"Supertalent"

Bohlens Therapiesitzung geht in Zwangsverlängerung

Kitsch statt Keile: Um den ausgefallenen Klitscho-Boxkampf zu überbrücken, wurde Dieter Bohlens "Supertalent" in die Länge gezogen. Dabei blieb kaum ein Auge trocken.

Will man Pop-Titan Dieter Bohlen den Erfolg seiner Quotenhits wie „Deutschland sucht den Superstar“ und „Supertalent“ streitig machen, dann funktioniert das allenfalls über die seriöse Schiene. Vor allem Stefan Raab war es, der in der Vergangenheit mit seinen Castings zum Eurovision Song Contest aufzeigte, wie es mit einem ehrlichen und ernsthaften Konzept auch anders geht.

Ein Konzept, das den Menschen und sein musikalisches Können in den Mittelpunkt rückte und dabei keineswegs zu einem Gefühlspotpourri verkam, wie es wöchentlich bei RTL zu sehen ist.

Dass dieser Tage so ein seriöser und gleichzeitig ernst zu nehmender Konkurrent für Bohlen bei ProSieben und Sat.1 zu finden ist, damit hatte vor wenigen Wochen kaum jemand gerechnet. Monatelang verharrte Sat.1 auf seinem Quotentief – bis „The Voice of Germany“ auf der Mattscheibe auftauchte , welches ein ähnliches Konzept verfolgt wie Raab. Der Jury geht es um Gefühl in der Stimme und die Interpretation der Songs, nichts anderes.

Hatte RTL anfangs noch kampfeslustig sein „Supertalent“ gegen den Start von „The Voice of Germany“ positioniert und war damit kläglich bei den Zuschauern gescheitert, musste man in den vergangenen Tagen eine neue Hiobsbotschaft in Köln zur Kenntnis nehmen: „The Voice“ knackte in der jungen Zielgruppe die 30-Prozent-Marke.

Das Konzept, dass Sänger fair bewertet werden, zieht mehr denn je. Und umso mehr drängt sich dabei die Frage auf: Wie reagiert man darauf bei RTL? Oder anders gefragt: Wie sehr ist das voyeuristische Castingkonzept à la Dieter Bohlen noch zeitgemäß und erfolgsversprechend?

Dass sich Dieter Bohlen im zweiten Halbfinale von das „Supertalent“ eher zahm und zurückhaltend gab statt geradezu menschenverachtend, dürfte weniger der Konkurrenzsituation geschuldet sein als der Tatsache, dass nach den Gaga-Castings in den Live-Shows nur noch die halbwegs talentierten und unterhaltsamen Kandidaten ihren Weg auf die Bühne fanden. Umso weniger wurde dementsprechend gelästert.

Tränen, Emotionen, Kitsch und rührige Schicksale

Wer jedoch nur die leiseste Hoffnung hatte, dass sich etwas am übrigen Konzept ändern würde, der wurde schnell enttäuscht. Tränen, Emotionen, Kitsch und Künstler, die in den Einspielervideos dem Zusammenbruch nahe schienen, bildeten das gewohnte Umfeld.

Insgesamt hatte die Show eher etwas von einer überdimensionierten Therapiesitzung als von einer richtigen Castingshow. Da war der Sänger Mark Ashley, der als Kind halb verhungert in seinem Bett gefunden wurde und nach dem positiven Juryurteil Bohlens ganz aufgelöst mit zitternder Stimme sagte: „Ich könnte jetzt einfach sterben vor Glück.“

Da war die 13 Jahre alte Sängerin Marlene Wenzig, die an einer schweren Krankheit leidet und dementsprechend erwartbar für ihre gesangliche Leistung von der Jury mit Lob überhäuft wurde.

Da war der Panflötenspieler Leo Rojas, der lange Zeit seine Mutter nicht mehr gesehen hatte, die nun aber zu seiner tränenreichen Überraschung an diesem Abend im Publikum saß. Man könnte die Liste mit den Kandidaten und ihren vorgeführten Schicksalen so weiterführen.

Die Fälle, mit denen die Show eine Gefühlsbindung zum Zuschauer schaffen wollte, ähnelten sich. Selbst die Körpergröße vom 1,60 Meter großen Mast-Akrobaten Sebastian Stamm wurde an diesem Abend zum Aufreger deklariert.

Und wenn dann doch einmal Künstler auf der Bühne standen, die eine wirklich gute Leistung zeigten, wie beispielsweise der Pianist Jörg Perreten, so musste man sie gerade wegen ihres Talents bemitleiden. Während Raab und „The Voice of Germany“ um Langzeithelden bemüht sind, lebt das „Supertalent“ von seinen Eintagsfliegen, die – egal ob Sieger oder nicht – am Ende beschämt die Bühne verlassen müssen.

Die Show ist ähnlich wie „DSDS“ nicht darauf ausgelegt, seinen Gewinner langfristig im Markt zu etablieren. Er ist allenfalls ein temporäres Lichtchen am Sternenhimmel, das dem Sender zum Quotenerfolg verhilft.

Stark verlängerte Show als Klitschko-Ersatz

Und dann war da an diesem Abend noch ein anderes Problem. Da der Klitschko-Boxkampf abgesagt worden war, verlängerte RTL kurzerhand die Sendung um ganze 50 Minuten. Was also tun, um die gewonnene Zeit zu überbrücken?

Man füllte sie mit Rückblenden auf vergangene Sendungen, ließ skurrile Kandidaten aus der Vergangenheit noch einmal auftreten und ließ die Auftritte und die dazugehörigen Einspieler einfach länger geraten. So zog der Sender die Sendung lahmatmig in die Länge.

Wie bereits im ersten Halbfinale durften in der Show die Fernsehzuschauer vier Teilnehmer ins Finale telefonieren, den fünften Kandidaten bestimmte die Jury. So gelangten Panflötenspieler Leo Rojas, Sänger Mark Ashley, Pianist Jörg Perreten, Tänzer Miroslav Zilka und Gummimensch Oleksandr Yenivatov, der von der Jury auserkoren war, in die Endrunde.

Wer sich jetzt fragt, wo denn die typischen Bohlen-Sprüche waren, dem sei gesagt: Sie waren aufgrund der überwiegend guten Leistung der Kandidaten zwar rar gesät, aber es gab sie, wenn auch eher subtil. „So eine Stimme hat bei mir in den letzten Jahren eher Fluchtreflexe ausgelöst“, teilte er Mark Ashley grinsend mit, um ihn letztlich dann doch zu loben.

Bohlens hämisches Lachen ist dabei nicht nur Ausdruck seiner Verachtung des gerade auftretenden Künstlers, es ist gleichzeitig auch ein Zeichen dafür, wie egal ihm die Konkurrenz ist. Die Macher der Show vertrauen weiterhin ihrem Konzept – bestehend aus Voyeurismus und Bloßstellung der Kandidaten, die wie Eintagsfliegen daher kommen und ebenso schnell wieder verschwinden.

Wie lange dieses Konzept jedoch angesichts der starken Konkurrenz noch tragfähig ist, steht auf einem anderen Blatt. Dass das „Supertalent“ laut Moderator Daniel Hartwich „die größte Show der Nation“ sei, kann jedenfalls nicht ernst gemeint gewesen sein.