"Mord der Woche"

Sie lagen vor Dschibuti und hatten Bomben an Bord

In seinem neuen Thriller "Dschibuti" entlarvt der amerikanische Altmeister Elmore Leonard die Terroristen Somalias als ganz gewöhnliche Kriminelle.

Foto: Infografik WELT ONLINE

Nicht der geringste Trost dieses Buches besteht darin, dass sich die meisten der Dschihadisten und al-Qaida-Terroristen, die darin vorkommen, am Ende doch als gewöhnliche Gangster entpuppen. Von den kleinen Fischen vor der Küste Somalias, den Piraten, weiß man das sowieso. Die Kunst des 86-jährigen Elmore Leonard entlarvt sie als brutale, selbstsüchtige Typen, die sich bereichern oder überleben wollen – was für einige von ihnen keinen Unterschied macht.

Zwei Amerikaner drehen einen Dokumentarfilm über diese Piraten, Kameramann Xavier LeBo ist ein zwei Meter großer Schwarzer, 72, gelassen, erfahren. Regisseurin Dara Barr, halb so alt, oscargekrönt, ist taff, schön, gerissen. Heimlich filmt sie auf Yachten, wickelt Piraten, Agenten, saudische Emporkömmlinge und einen irren Milliardär um den Finger. Über weite Strecken des Romans sichten Dara und Xavier tatsächlich bloß ihr Material und überlegen, wie man es zu einer Geschichte montiert. Aber was geschieht in Dschibuti? Je länger man hinsieht, desto weniger erkennt man. Ein schmerzlicher, lässig erzählter Lernprozess.

Realistisch und fantastisch zugleich

Der Plot ist verwickelt und einfach zugleich: Leonard schaut seinen Figuren beim Reden zu, bis sie sich vor lauter Coolness verheddern. Die Dialoge sind wie immer famos und abgeschabt zu kunstvoller Erhabenheit. Irgendwie geht es um einen Tanker, der Flüssiggas transportiert und Bomben an Bord hat. Verschiedene Gruppen wollen das Schiff sprengen, entweder vor Dschibuti, auf hoher See oder in einem US-Hafen. Der fanatische Araber Jama Raisuli entpuppt sich als Ex-Drogenhändler James Russell aus Miami, der alle umbringt, die seinen Namen kennen. Das sind recht viele.

Mit dem echten Somalia mag das Buch wenig zu schaffen haben, zuweilen scheint dem Meister das Einfühlungsvermögen zu fehlen. Hat Leonard vor Ort recherchiert? Egal. "Dschibuti" ist realistisch und fantastisch zugleich; es spielt im Lande Leonard.

Elmore Leonard: Dschibuti. Aus dem Englischen von Conny Lösch. Eichborn, Frankfurt/M. 284 S., 19,95 Euro .