"Wetten dass..?"

Thomas Gottschalk geht - Nachfolge-Rätsel bleibt

Ein Stück TV-Geschichte ist zu Ende gegangen. Bei der letzten Ausgabe von "Wetten dass..?" blieb fast alles beim Alten: Gottschalks Outfit, der Ablauf und die Gäste - alles nur etwas emotionaler. Die Nachfolge-Regelung bleibt weiter offen.

Immerhin: ein Frack. Aber drunter: Schottenkaros. Modisch blieb also auch in Thomas Gottschalks letzter „Wetten, dass ..?“-Ausgabe alles beim Alten. Genauso wie der Ablauf. Und vor allem: die Gäste. Günther Jauch und Til Schweiger kamen zum siebten Mal, Iris Berben machte sogar die Zehn voll und steht damit auf der Liste der Wettpaten mit den häufigsten Auftritten einsam an der Spitze.

Hätte es nicht die kurzen Einspieler gegeben, die zwischendurch an außergewöhnliche Wetten oder denkwürdige Auftritte wie Armin Rohdes Flitzereinlage oder Heino Ferchs Waschstraßenspaziergang erinnerten – man hätte fast den Eindruck gewinnen können, spätestens Ende Januar würde es weitergehen mit Europas größter Unterhaltungsshow. Dann mit den Klitschkos, Barbara Schöneberger, Peter Maffay und Veronica Ferres. Und natürlich Gottschalk.

Erste Stunde bleibt unspektakulär

Aber damit ist erstmal Schluss. Gemessen daran, wie lange er diese Sendung moderiert hat, wie sehr er die Samstagabendunterhaltung über mehr als zwei Jahrzehnte prägte und wie sehr er mit der bekanntesten Show Deutschlands identifiziert wird, blieb es in der ersten Stunde erstaunlich unspektakulär.

Ein 15-jähriger Schweizer löschte Teelichte mit der Zunge, ein Baumarkt-Mitarbeiter erkannte Toilettenspülungen am Klang, Gottschalk frotzelte mit seinem alten Weggefährten Jauch und verteilte Komplimente ans German Wunderkind Dirk Nowitzki. "Du bist einer der Männer, zu denen man gerne aufschaut", sagte der Showmaster zu dem 2,13 Meter hohen Sportler. Es war also ein ganz normales "Wetten, dass ..?"-Spektakel.

Fast begann der Ablauf vor lauter Routiniertheit sogar ein wenig zu quietschen. Bis zu diesem Moment, der beiläufig begann, dann aber noch einmal Drive in die beschauliche Runde brachte.

Scheinbar spontan fragte Gottschalk, wo er seinen alten Freund Jauch schon mal auf der Couch hatte, ob der nicht "Wetten, dass ..?" übernehmen wolle. Jauch schaute daraufhin, als hätte er einen Kandidaten vor sich, der an der 300-Euro-Frage zu scheitern droht, und wollte wissen, ob es, wenn er denn nun eine Antwort geben sollte, fürs ZDF auch bindenden Charakter hätte.

Als Gottschalk bejahte, begann das Raunen im Publikum, erster Applaus brandete auf. Doch an die Sensation, dass Jauch demnächst quasi alles im deutschen Fernsehen moderieren könnte, wollte immer noch niemand so richtig glauben.

Muss wohl auch keiner. Die bange Minute mündete in einem Freundschaftsdienst, unter Umständen sogar abgekartet. Jauch erbat sich einen Tag Bedenkzeit und forderte Gottschalk auf, zu seinem Jahresrückblick bei RTL zu kommen: "Du kommst zu mir in die Sendung, und ich sag’s Dir morgen Abend vor allen anderen".

Nachfolge-Regelung ist weiter offen

Spekulieren für die Quote. Mehr dürfte nicht dahinterstecken. Obwohl Jauch natürlich mit genau den Qualitäten ausgestattet wäre, die Gottschalk die Moderation der Mammut-Show "Wetten, dass ..?" so einfach von der Hand gehen ließen: Schlagfertigkeit, Unbefangenheit und nur wenig Schamgefühl, wenn es mal darum geht, sich lächerlich zu machen.

Dass er bislang noch nicht wirklich als Nachfolger gehandelt wurde , liegt weniger daran, dass es ihm niemand zutrauen würde, als an seinen zahlreichen Verpflichtungen auf anderen Sendern.

Ob nun PR-Nummer oder echte Spontaneität – Gottschalks Dernière gewann durch diese erste Einlage, die nur in Live-Shows möglich ist, deutlich an Fahrt. Vor allem wuchs in dem Moderator noch einmal der Ehrgeiz, die unschuldig grinsende Rampensau rauszulassen, so wie er es im höchst amüsanten Warm-up vor der Show, das das ZDF im Abschiedstaumel gleich mitübertrug, schon hatte anklingen lassen.

Er poussierte mit einer Kandidatin, die Gottschalks Show-Outfits seinen insgesamt 150 Sendungen inklusive Datum und Austragungsort zuordnen konnte und ließ gespielt verschämt einen Kuss zu.

Er brachte Karl Lagerfeld durch beharrliches Nachhaken dazu, einzuräumen, dass ihm das Modehaus Breuninger, für das er momentan eine neue Kollektion vorbereiten soll, überhaupt kein Begriff ist. Und er führte mit einem blinden Jungen, der vor sieben Jahren bei ihm Telefonnummern an den Wähltönen erkannt hatte, ein herzliches und unterhaltsames Gespräch.

Man verzeiht Gottschalk die Ausrutscher

Dass er in dieser angeheiterten Atmosphäre US-Schauspielerin Jessica Biel danach fragte, ob sie wieder mit Justin Timberlake zusammen sei, spielt da keine Rolle mehr. Denn die hübsche Actrice fand die Frage eher unpassend und ließ das auch offen erkennen: "Ich dachte, wir wären hier, um über den Film zu reden."

Gottschalk verzeiht man diese Ausrutscher. Sie gehören zu ihm wie seine Schottenkaros, seine Lockenwelle und sein aufmunterndes Kniegetätschel. Seine Qualität ist, dass er einfach weiter macht, wenn’s kritisch wird – weil er sich bewusst ist, dass es im deutschen Fernsehen nur wenige gibt, die völlig unverkrampft vor der Kamera agieren können.

Bescheiden war er nie, aber immer demütig, diesen Job – in seinem Fall ein immerwährender Kindergeburtstag mit kapriziösen Gästen – machen zu dürfen. "Unterhaltung muss man nicht ernst nehmen", resümierte Gottschalk am Ende der Show. "Es kommen andere, mit denen werden Sie genauso viel Spaß haben."

Es hätte noch mal peinlich werden können, mit dem Laserstrahlgewitter, der pathetischen Musikuntermalung und den Standig Ovations für einen, der sich "selbst nie ernster genommen hat als das, was er präsentiert hat", wie Gottschalk über sich sagte.

Gemäß dieser Maxime stand er auch den zwischen behäbig und schwulstig inszenierten Abschiedsschmerz, den das ZDF sich für ihn leistete, würdevoll bis zum Ende durch. Er dankte seinen Zuschauern: "Ich hab’s für Sie gemacht, es war eine tolle Zeit, aber nur weil wir beide immer zusammengepasst haben."

Ein Stück TV-Geschichte geht zu Ende

Natürlich gibt es nach diesem Abgang Wichtigeres, als die Frage, wer ihm nun nachfolgt, ob es überhaupt eine Fortsetzung gibt und ob er in der ARD mit dem riskanten Unterfangen, täglich unterhalten zu wollen, nicht doch noch auf seine alten Tage baden geht .

Aber an der Tatsache, dass eine TV-Legende ein Stück Fernsehgeschichte ein letztes Mal quasi im Vorbeigehen nach Hause geschaukelt hat, und man ihm dafür ruhig eine, vielleicht sogar zwei Tränen nachweinen darf, kommt niemand vorbei.

Glückwunsch, Herr Gottschalk. Oder wie er es selbst mit seinen letzten Worten sagte: „Herzlichen Dank. Gute Nacht, es war eine tolle Zeit.“

Lesen Sie hier das Minutenprotokoll zur letzten "Wetten dass..?"-Sendung nach