Late Night "Hart aber fair"

Nicht mit Mutti! Merkel ist jetzt die Mut-Kanzlerin

Viel Häme, viel Lob: Plasbergs Gäste frotzelten unterhaltsam über Guttenberg und die Euro-Krise. Selbst eingefleischte Kritiker schwärmten plötzlich von der Kanzlerin.

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Brüssel scheint fest in deutscher Hand. Erst drückte Angela Merkel dem EU-Gipfel ihren Stempel auf. Dann sorgte Karl-Theodor zu Guttenbergs neuer Job als EU-Berater für Aufregung. Für Frank Plasberg bei "Hart aber fair" die Gelegenheit, sich von Ballast frei zu machen: Keine Inhalte – "wir reden zuerst übers Personal", begrüßte er seine Gäste. Damit schmiss Plasberg gleich von Anfang an sein eigentliches Thema "Angst um den Wohlstand – wohin führt uns die Kanzlerin?" weitgehend über Bord. Die fast alle aus der Publizistik stammenden Plasberg-Gäste dankten das ihrem Gastgeber.

Statt zum tausendsten Mal aus dem Euro eine Kristallkugel zu machen, in der die Zukunft gesucht wird, plauderte die Runde munter drauf los. Der ehemalige Manager und Philosoph Daniel Goeudevert gab den internationalen Blick. "Stern"-Kolumnist Hans-Ulrich Jörges und "Handelsblatt"-Kolumnist Wolfram Weimer den Blick der politischen Beobachter.

Die Grünen-Mitbegründerin Jutta Ditfurth, die Politik-Beraterin Gertrud Höhler und ZDF-Satiriker Oliver Welke brachten die jeweils etwas andere Sichtweise in das Gespräch. Doch sie alle hatten ihren Fokus ganz fest auf der jüngsten Erfolgsgeschichte der Angela Merkel in Europa.

Und da war es erstaunlich, dass gerade die Männer fast durch die Bank über die Frau ins Schwärmen gerieten, der viele noch vor Monaten jede Führungskraft absprachen. Weimer lobte, "sie ist wirklich eine Führungsgestalt geworden." Und in Anspielung auf ihren Spitznamen "Mutti": "Jetzt sehen wir keine Mutti-Kanzlerin mehr. Das T und das I fällt weg, wir sehen zum ersten Mal eine Mut-Kanzlerin."

Hätte Plasberg ein Poesialbum zur Hand gehabt, Weimer hätte sicher diesen Satz reinschreiben müssen.

Neu entfachte Liebe für "Merkozy"

Doch das war längst nicht alles: Der bei seinen unzähligen Talkshow-Besuchen gerne etwas schnodderig argumentierende Jörges griff tief in die Pathos-Kiste. "Sie ist schon mit den Beschlüssen vom vergangenen Freitag eine historische Kanzlerin geworden." Und Goeudevert sprach für Frankreich, dass die Franzosen das Gespann "Merkozy" mit dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy "wunderschön" finden:"Frau Merkel hat für die Franzosen diesen Sarkozy wie gezähmt."

Plasberg tat sehr gut daran, seinen Gästen freien Lauf bei ihren Beschreibungen zu lassen. Sollte Merkel doch an der Euro-Rettung scheitern, hätten vor allem Jörges und Weimer mit ihrem unkritischen Loblied nach dieser Sendung ein wirkliches Imageproblem. Wer wollte solchen Experten noch glauben?

So auffällig die Schwärmerei der Männer war, so auffällig war, dass die schärfste Kritik von den Frauen in der Runde kam. Die einstige Helmut-Kohl-Beraterin Gertrud Höhler etwa sezierte mit Wonne die Probleme der Ergebnisse des EU-Gipfels. "Es gibt keine Beschlüsse. Wir sind absolut nicht sicher, ob das geschehen wird, was da als Absicht erklärt wurde."

Und so wie die Herren den angeblichen Erfolg an der Person Merkel fest machten, machte Höhler das nach ihrer Meinung fragwürdige Zustandekommen des Haushaltspakts ebenfalls an ihr fest: Es sei ganz typisch für Merkels Art zu regieren, dass neben den eigentlich geltenden Verträgen eine Sondervereinbarung geschlossen wurde. "Wir haben eine zunehmende Beliebigkeit, was das Verhältnis zum Recht angeht, was das Verhältnis zur Moral angeht."

Von einer "Machtmaschine" sprach Höhler noch abschätzig – von wegen Mut-Kanzlerin. Und auch Ditfurth ließ kein gutes Haar an der Rolle der CDU-Chefin in Europa. "Was sie durchsetzt, sind die Interessen deutscher Oberschichten", sagte die Grünen-Mitbegründerin.

Es ging also hoch her bei Plasberg, ohne dass sich die Runde mit irgendwelchen Statistik-Schlachten gegenseitig lähmte. Deshalb wurde der Talk auch einer der interessanteren unter den unzähligen Talks zur Euro-Krise. Auch ein Verdienst des Gastgebers: Während sich Günther Jauch am Abend davor mehr schlecht als recht an dem Thema Euro-Krise abmühte, gab Plasberg mal wieder ein Beispiel für gelungene Gesprächsführung. Die Gäste durften zumeist ausreden, doch wenn sie allzu sehr abdrifteten, schritt Plasberg ein. Und die kleinen Dauergefechte der von der Merkel-Zuneigung entsetzten Ditfurth gerade mit Jörges unterband Plasberg immer an der Stelle, wo es anfing zickig zu wirken.

Merkel gewinnt, Guttenberg verliert

Als das Gespräch über Merkel abgeschlossen war, leitete Plasberg zum Verlierer des Jahres über: Karl-Theodor zu Guttenberg. Über den hatte Ditfurth schon im vergangenen Jahr noch auf dem Höhepunkt des Guttenberg-Hypes bei Plasberg als dem "Schnösel im Schloss" gespottet und dessen politische Leistungen angezweifelt.

Ihre Aussage habe ihr damals so viele Hassmails wie noch nichts in ihrem Leben eingebracht, sagte Ditfurth. Doch nach der Präsentation Guttenbergs als neuer Internet-Berater der EU scheint das eher allgemeine Meinung zu werden. Jörges sagte, "ein Mann, der solch einen Job annimmt, der ist doch nicht mehr ganz klaren Kopfes."

Höhler hielt Guttenberg vor, bis heute – und trotz seines Interview-Buchs – uneinsichtig zu sein. "Er hat immer Auswege gesucht, um darum herum zu kommen zu sagen: Ich bin ein Blender."

Welke fand bemerkenswert, dass Guttenberg so schnell in die Öffentlichkeit zurückgekehrt ist. "Dass er es gerade mal acht Monate ohne die Liebe seines Volkes ausgehalten hat, das wirft ein interessantes Licht auf ihn".

Copy and paste nach Guttenberg Lesart

Doch Plasberg spielte auch den jüngsten ARD- Deutschlandtrend ein, nach dem die Deutschen Guttenbergs Leistungen als Minister besser bewerten als die des aktuellen Kabinetts – Merkel inklusive. Womöglich steckt dahinter ein bisschen Wahrheit aus einer weiteren Analyse Ditfurths: "Der Untertanengeist vieler Menschen in Deutschland ist grauenhaft ausgeprägt." Dass weiß sie auch aus eigener Biografie – die wie Guttenberg aus einem Adelsgeschlecht stammende Ditfurth wurde als "von" geboren, legte diesen Namenszusatz anders als der Freiherr aber später ab.

Ditfurth benannte auch das aus ihrer Sicht eigentliche Problem Guttenbergs. "Er hat sich blamiert, er hat die Sippe in eine enorme Blamage geritten", sagte sie. Das gelte sowohl für die zu Guttenbergs als auch für die Familie von Bismarck, aus der seine Frau stammt. Allein deshalb habe der Ex-Verteidigungsminister so schnell wieder die Öffentlichkeit gesucht, um seinen Ruf wieder zu polieren.

Doch dieser Schuss scheint gründlich nach hinten los gegangen zu sein. Bei seiner Präsentation in Brüssel hatte ihn ein Journalist zu seinem neuen Job frech gefragt , "Freiheit im Internet, heißt das nach Ihrer Lesart 'copy und paste' für alle?". Die Frage stammte von einem ARD-Mann, der diese im Auftrag von "Hart aber fair" stellte und Guttenberg damit auf die Knochen blamierte. Eine Gemeinheit zwar – aber auch ein weiterer Beweis, dass Plasberg seine Sendung offensichtlich sehr gut vorbereitet.