Stiftung

Kunstsammler Flick engagiert sich gegen Rechts

Der bekannte Kunstsammler Friedrich Christian Flick engagiert sich mit seiner Stiftung seit zehn Jahren gegen Rechts. Morgenpost Online sprach mit dem Kunstmäzen über die Gefahr von Rechtsextremismus und über seine Familiengeschichte.

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Auch wenn sein Ruf ein anderer sein mag: Friedrich Christian Flick, genannt Mick, ist ein scheuer Mensch. Er ist einer der bedeutendsten Sammler zeitgenössischer Kunst, im Hamburger Bahnhof in Berlin-Mitte sind Teile seiner Collection ausgestellt. Mit Morgenpost Online hat er über die Gefahr des Rechtsradikalismus und seine Stiftung gesprochen, die Rassismus, Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit bekämpfen will.

Morgenpost Online: Wie soll das gehen, Intoleranz und Rassismus zu bekämpfen?

Friedrich Carl Flick: Sicherlich ist es eine enorme Herausforderung. Der Staat leistet, was er leisten kann, aber dabei gibt es Grenzen, und er muss gerade lernen, wie wenig etwa der Verfassungsschutz mit seinen ganzen V-Leuten ausrichten konnte, um das Wuchern radikaler Triebe zu bändigen und solche Gräueltaten zu verhindern. Es geht auch nicht nur um die Bekämpfung der Verbrechen, es geht auch um Prävention. Der Staat allein kann das nicht schaffen. Es braucht das Engagement der Bürger. Eigentlich sind wir alle durch Rechtsextremismus und Nazi-Terror herausgefordert.

Morgenpost Online: Was heißt das?

Friedrich Carl Flick: Ähnlich wie die Hamas im Nahen Osten spielen sich die Rechtsextremen vor allem in den neuen Bundesländern als Wohltäter auf, helfen bei der Arbeitsvermittlung, in Sportvereinen oder in Armenküchen, um zugleich oder später das böse Gift ihres extrem rechten Gedankengutes beizumischen. Wir dürfen ihnen dieses Feld nicht überlassen. Deshalb versucht meine Stiftung seit nun zehn Jahren, durch eigene Projekte und Kooperationen mit anderen Bürgerinitiativen, präventiv den Gedanken der Toleranz in den Mittelpunkt zu stellen. Sie konzentriert sich auf junge Menschen zwischen acht und 18. Sie sollen in Begegnungen mit anderen Religionen, Schülern aus aller Welt und Zeitzeugen des Naziterrors gegen das Gedankengift der Neonazis immunisiert werden.

Morgenpost Online: Ihre Stiftung sitzt in Potsdam. Konzentrieren Sie sich auf den Osten Deutschlands?

Friedrich Carl Flick: Ja, die Projekte waren allesamt in Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern. Ob Schüleraustausch mit Polen oder Integration durch Sport: Die Idee war, das Interesse der Jugendlichen füreinander zu wecken und so die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass blinder Hass erst gar nicht entsteht.

Morgenpost Online: Sind Sie für ein NPD-Verbot?

Friedrich Carl Flick: Ja, unbedingt. Auch wenn die Bekämpfung von Rechtsextremismus im Untergrund schwieriger werden dürfte. Neonazis sind Verbrecher wie die Mafiosi auch.

Morgenpost Online: Wie misst man Erfolg bei der Bekämpfung von Rechtsextremismus?

Friedrich Carl Flick: Eine gute Frage. Das kann man ja nicht wie bei einem Unternehmen an der Rendite messen. Aber soll man es deswegen lassen? Und es gibt auch sichtbare Erfolge. Wenn ich die Rosa-Luxemburg-Schule in Potsdam besuche, die wir seit Jahren unterstützen, spüre ich, dass sich dort das Klima verändert hat. Dasbestärkt mich im Eifer, mit der Stiftung weiterzumachen. Deshalb habe ich gerade beim zehnjährigen Jubiläum eine Zustiftung gemacht.

Morgenpost Online: Die Stiftung trägt Ihren Namen.

Friedrich Carl Flick: Das war mir wichtig. Ich will dafür stehen. Das ist etwas ganz Persönliches. Gerade bei meinem Familiennamen, meiner Familiengeschichte. Es ist mir auch wichtig, dass mein Sohn Alexander mir in den Stiftungsrat gefolgt ist und sich engagiert. Wir wollen dazu beitragen, das Böse, Dunkle und Negative der Nazis zu kontern. Kernansatz dabei ist Information und politische Bildung.

Morgenpost Online: In ihrer Kunstsammlung gibt es viele Werke, die den Nationalsozialismus oder den Extremismus thematisieren.

Friedrich Carl Flick: Das stimmt. Mit der Kunst habe ich mich wohl zum ersten Mal ernsthaft der auch dunklen Geschichte meiner Familie gestellt. Besonders nachdem ich mich entschieden hatte, meine Sammlung dauerhaft in Berlin zu zeigen. Die Ablehnung, die mir entgegenschlug, hat mich sehr bedrückt. Gleichzeitig hat mich diese Konfrontation zur Auseinandersetzung mit der Familiengeschichte gezwungen.

Morgenpost Online: War das vorher kein Thema?

Friedrich Carl Flick: In der Familie war dieses Thema ein Tabu. Ich habe keine großartigen Versuche gemacht, da richtig einzutauchen. Ich habe eher verdrängt. Aber mit dem extremen öffentlichen Interesse an mir und meiner Sammlung ging das nicht mehr. Ich habe an der Uni München eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Familiengeschichte angestoßen und unterstützt, die dann auch publiziert wurde. Die ganze Entwicklung hat mich sehr berührt, schließlich aber auch befriedigt. Es war, auch wenn es etwas klischiert klingt, eine Katharsis, eine reinigende Erfahrung.

Morgenpost Online: Fühlen Sie sich befreit?

Friedrich Carl Flick: Ja. Erleichtert. Ich habe eine belastete Familiengeschichte, ich bin aber auch ein eigenständiger Mensch mit einer eigenen Biografie. Ich habe keine Schuld für das Verhalten meiner Vorväter, aber fühle eine Verantwortung, eine ganz besondere Verantwortung. Diese Verantwortung trägt jeder Deutsche, ich als Flick trage sie doppelt.

Morgenpost Online: Sind Sie jetzt – auch ein Klischee – ein anderer?

Friedrich Carl Flick: Ja. Aber das hat auch andere Gründe. Durch das Sammeln von Kunst bin ich viel mit Künstlern zusammen und mit einigen befreundet. Sie haben meine Wertvorstellungen, meinen Blick auf die Welt beeinflusst. Dazu habe ich angefangen, mich auch mit den schmerzlichen Teilen meines Lebens ernster auseinanderzusetzen. Ich habe eine behinderte Tochter. Zuerst brach für mich eine Welt zusammen, heute ist sie der heimliche Mittelpunkt unserer Familie, ein Sonnenschein. Sie wird mit anderen Behinderten in einem schönen Haus betreut und gefördert, eine Einrichtung, die ich ins Leben gerufen habe. All diese Dinge habe ich in den letzten Jahren an mich herangelassen und neu über mein Leben nachgedacht.

Morgenpost Online: Was kam dabei heraus?

Friedrich Carl Flick: Neben meinem Familien- und Privatleben könnte ich meine bisherigen Aktivitäten in Kapitel einteilen. Das erste war meine Jugend, die Jahre im Familienkonzern und dann das Ausscheiden aus der Firma. Danach, im zweiten, wollte ich unbedingt eigenen wirtschaftlichen Erfolg – ich wurde ja von meinem Onkel aus der Firma gedrückt. Das dritte Kapitel war und ist meine Begeisterung für die Kunst. Nun bin ich 67 und will noch ein Kapitel anfügen, weg vom „Ich“ und hin zum „Wir“.

Morgenpost Online: Wie reagieren Ihre Freunde und Ihre Familie auf den „neuen Mick“?

Friedrich Carl Flick: Vom „alten Mick“ ist schon noch etwas übrig. Aber den Wertewechsel sehe ich schon bei meinen Kindern. Der ältere Sohn macht Filme und beschäftigt sich jetzt auch mit Holz – er macht wunderschöne Tische. Der Jüngere studiert nicht, wie es früher Familientradition war, Betriebswirtschaft oder Juristerei, sondern Orientalistik, momentan an der Uni in Tel Aviv und arbeitete bei der linken Zeitung „Ha’aretz“. Das sind deren eigene Entscheidungen, die aber sicher auch damit zu tun haben, dass ich Familientraditionen brach. Ein guter Freund, Günther Netzer, hat mir einmal gesagt: Man muss immer authentisch sein. Und ich fühle mich endlich so authentisch, wie ich es sein möchte.

Friedrich Christian Flick wurde 1944 in Sulzbach-Rosenberg geboren. Sein Großvater war der Konzerngründer Friedrich Flick. Die Familie zog nach Düsseldorf, wo Friedrich Christian Flick 1964 sein Abitur ablegte. Zu dieser Zeit kam er erstmals mit zeitgenössischer Kunst in Berührung, die mit Richter, Polke, Lüpertz oder Uecker in Düsseldorf herausragend vertreten war. Der promovierte Jurist vollzog als Flick-Erbe und Investor eine erfolgreiche Unternehmerkarriere. Als Kunstmäzen sah sich Friedrich Christian Flick, genannt Mick, indessen mit der historischen Verantwortung und nationalsozialistischen Verstrickung der Flick-Unternehmerfamilie konfrontiert.

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