Late Night "Jauch"

In der Not sind Stoiber und Lafontaine einer Meinung

Retten die Gipfel-Beschlüsse die EU vor dem finanziellen Exitus? Jauchs Gäste zweifeln. Über das, was wirklich gebraucht wird, waren sich sogar Lafontaine und Stoiber einig.

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Quo vadis Euro, Europa und natürlich Deutschland? Auch nach der ohne Großbritannien geschlossenen Vereinbarung des EU-Gipfels zu mehr Haushaltsdisziplin vermittelt niemand das Gefühl, den weiteren Weg wirklich voraussagen zu können. Günther Jauch wollte wohl deshalb die Pessimisten-Variante durchdeklinieren: "Geht's jetzt auch mit Deutschland bergab?", fragte er seine Gäste.

Die mit dem größten Einfluss in der Runde kam aus Brüssel: Viviane Reding sitzt als Vize-Präsidentin der EU-Kommission mit an den Schalthebeln. Dazu hatte Jauch den saarländischen Linken-Fraktionschef Oskar Lafontaine, den ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber, den Chef des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, Hans-Werner Sinn, und den Chef des ARD-Büros in Brüssel, Rolf-Dieter Krause, eingeladen.

EU-Kommissarin ist Merkel dankbar

Für die Beruhigungstablette des Abends sorgte Reding. "Das ist ein richtiger Fortschritt", kommentierte sie die Gipfelbeschlüsse. "Das ist nämlich der Durchbruch zur Stärkung der Union." Was Reding so optimistisch macht, ist, dass der Haushaltspakt mehr Schuldendisziplin von den Unterzeichnern verlangt: "Ich bin Frau Merkel sehr dankbar, dass sie diesen Weg durchgesetzt hat, jetzt haben wir Schuldenbremsen", sagte Reding.

Also kein Grund mehr zur Beunruhigung? Ist das die Wende? In der Debatte über diesen ganz zentralen Punkt des Euro-Gipfels offenbarte Jauch leider große Schwächen als Moderator. Das einzig Gute: Er fasste auch mal nach. Was denn mit den Staaten sei, die gegen den Pakt verstoßen? Dürfen sie ja nicht, beharrte Reding – es müsse gespart werden.

Aber was, wenn in dem Land das innenpolitische Chaos ausbricht, die Regierung einfach nicht spart? Da verirrte sich Reding in der Schwammigkeit, die auch der Gipfelbeschluss hat. Nur aus Edmund Stoiber platzte etwas heraus: "Dann müssen die raus", flüsterte er. Für die Zuschauer war das kaum zu hören, Jauch wiederholte Stoibers Worte deshalb laut.

"Dann müssen die raus" – also ein Rauswurf der Schuldenstaaten aus dem Euro. Klare Kante – doch im Gipfelpapier ist nicht die Rede davon. Und was machte Jauch an der Stelle? Er ließ Reding ausweichend erzählen, wie Brüssel in Schuldenstaaten "mit Solidarhilfen in Strukturen" investieren werde, um diesen zu helfen. Spannender wäre es gewesen, Reding da richtig auf den Zahn zu fühlen. Oder zumindest den offensichtlich unzufriedenen Stoiber zu fragen, ob das nicht wieder viel zu viel Unverbindlichkeit ist.

Stoibers prägnante Analysen

Doch Jauch machte all das nicht. Er ließ die Runde vor allem laufen. Wegen der meinungsstarken Gäste war das immerhin kurzweilig. Stoiber etwa scheint auch vier Jahre nach seinem Rücktritt als Ministerpräsident und CSU-Chef noch immer vor Leidenschaft zu brennen. In vielen Phasen war er so verwirrend und überladen mit Fakten wie schon früher.

Und in manchen Phasen gelangen ihm prägnante Analysen, so wie in seinen besten Jahren auch. "Was wir jetzt machen, ist im Grunde genommen am offenen Herzen die politische Europäische Union herzustellen", sagte Stoiber. Der einstige Europa-Skeptiker findet das Mehr an Europa plötzlich gut.

Doch Stoiber scheint noch immer seinen früheren Hang zur Überheblichkeit in sich zu tragen. Er habe schon immer gesagt, dass Länder wie Spanien, Portugal oder Griechenland nicht die nordeuropäische Haushaltsdisziplin haben. "Was jetzt notwendig ist, Sie müssen die Mentalität der Länder ändern." Doch wie die Mentalitäten ändern? Ob die EU Stoiber demnächst vom Entbürokratisierer zum Mentalitätsänderer umschult? Wahrscheinlich genauso wenig wie Oskar Lafontaine der Nachfolger von Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann wird.

"Das weltweite Bankensystem ist eine gewaltige Schuldenmaschinerie", schimpfte Lafontaine. Das tat er mehrmals, auch unter Applaus des Publikums. "Man muss die ganze Zockerei beenden." In diesem Punkt lagen Stoiber und Lafontaine sogar auf einer Wellenlänge.

Der ehemalige CSU-Chef etwa sagte: "Wir brauchen mehr Regulierung der Finanzmärkte." Doch nicht nur das: Auch der marktliberale Ifo-Chef Sinn bewegte sich in einigen Punkten auf der Linie Lafontaines. "Hier muss ich Herrn Lafontaine Recht geben", sagte Sinn nicht nur einmal. Sinn warnte davor, dass die durch vergiftete Staatsanleihen drohenden enormen Verluste von den EU-Staaten auf die Steuerzahler statt auf die Banken abgewälzt werden. "Die suchen einen Dummen. Der Dumme sind wir", sagte Sinn. "Die Steuerzahler Europas haben jeden Anlass beunruhigt zu sein über diese Entwicklung."

Mit dem Thema der Sendung, ob es mit Deutschland nun bergab geht, hatte all dies aber höchstens indirekt zu tun. Und Jauch schaffte es auch nicht, seine Einspielfilme brauchbar in die Debatte zu integrieren. Dabei waren die haargenau passend vorbereitet: Zuerst wurde Bernhard Seitz vorgestellt.

Der Mann ist vom Zusammenbruch des Euros überzeugt und hat daraus seine eigenen Schlüsse gezogen. Auf dem Konto seiner Familie ist nur noch das wirklich nötige Geld. Vermögen hat er in Gold investiert. Und außerdem hat er Vorräte gehortet – für den Fall, dass die Supermärkte eine Zeit lang schließen müssen.

Einführung des Nord-Euro binnen einer Woche

Noch radikaler der Plan des Volkswirtschaft-Professors Dirk Meyer. Er deklinierte die auch vom Euro-Skeptiker Hans-Olaf Henkel geforderte Idee eines Nord-Euro mal in der Praxis durch. Binnen einer Woche hält Meyer eine neue Währung nur der nordeuropäischen Länder für einführbar.

Montag und Dienstag müssten die Banken geschlossen bleiben und ihre Geldbestände erfassen. Mittwoch und Donnerstag könnten die Kunden zur Bank gehen und ihre Euronoten abstempeln lassen, damit ihr Wert erhalten bleibt. Freitag dann könne der Bundestag ein neues Währungsgesetz beschließen.

Mitten in Deutschland horten wegen der Euro-Krise Menschen Lebensmittel und Professoren spielen den Gedanken einer Währungsreform im Detail durch. Spannend und tatsächlich die Vertiefung wert, die das Thema des Abends eigentlich versprochen hatte. Doch nach der Inszenierung um seinen möglichen Einstieg bei "Wetten, dass..?" scheint Jauch gedacht zu haben, er macht es nun wenigstens in seinem Politik-Talk wie Thomas Gottschalk beim Promi-Gespräch auf seinem Sofa. Er plauderte ein bisschen drauf los, wird schon nett anzuhören sein.

Und worum es ging, hat am Ende sowieso jeder wieder vergessen.