RTL-Show

Plumpes Ablenkungsmanöver beim "Supertalent"

Bohlens "Supertalent" wurde fürs Halbfinale weihnachtliche Stimmung verordnet. Ein Ablenkungsmanöver, denn gegen Thomas Gottschalk hatte die Show keine Chance.

Nachdem in der vergangenen Woche selbst das „ Adventsfest der 100.000 Lichter “ (ARD) mehr Zuschauer hatte als das „Supertalent“, versuchte man offensichtlich nun auch hier, mit Weihnachtskitsch zu punkten. Unzählige LEDs und Kerzen brannten, Sternschnuppen und Feuer regneten von der Studiodecke herab und Kandidat Sven Müller sang „Hallelujah“.

Die „Supertalent“-Verantwortlichen fuhren rein äußerlich schweres Geschütz auf. Das erste Halbfinale und damit die erste Live-Show der aktuellen Staffel wurde aus einem neuen Studio mit zahlreichen technischen Finessen gesendet.

Das Ende der nervtötenden Zeitlupen

Dazu erklärte Moderator Marco Schreyl zur Begrüßung, dass RTL den RTL-Showsamstag erfunden habe – was dann doch eher wie ein mehr als plumpes Ablenkungsmanöver von der zeitgleich im ZDF ausgestrahlten letzten „Wetten, dass..?“-Sendung mit Thomas Gottschalk wirkte.

Die sich häufig selbst überschätzenden Selbstdarsteller aus den Castings waren nun also endlich aussortiert, die Live-Übertragung versprach ein Ende von aneinandergereihten Zusammenschnitten aus Nahaufnahmen und nervtötenden Zeitlupen aus möglichst vielen verschiedenen Perspektiven zur Zusammenfassung der unsäglichen Lebens- und oft auch Leidensgeschichten der Kandidaten.

Die Halbfinalisten waren zudem im Unterschied zu den Castings nicht mehr alleine auf das Urteil der Jury angewiesen. Stattdessen wählten die Fernsehzuschauer vier Teilnehmer ins Finale, die Jury – bestehend aus den dekorativen Elementen Motsi Mabuse und Sylvie van der Vaart und dem laut Schreyl „Alleinherrscher des Pop“ Dieter Bohlen – einen weiteren. Allerdings wurde auch im Halbfinale noch nicht immer klar, was genau diese Teilnehmer vermeintlich als „super“ auszeichnet.

RTL-Zuschauer mögen bloß leichte Kost

Fairerweise muss man zugeben, dass für manche Künstler das Fernsehen das falsche Medium ist, um der entsprechenden Darbietung gerecht zu werden oder auch die Fernsehzuschauer zu begeistern.

Die innovative Wirkung zum Beispiel des Schattentheaters „Die Mobiles“ geht außerhalb des Studios teilweise verloren, weil die optische Illusion mit der unaufdringlichen musikalischen Untermalung vor dem Fernseher mehr Konzentration abverlangt als direkt vor Ort. Hier kann „Das Supertalent“ eine Werbeplattform sein, aber die Mehrheit der Zuschauer stimmt letztendlich, wenn sie die Wahl hat, doch eher für leichte Kost. Dies spiegelte sich auch nach der langatmigen Entscheidung inklusive Liebesschwüren und Weihnachtsduett von Pietro Lombardi und Sarah Engels im Ergebnis der Zuschauerentscheidung wieder. Hier wurden nämlich alle vier Finalplätze an Musiktalente vergeben.

Dem Azubi Julian Pecher, der optisch stark an den mit Recht nahezu vergessenen Sieger der sechsten Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“ Daniel Schuhmacher erinnert, bescheinigte Bohlen, Teenie-Traum und „Bravo“-kompatibel zu sein.

Desire Capaldo, die eine Opernkarriere anstrebt und bereits mit Andrea Bocelli gesungen hat, und Sven Müller, der nach eigenen Angaben wegen seines Aussehens unter Minderwertigkeitskomplexen leidet, in jungen Jahren schon 250.000 Euro verspielt hat und im Casting zum ersten Mal vor Publikum aufgetreten ist (man ahnt: hier ist noch viel Potenzial für RTL verborgen), stehen ebenfalls im Finale.

Dass sich die wahren Gesangstalente nicht zu RTL, beziehungsweise zu Bohlen verlaufen, hatte sich auch schon vor dem Erfolg von „ The Voice of Germany “ herumgesprochen. Bei RTL singen vorhersehbare gefällige Typen vorhersehbare naheliegende Beiträge und ernten in der Regel vorhersehbare platte Kommentare. Nachhaltiger Erfolg wird hier kaum zu finden sein.

Die drei Sänger reichten alle nicht an den unfassbar souveränen sechsjährigen Mozart-Interpreten Ricky Kam heran, der Power Ranger oder Pianist werden will. Sollte er die aktuelle Staffel gewinnen, kann man nur hoffen, dass die Eltern über ausreichend Verantwortungsbewusstsein verfügen, damit Rickys Talent zwar weiter gefördert und er dennoch nicht von den Medien verheizt wird.

Ein Behinderter als Alibi-Finalist

Die Jury wählte schließlich Akrobattänzer Dergin Tokmak ins Finale, wofür die Begründung allerdings einen schalen Nachgeschmack hinterließ. Nachdem Tokmak mit acht Monaten an Kinderlähmung erkrankte war, blieb sein linkes Bein gelähmt. Der 37-jährige hatte mit seinen Krücken spektakulär zu „E.T.“ von Katy Perry getanzt und sich den Einzug ins Finale redlich verdient.

Als Bohlen die Jury-Entscheidung damit begründete, ihm etwas Gutes tun zu wollen, wirkte dies jedoch eher wie ein Mitleidsbonus, den Tokmak in keinster Weise nötig gehabt hätte. Sein Auftritt wäre auch ohne seine Behinderung großartig gewesen, wurde aber offensichtlich nur wegen ihr anerkannt. Hatte sich der Poptitan während der Sendung im Vergleich zu den Castings nahezu zahm gezeigt, erwies sich am Ende des ersten Halbfinales, dass auch in der Vorweihnachtszeit „gut gemeint“ eben doch oft das Gegenteil von „gut“ ist. Schade.