Konzert in Berlin

Red Hot Chili Peppers und der Traum ewiger Jugend

Die Red Hot Chili Peppers sind wohl die dienstälteste Crossover-Band. In der Berliner O2 World zeigten sich Anthony Kiedis und Co. in Bestform. Den Drogen hat man inzwischen abgeschworen.

Am Eingang dauert es ein bisschen länger. Jedes Ticket ist personalisiert und muss mit dem Personalausweis abgeglichen werden, aus Gründen der Fairness, wie es heißt, um den Schwarzmarkt zu bekämpfen. Die Berliner O2 World ist bis auf wenige Plätze ausverkauft. Es ist schon fast zu voll. Bewegen heißt schieben, drücken, gedrückt werden, Luft anhalten, wenn einer das Deo vergessen hat. Lange waren die Chili Peppers nicht mehr in Deutschland. Zur neuen Tour sind sie mit neuem Album und neuem Gitarristen gekommen.

Um Viertel nach Neun werden schon La-Ola-Wellen geübt. Fünf Minuten später tritt Chad Smith ans Schlagzeug. In einem roten Arbeitsoverall, ärmellos, auf dem Kopf sitzt seine blaue Base-Cap, falsch herum natürlich, spielt er einen typischen Peppers-Beat: Sehr funky, sehr groovy, kalifornisch laid back. Flea, der Bassist, der niemals stillstehen kann, springt auf die Bühne, und Josh Klinghoffer, der neue Gitarrist gesellt sich dazu.

Frauen und Mädchen rufen "Anthony"

Für das Instrumental-Intro rücken sie dicht zusammen. Das Stück entwickelt sich zu "Monarchy Of Roses", der zweiten Single des neuen Albums "I'm With You". Frack, rotes T-Shirt, Trucker-Mütze und Schnauzbart kann man wahrscheinlich nur in Venice Beach tragen, ohne für verrückt erklärt zu werden. Aber damit hatten die Chili Peppers noch nie ein Problem. Kiedis kann sowieso alles tragen, selbst wenn es eigentlich doof aussieht. Die ersten Anthony-Rufe schallen durch den Saal . Anthony, so begreift man recht schnell, finden Frauen und Mädchen gleichermaßen rufenswert.

Kein anderer Gitarrist hat den Sound der Red Hot Chili Peppers so geprägt wie John Frusciante. Schon einmal verließ er die Band. Als "Blood Sugar Sex Magik" die Peppers zu Weltstars machte, wurde dem zurückhaltenden Frusciante der Erfolg zu viel. Fast ein Jahrzehnt verbrachte er in einem nicht enden wollenden Heroin-Rausch. Clean stieß er 1998 wieder zur Band. Nach elf Jahren und drei Alben gab er sein endgültiges Ausscheiden bekannt.

Seitdem ist Josh Klinghoffer fester Gitarrist der Band. Er spiel klassischer, hard-rockiger. Während Frusciante träumerisch, tropfende Noten spielte, ist Klinghoffer deutlich verzerrter, knackiger. Das tut den Songs nur bedingt gut, das "Californication"-Solo wirkt deutlich angestrengter.

Gut eingegliedert hat er sich, der neue Gitarrist. Er ist kein angeheuerter Instrumentalist, Klinghoffer ist vollwertiges Mitglied. Er albert mit Flea herum, springt in aberwitzige Höhen, schüttelt den Kopf, wie es Frusciante nie getan hat. Die älteren Chili-Peppers werden wieder zu Rabauken.

Kidies fliegt in seine berühmten Pirouetten , wetzt wie ein eislaufender Derwisch von der einen Seite zu anderen. Die schnell gerappte, knallartig Strophe von "By The Way" lässt jeden Muskel des Sängers zucken. Im Refrain feuert der Schlagzeuger ein paar Drum-Sticks in die Menge, ohne sein Spiel zu unterbrechen. Kaum sieht man das Holz fliegen, trommelt er schon wieder weiter.

Pärchen schauen sich tief in die Augen

Inzwischen trägt Kiedis nur noch Feinripp um den Oberkörper. Die zu einem Oktaeder angeordneten Bildschirme über der Bühne zeigen schwarz-weißes Gekrissel. "Throw Away Your Television" kommt gut an. Flea scheint bei jedem Ton mit seinem Bass zu kopulieren . Die junge Frau mit schwarzer Mütze hebt abwechselnd, in einer schwimmend, weichen Bewegung den rechten und linken Arm, lässt den Kopf gegen den Uhrzeigersinn kreisen, am Ende muss sie die Kopfbedeckung wieder zurecht rücken.

Pausen gibt es nicht. Der Funker "Can't Stop" tut sein übriges. Flea slappt sich die Finger wund. Es ist erstaunlich wie durchtrainiert und ausdauernd die Band ist. Ihr Lebensstil, inzwischen geprägt von Yoga, grünem Tee und vegetarischer Kost, scheint fit zu halten. Der alte Kern der Band ist gut fünfzehn Jahre älter der Neuzugang. 32 oder 49, das macht bei den Peppers keinen Unterschied.

Als Klinghoffer die ersten Akkorde von "Unter The Bridge" herausstreichelt, weiß man, dass man ihm vielleicht unrecht getan hat, dass er nur härter kann als Frusciante. Er spielt so sanft, wie einer nur sanft spielen kann. Das furchtbar falsche Mitsingen von überall aus der Halle vermögen die Peppers nicht zu hören. In dem Moment in dem der schönste Song des Abends durch die Luft surrt, wird allen ganz anders. Pärchen schauen sich tief in die Augen. Die schrägen Töne scheinen zauberweich verliebt.

Es ist der Glanz von gestern

"I'm With You" ist sicher kein schlechtes Album, aber den Glanz von "Californication" und das Spinnerte von "Blood Sugar Sex Magik" haben die Kalifornier nie wieder erreicht. Seit "Californication" sucht man vergeblich nach den ganz großen Songs. Frusciantes Rückkehr gab damals den Anstoß eines Neuanfangs. Kiedis Stimme drang zu Tönen vor, die früher unerreichbar schienen. Wenn als Lückenfüller "The Adventures Of Rain Dance Maggie" gespielt wird, nimmt es der Band niemand übel. Artig wird weiter getanzt. "Californication" ist das letzte Lied vor der Zugabe.

Auf einem Bildschirm laufen Feel-Good-Mantras, wie aus einem Lebensratgeber. Auf Pillendosen steht "ewige Jugend", "Zuversicht", "Gelassenheit". Der Wunschtraum vieler, die nach Hollywood kommen. Schaut man auf die Bühne, sieht man vier Männer, die diesen Traum leben, dafür aber fast bis in den Tod gingen. Hillel Slovak, der erste Peppers-Gitarrist, starb an einer Überdosis. Die Dankbarkeit, den Absprung noch geschafft zu haben, zeigt die Band offen.

Demütig bedanken sich Kiedies und Flea. Zum Abschluss gibt es noch "Give It Away". "Thank you, good night", sagt Kiedis. Der Rest der Band jammt noch ein paar Minuten ohne ihn weiter. Wilde Funk-Improvisationen, am Ende schmeißt der Schlagzeuger seine Sticks das letzte Mal ins Publikum. Er klopft sich auf sein Herz, faltet die Hände wie zum Gebet und geht winkend ab.

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