Heimat extrem

Euterwarme Bullerbü-Idylle beim neuen "Landlust TV"

Gott sei Dank riecht Fernsehen nicht: Der NDR startet das TV-Format zur Erfolgszeitschrift "Landlust". Die Sendung ist furchtbar entspannt – und doch exotisch.

Man muss die Gegend zwischen Harz und Nordsee nur mal mit den Augen des NDR-Intendanten sehen. Dann hängt der Himmel plötzlich voller Geigen, und das milde Licht der Dezembersonne verwandelt auch den ödesten Flecken Erde in ein Biotop, neben dem Bullerbü, ja, verwahrlost wirkt.

Willkommen bei „Landlust TV“, der Fernseh-Sendung zum gleichnamigen Magazin. So nennt sich das Zentralorgan für urbane Gutverdiener, die ihren Nudelteig in der Designer-Küche selber kneten und insgeheim davon träumen, aufs Land zu ziehen, wo die Luft noch rein ist und die Milch euter-warm.

„Landlust“ bedient diese Sehnsucht. Das Magazin verpackt das Erdige in eine Hochglanz-Ästhetik und stößt damit in eine Marktlücke, die immer weiter wächst. Mit 810.000 verkauften Exemplaren pro Ausgabe ist es der erfolgreichste Newcomer auf dem Zeitschriftenmarkt. In den vergangenen sechs Jahren hat es seine Auflage locker versechzehnfacht.

Verkuppelte Rübenbauern und ihre Heimatliebe

Dieser Erfolg hat jetzt den NDR auf den Plan gerufen. Was im Printgeschäft so gut funktioniert , das muss doch im Fernsehen auch möglich sein, haben sich die Mitarbeiter beim Sender gedacht.

Die Liebe zur Heimat, sie ist beim NDR Programm. Lange, bevor RTL romantische Rübenbauern verkuppelte, hatte der Sender schon eine plattdütsche Aphrodite namens Ina Müller auf alleinstehende Landwirte losgelassen.

„Land und Liebe“ hieß das Format. RTL kupferte es schamlos ab – mit Erfolg. Von sieben Millionen Zuschauern kann der NDR nur träumen. Dabei geht ein Teil des Erfolgs auch auf sein Konto: Durch die Hintertür hat er das Privatfernsehen regionalisiert.

Man darf gespannt sein, ob dem Sender mit „Landlust TV“ ein ähnlicher Coup gelingt. Die Voraussetzungen erscheinen günstig. Nur ein knappes Fünftel der Menschen im Sendegebiet des NDR leben in Gemeinden mit weniger als 5000 Einwohnern.

„Doch das Interesse am Landleben ist bei den anderen vier Fünfteln ebenfalls ausgeprägt“, heißt es im Presseheft zur Sendung. Eine gute Gelegenheit also für den NDR, die Landlust gemeinsam mit dem Landwirtschaftsverlag Münster ins Fernsehen zu bringen, um das „regionale Profil“ des Senders weiter zu schärfen.“

Doch was heißt hier regional? Ob die Macher in die Ellerndorfer Heide bei Uelzen pilgern oder ins gülle-geplagte Oldenburgische, ist egal.

Rosamunde-Pilcher-Soundtrack und eigener Grünkohl

Noch sondert das Fernsehen keine Gerüche ab. Und ein Weichzeichner vor der Kamera-Linse sorgt dafür, dass Bilder von glücklichen Kühen und von rotbackigen Opas zu einem einzigen Bullerbü verschwimmen. Letzte Unebenheiten deckt ein Streicher-Teppich mit dem Flausch-Faktor eines Rosamunde-Pilcher-Soundtracks.

Es ist ein Paralelluniversum, in das der NDR seine Zuschauer da entführt. Die Bewohner heißen Hinnerk oder Ole, sie leben in Kamin geheizten Bauernstuben oder in rustikalen Refugien wie aus der „Schöner Wohnen“, Opa und Oma, Vater, Mutter, Kinder, alle unter einem Dach.

Man könnte auf die Idee kommen, da rappelt es in der Kiste. Doch wir sind hier beim NDR, nicht bei RTL. Die Familien, die „Landlust TV“ vorstellt, ernten ihren eigenen Grünkohl. Sie basteln Weihnachtsschmuck aus Körnern für Waldtiere, und sie sind auch sonst furchtbar entspannt.

Es sind Menschen wie Axel Beeker, Hobby-Obstbauer aus der Ellendorfer Heide, Oberhaupt einer fünfköpfigen Familien und stolzer Besitzer einer Latzhose. Wenn er nicht gerade Birnenkompott der Sorte „Mollebusch“ kocht, bastelt er „Fruchtastbeschwerer“. Das, erfährt der zivilisationsgeschädigte Großstadtbewohner, sind Ketten aus bunten Kugeln und Steinen, die nicht nur schön anzusehen sind, sondern auch noch nützlich.

„In dem Moment, wo man die Äste in die Waagerechte setzt, wird der Saftstrom minimiert“, erklärt der rotbackige Held der ersten Landlust-TV-Ausgabe. „Dadurch kriegen die Äste Angst und fangen an, Frucht anzusetzen.“ Blumiger kann kein Programmdirektor die Philosophie des NDR-Fernsehens formulieren. Wozu so ein Fruchtastbeschwerer doch gut ist.

NDR, "Landlust TV", ab dem 4. Dezember immer sonntags, 20.15 Uhr