Abschied

Am Ende bedecken Rosen das Grab von Christa Wolf

Das andere Staatsbegräbnis: Bei der Beerdigung der Schriftstellerin Christa Wolf versammelt sich die kritische Intelligenz der DDR.

Der Himmel über Berlin ist am Dienstag geteilt: Aus dem Westen schieben sich sattgraue Regenwolken heran, im Osten flüchtet das Licht. Eine deutsch-deutsche Grisaille. Bis zum letzten Atemzug hat sich die Schriftstellerin Christa Wolf, am 1. Dezember im Alter von 82 Jahren gestorben, durch dieses Zwielicht getastet, ihre eigene Lebensgeschichte unter dem Zeichen des Antifaschismus auslotend, immer schuldbewusst, nie bereuend. Nun erhält sie allerletztes Geleit von Freunden, Weggefährten, Lesern.

Ein schwarzer Ring trotziger Trauer hat sich um die Kapelle des Dorotheenstädtischen Friedhofs in Berlin-Mitte gelegt; zur Begräbnisfeier eilen alle herbei, die mit ihr gekämpft haben um eine DDR, die so, wie sie nun herbeigewünscht wird, nie existierte. Gregor Gysi, Friedrich Schorlemmer und Hans Modrow dürfen zur Familie in die Kapelle, die Vorsitzende der Linkspartei, Gesine Lötzsch, bleibt draußen stehen im kaltnassen Wind. Sie ist heute „privat“ hier, als Leserin. „Ich habe Germanistik studiert“, sagt sie, unter den schwarzen Schirm geduckt, „‚Der geteilte Himmel‘ ist mir das liebste Buch. Das bleibt.“

Eine doppelte Trauerrede

In der Kapelle steht der kleine Sarg, voller roter Rosen, auch das ein Zeichen. Volker Braun spricht mit bewegter Stimme, während Günter Grass wie erstarrt in der Bank kauert. Dies ist eine doppelte Trauerrede, sie gilt der Repräsentantin und ihrem Staat, den sie auch nach seinem Untergang verteidigt hat, mehr denn je.

Braun zitiert den Barockdichter Paul Fleming und hebt ihr Schicksal ins Allgemeingültige: „Sei dennoch unverzagt! Gib niemals dich verloren! / Weich keiner Drohung nicht, steh höher als der Neid; / begnüge dich mit dir und halt es nicht für Leid, / wenn gegen dich sich Welt und Zeit verschworen. / Was dich betrübt und freut, das halte für erkoren, / nimmt dein Verhängnis an, lass alles unbereut! / Tu, was getan muss sein, und eh man dir’s gebeut! / Was du noch hoffen kannst, das wird dir noch geboren.“

Volker Braun erzählt von ihrem sanften Tod

Diese Hoffnung auf eine antikapitalistische, antifaschistische Republik soll nicht untergehen, auch nicht im wiedervereinigten Deutschland. Volker Braun erzählt von ihrem sanften Tod, „die Augen weit geöffnet, die Züge entspannt“. „Mein Körper entfernt sich von mir“, habe sie lange vorher gesagt, die Ahnung vom Ende, dass sie im Kreis ihrer Familie habe erleben dürfen. Ein anderes Leben habe sie nie gewollt: „Der selbstgewisse Westen war nicht die Alternative.“

Könne man ihr, die doch so weit zurück gegangen sei, bis zu den Mythen, dürfe man ihr das Hierbleiben vorwerfen? „Nun geht sie selbst in den Mythos ein“, sagt Braun mit einer raunenden Doppeldeutigkeit, die allen hier Versammelten aus dem Herzen spricht.

Dann singt der Bariton Matthias Görne Schuberts „Winterreise“, eine Klage über das Sterben von Liebe und Hoffnung: „Nun ist die Welt so trübe.“ Lautsprecher übertragen die Lieder nach draußen, in den Regen vor dem Portal mischen sich Tränen.

„Wohl noch nie hat so viel Liebe eine Tote zum Grab begleitet“, schließt Volker Braun, und eine Enkelin, die Journalistin Jana Simon, nimmt den Faden auf und beschwört ein anderes Bild von Christa Wolf, das Bild von der heiteren, gelösten Großmutter. „Immer hast du deine Strahlen gesendet.“ So habe sie bei all ihren existenziellen Kämpfen die „Anständigkeit“ bewundert, aber auch um ihre Gesundheit gefürchtet. Schließlich trifft auch Jana Simon den Ton, der unter dem neugeteilten Himmel so zielsicher vereint: „Jetzt sind wir allein, in geistferner Gegenwart. Du fehlst.“

Die Repräsentanten des neuen Staates sind der Repräsentantin der untergegangenen DDR auch an ihrem Grab nicht begegnet. Bundespräsident Wulff ließ einen Kranz schicken, ebenso der Regierende Bürgermeister. Am Grab spricht Pfarrerin Ruth Misselwitz von der Kirche „Zu den vier Evangelisten“ in Pankow den „weltlichen Segen“, denn die Tote habe „das Leben geliebt ohne religiöse Dogmen“.

Pfarrerin Misselwitz moderierte in der Wendezeit den Runden Tisch, gründete den Pankower Friedenskreis, organisiert heute Lichterketten gegen Rechts und ist Vorsitzende der Aktion Sühnezeichen. Im Interview gab sie einmal freimütig ihre Auffassung von der Situation nach 1989 zu Protokoll: „In der DDR gab es nicht diese totale existenzielle Verunsicherung.“ Nun spricht sie vom „Alleingelassensein“ nach diesem Verlust. „Wir werden alle erfahren, dass sie in uns weiterlebt.“ Zwei Stunden ziehen die Trauernden am offenen Grab vorbei, das am Ende von roten Rosen bedeckt ist.