-Affirmation zum Wesen von Christa Wolf gehörte: die schonungslose Selbstkritik, die rücksichtslose Selbstpreisgabe.

"Wir, angstvoll doch auch, dazu noch ungläubig"

Die Gedenkenden schirmten sich gegen jenen Teil ihres Werkes ab, der ihr die Nachsicht der Nachgeborenen vielleicht einmal sichern könnte. So schrieb sie in ihrem Buch „Was bleibt“, das 1979 entstanden ist, aber erst nach der Wende veröffentlicht wurde: „Wir, angstvoll doch auch, dazu noch ungläubig, traten immer gegen uns selber an, denn es log und katzbuckelte und geiferte und verleumdete aus uns heraus, und es gierte nach Unterwerfung und Genuss.“ Ein Eingeständnis der Anpassung, das drastischer nicht hätte ausfallen können.

Stattdessen formierte sich auf der Bühne eine Phalanx der Erinnerungsabwehr, die gegen einen Feind nachträglich mobil machte: den „West-Journalismus“. Die Debatte um Christa Wolfs Rolle in der DDR, die nach der Veröffentlichung von „Was bleibt“ im Juni 1990 ausgebrochen war und nach dem Bekanntwerden der zeitweiligen Stasizuarbeit der Autorin als „IM Margarete“ 1992 ihren Höhepunkt erreichte, wird in dieser Sicht zur „Hexenjagd“ (Daniela Dahn) der „Hechelsmeute“ (Friedrich Schorlemmer), zu „Kampf, Verleumdung, Geifer, Schmutz“ (Maria Sommer).

Den Gipfelpunkt dieser Umdeutung eines notwendigen Literaturstreits in einen Akt der Repression aber markierte der Auftritt von Günter Grass. Er verwandelte den Gedenkraum in ein Tribunal, dabei die Grenze des Geschmacklosen streifend an diesem Tag der Trauer.

„Westdeutsche Journalisten als Sieger der Geschichte“ – Grass nannte namentlich Frank Schirrmacher und Ulrich Greiner – hätten Christa Wolf „mit nicht endendem Wortschwall hingerichtet“. Diese öffentliche Hinrichtung sei mit „Niedertracht und Vernichtungswillen“ inszeniert worden, „berauscht vom Gratismut, der als Topfpflanze besonders in Redaktionsstuben gedeiht“.

Bis heute habe es keine Entschuldigung für diese „Infamie der Verletzung“ gegeben. Der Nobelpreisträger, selbst ins Gerede gekommen wegen seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS , reklamierte für seine Generation, nur die, die dabei gewesen seien, also die Täter, dürften die „gläubig eingeschlagenen Irrwege“ beurteilen.

Wie anders soll man seine Kritik verstehen, „Leute, die nie einer staatlichen Zensur ausgesetzt waren“, hätten zu schweigen im Fall Christa W.? Doch wie viele Bücher wären nie geschrieben, wie viele Debatten nie geführt worden, hätten sich Autoren und Journalisten an diese fragwürdige Maßregel gehalten? Es ist nicht anzunehmen, dass Christa Wolf solch eine Apologie gut geheißen hätte. Erleichtert schrieb sie am Ende ihres Buches „Was bleibt“: „Ich dachte: Es ist so weit. Die Jungen schreiben es auf.“